Che, Joplin, Brandt: Bauer Siedentopf gibt Flüchtlingen ein Heim und sorgt sich um AfD

Eine Revolution auf dem Lande

Die syrische Familie lebt seit gut drei Wochen auf der Altmärkischen Höhe. An diesem Vormittag sind die Eltern und zwei Kinder daheim und büffeln Deutsch. Der Rest ist in der Kita oder unterwegs.

Kossebau. „Warum ist heute kein Unterricht?“, will Friedrich-Wilhelm Siedentopf wissen. Der junge Syrer schüttelt den Kopf, er versteht nicht. Seine Eltern treten hinzu.

Der Kossebauer versucht es einfacher: „Warum kein Deutsch?“ Nun wird klar, dass die Schulstunde auf den nächsten Tag verschoben ist. Seit drei Wochen wohnen Familie Mashref Aldandl und weitere Flüchtlinge auf dem Hof des Biolandwirts. „Da wir auch mit Englisch nicht so richtig weiterkommen, verständigen wir uns mit Händen und Füßen. Das muss anders werden.“

„Es wird viel gelacht, gleichzeitig tieftraurig“

Die neun Syrer und ihr Gastgeber achten aufeinander. Der gebürtige Holzmindener will bereits einen guten Draht zu den Asylbewerbern haben. „Diese Leute gehen respektvoll miteinander um, das ist eine richtige Familie. Ich habe noch kein einziges lautes Wort von drüben gehört. Es wird viel gelacht, aber gleichzeitig können sie allesamt so tieftraurig sein. Sie haben mit Sicherheit viel Schlimmes erlebt.“ Davon berichten, wenn sie denn überhaupt wollten, können die Syrer nicht. „Da ist sie wieder, diese blöde Sprachbarriere.“

Landwirt: Diese Menschen nehmen nicht nur

Wenn Siedentopf, Jahrgang 1961, in seinem Büro sitzt, kann er das Quartier der Flüchtlinge sehen. Beide Häuser trennen vielleicht 30, 40 Meter. Der Mitbegründer der westdeutschen Grünen weiß um seine Verantwortung und sieht in den Migranten eine Chance: „Diese Menschen nehmen doch nicht nur, sie geben auch.“ Dieser Satz scheint dem wortgewaltigen Wahlaltmärker in diesem Moment fast ein wenig peinlich. Schnell schiebt er nach: „Worthülsen sind eigentlich nicht meins.“ Das Telefon klingelt, ein Kunde ist dran.

Die Idole im Rücken: Willy sorgt für Gänsehaut

„Wo waren wir?“ In seinem Rücken hängen zwei große Bilder. Eines zeigt Che Guevara, die kommunistische Revolutionsikone, das andere Rocksängerin Janis Joplin, eine der zentralen Symbolfiguren der Hippiezeit. Links unten klemmt ein kleines Foto von Willy Brandt, dem vierten deutschen Bundeskanzler. Eine wilde Mischung. „Warum?“ Siedentopf schaut verwundert und fragt weiter: „Wegen Willy Brandt? Diesen Mann habe ich als junger Mensch reden hören, dieser Mann hat mich geprägt. Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut“, sagt er und zeigt zum Beweis seinen Unterarm.

Kossebauer überzeugt: „Können nur profitieren“

„Wir waren beim Geben und Nehmen“, erinnert sich der Landwirt. Da seien mögliche neue Ideen und Einflüsse, die Kultur, die Arbeitskraft, und ja, auch das frische Blut, die mit den Flüchtlingen ins Land kämen. „Die Altmark ist arm an Menschen, wir können nur profitieren. Oder habe ich das mit dem demografischen Wandel falsch verstanden?!“ Unter seinen neun Schützlingen sind sechs Kinder und Jugendliche. Allesamt stammen sie aus einem Dorf nahe Abu Kamal, einer Stadt mit mehreren Zehntausend Einwohnern.

„Flüchtlingsheime eine Riesenschande“

Der Kossebauer hat sich bereits Ende 2014 an den Landkreis gewandt und ein Haus zur Miete angeboten. „Die Menschen sind natürlich nicht freiwillig hier, in ihrer Heimat fallen Bomben, dort sterben Leute wie Fliegen“, versteht er eine Frage miss. Und dann richtig: „Sie fühlen sich hier wohl, natürlich.“ Die neun Syrer kämen doch schließlich auch aus einem kleinen Ort. Und überhaupt: „Die Unterbringung in überfüllten Flüchtlingsheimen ist dagegen eine Riesenschande. Ich bin ein absoluter Verfechter der dezentralen Unterbringung, zumal die bei der Integration nur helfen kann.“

Rechtsruck macht Querdenker zu schaffen

Migranten sind nicht bei jedem willkommen. Das sei in Kossebau und Umgebung nicht anders als in anderen Teilen des Landes. Siedentopf: „Wir haben alle ein Dach über dem Kopf, genug zu essen und haben noch nie so wenig Männer verloren wie in den letzten Jahrzehnten. Wir stehen so fett da wie kaum ein anderes Land, und dennoch greifen Verlust-ängste und Aggressivität um sich.“ Dass die volkstümelnde Alternative für Deutschland (AfD) bei den Einheimischen derart punkten kann, macht dem Querdenker zu schaffen.

Wahlaltmärker will mit AfD-Anhängern reden

Siedentopf hofft zu diesem Zeitpunkt noch, zumindest in die Stichwahl um das Amt des Seehäuser Verbandsbürgermeisters zu kommen. Es wird vergebens sein. Einmischen wolle er sich weiter, kündigt er in diesem Moment schon einmal sicherheitshalber an. Vielleicht ja auch als Kabarettist. „Wir müssen Tacheles reden.“ Mit und über die große und kleine Politik, mit und über die AfD. „Ja, richtig verstanden, auch mit der AfD“, gibt der Ostaltmärker deren Anhänger nicht verloren. Ihn selbst zieht es auch regelmäßig zu Freunden ins Wendland, seit vielen Jahren engagiert er sich gegen Atomkraft und Gentechnik. „Für meine Auftritte auf der Bühne lerne ich derzeit Akkordeon. Auch nicht so einfach.“

Vorwurf: Zahl der Betreuer im Landkreis reicht nicht

Nun aber schnell das Foto, so viel Zeit habe er ja nun auch nicht. „Ihr müsst aber nicht, wenn ihr nicht wollt“, fragt der Landwirt bei den Syrern anstandshalber nach. Die Familie hat da längst schon die Kleidung übergestreift. Ein Teil ist unterwegs. Auf das Foto will der Kossebauer nicht. „Es geht hier nicht um mich. Schreiben Sie lieber noch, dass es viel zu wenige Betreuer im Landkreis gibt. Der Betreuungsschlüssel ist einfach unterirdisch.“ Und ach ja, Bild und Text sollten lieber nach dem Urnengang erscheinen, er wolle damit ja keinen Wahlkampf betreiben.

Von Marco Hertzfeld

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