Von Woche zu Woche

Der Wolf kommt zum Rotkäppchen

„Es war einmal ein kleines süßes Mädchen, das hatte jedermann lieb ...“ So beginnt das Märchen „Rotkäppchen und der Wolf“ von den Gebrüdern Grimm.

Es geht auf Charles Perraults „Le Petit Chaperon rouge in Contes de ma Mère l’Oye“ und damit auf die Zeit 1695 bis 1697 zurück. Der Wolf ist böse, er frisst Kinder und Alte. Das ist die Botschaft. So abwegig ist das gar nicht.

Nur muss man heute „nicht vom Weg abkommen“, um dem Wolf zu begegnen, wie die Schlagzeilen dieser Woche zeigen. Damals hatte der Wolf noch Scheu vorm Menschen, heute nicht mehr. Keine 50 Meter von Häusern entfernt streunt er herum, hat auf Wiesen hinter Scheunen Schafe gerissen. Nicht nur die Immekather und Neu Ristedter dürften angesichts dieser Tatsachen schlecht schlafen. Wenn die Dorfhunde nachts anschlagen, dann wissen sie: Er ist wieder da. Ihre Kinder lassen sie nicht mehr hinterm Haus spielen.

Rotkäppchen musste im tiefen Wald vom Wege abkommen, um Isegrim zu begegnen. Jetzt kommt Isegrim zum vermeintlichen Rotkäppchen in Form der Dorfbewohner. Noch reißt er nur Schafe.

Mag man noch im Wald spazieren gehen? Pilze suchen? Einige Kindertagesstätten haben ihre „Waldwochen“ wegen des Wolfes schon abgesagt. Verständlich. Bildung in Sachen Natur bleibt auf der Strecke. Naherholung auch.

Man werde dem Wolf so gut wie nie begegnen, ihn kaum zu Gesicht bekommen, haben die Wolfsbefürworter noch vor Monaten propagiert. Er sei ein „scheues Tier“. Dass der Wolf schlau ist, haben schon die Brüder Grimm erkannt. Er hat sich weiterentwickelt und weiß heute, dass ihm, zumindest in Deutschland, keine Gefahr von Seiten des Menschen droht.

„Das junge zarte Ding wird mir besser schmecken als die Alte“, beschreiben die Brüder Grimm die Gedanken des Wolfes, der letztlich nicht nur das Rotkäppchen, sondern auch noch die Großmutter frisst. Das ist eine Assoziation darauf, dass Isegrim leichte Beute bevorzugt – junges und altes Wild, Schafe. Warum sollte er vor einem Kleinkind zurück schrecken? Ist das wirklich Schwarzmalerei?

Das Einzige, das an dem Grimm´schen Märchen nicht stimmt, ist die Aussage, dass der Wolf böse ist. Es ist seine Natur zu jagen und zu reißen. Das ist seine Überlebensgrundlage. Fressen und gefressen werden. So ist das eben im Tierreich.

Die Frage muss doch sein, bis zu welchem Ausmaß der Mensch das zulässt. Dass wir mit dem Wolf leben müssen und zum Teil auch wollen, steht außer Frage. Aber dass wir dafür „vom rechten Weg abkommen“ müssen, ist überholt. Müssen wir Menschen uns vom Wolf wirklich reglementieren lassen? Gehen wir seinetwegen nicht mehr im Wald spazieren, Pilze suchen? Lassen wir die Kinder nicht mehr auf der Wiese hinterm Haus spielen?

So weit hätte es nicht kommen dürfen, so weit ist es aber. Im Grimm´schen Märchen ist der Jäger der Retter. Diese Assoziation lässt sich auf die heutige Zeit übertragen, in welcher Form auch immer. Es müssen Entscheidungen getroffen werden, die dem Wolf seine Scheu vor dem Menschen wiedergeben. Er muss wissen: Bis hierhin und nicht weiter!

Von Ulrike Meineke

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