Auswertung im Arztreport 2016 der Barmer GEK zum Thema ADHS

Zappelphilipp-Syndrom bei mehr als 1000 Altmärkern

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Lernstress ist ein Faktor für die Entwicklung einer Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS).

Stendal/Magdeburg. Früher nannte man es Zappelphilipp, heute hat das Kind ADHS, heißt es oft. Ganz so einfach ist das Thema nicht vom Tisch zu wischen. ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) ist ein ernsthaftes Krankheitsbild.

Bei genau 1140 der unter 20-Jährigen in der Altmark wurde es diagnostiziert, was 3,5 Prozent der Altersgruppe entspricht. Das geht aus dem Gesundheitsreport 2016 der Barmer GEK hervor. Bundesweit sind es rund 635 000 Kinder und Jugendliche (4,3 Prozent).

Die Tendenz ist insgesamt steigend. Von 2011 bis 2014 wurde eine Zunahme der diagnostizierten Fälle um 48 Prozent verzeichnet. Im gleichen Zeitraum wuchs die Verordnungsrate entsprechender Medikamente, bekannt als Ritalin, bundesweit von 1,5 auf zwei Prozent, also nur um knapp ein Drittel. „Der Trend, bei ADHS zur Pille zu greifen, scheint vorerst gebrochen“, freut sich Barmer-Sprecher Thomas Nawrath. Im Altmarkkreis Salzwedel ging dieser Wert von 1,2 auf 1,1 Prozent zurück, im Landkreis Stendal sank er sogar von 1,5 auf unter ein Prozent. Statt 431 erhielten somit nur noch 326 Kinder- und Jugendliche aus der Altmark Ritalin.

Ein wirksames Mittel gegen Stress im Kindesalter ist das regelmäßige „Austoben“. Mädchen und Jungen, die zum Beispiel beim Kinderturnen mitmachen, können sich gegen das Zappelphilipp-Syndrom wappnen.

Generell sind ADHS-Diagnosen bei Jungs dreimal so häufig wie bei Mädchen. Die meisten Fälle werden im Alter von acht bis 14 Jahren verzeichnet. Es gibt aber auch Erwachsene, die unter dem Syndrom leiden. Interessant ist ein Vergleich zwischen den Landkreisen. Während im Altmarkkreis Salzwedel bei 308 von insgesamt 14 122 Kindern und Jugendlichen ADHS diagnostiziert wurde, das entspricht 2,2 Prozent, waren im Landkreis Stendal 832 von 17 937 unter 20-Jährigen, 4,6 Prozent, also prozentual mehr als doppelt so viele, betroffen. Salzwedel liegt damit unter den „Top 5“ aller bundesdeutschen Landkreise.

Schaut man auf die benachbarten Regionen, stehen die Landkreise Ostprignitz-Ruppin (2,3 Prozent) und Ludwigslust-Parchim (2,6 Prozent) ähnlich gut dar, wie Salzwedel. Es folgen Magdeburg (3,3 Prozent), das Jerichower Land (3,5), die Prignitz und das Havelland (je 3,7) sowie Wolfsburg (4,1). Deutlich über dem Bundesdurchschnitt liegen hingegen die Landkreise Börde (5,9 Prozent), Uelzen (6,6) und Lüchow-Dannenberg (7,2). In einigen süddeutschen Landkreisen wird ADHS mittlerweile bei mehr als jedem zehnten Schulkind diagnostiziert.

Mit einer Erklärung für diese Unterschiede kann der Barmer-Sprecher nicht aufwarten. Es könne damit zu tun haben, dass Eltern und Ärzte unterschiedlich für dieses Thema sensibilisiert sind. Womöglich würden ADHS-Betroffene noch immer oft als „Zappelkinder“ abgetan. Oder: Der Stress, dem Kinder in Schule und Familie ausgesetzt sind, ist in manchen Gegenden geringer.

Von Christian Wohlt

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