Bauern-Vizepräsident Werner Hilse über Mastbetriebe und Anfeindungen radikaler Tierschützer

„Unser Fleisch ist so gut wie nie“

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Werner Hilse (64) aus Schnega im Landkreis Lüchow-Dannenberg ist Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes.

Schnega / Altmark. Kranke und verletzte Schweine, Puten mit offenen Wunden: Die Tierschutzorganisation Animal Rights Watch (Ariwa) wirft führenden Funktionären deutscher Landwirtschaftsverbände vor, gegen Tierhaltungsvorschriften verstoßen zu haben.

Heimliche Filmaufnahmen von Ariwa auch aus Ställen in der Region zeigen angebliche „zahlreiche Mängel“ und „eindeutige Gesetzesverstöße“. Dabei fällt auch der Name Werner Hilse. Der Landwirt aus Schnega ist seit 2006 Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes und seit 2003 Präsident des Landvolk Niedersachsen Landesbauernverbands. AZ-Chefredakteur Thomas Mitzlaff sprach mit Hilse über eine Branche im Spannungsfeld zwischen Wirtschaftlichkeit und Tierschutz.

Herr Hilse, essen Sie eigentlich noch Fleisch?

Ja, ich esse Fleisch, und werde es weiter genießen! Die Fragestellung deutet korrekt betrachtet allerdings auf eine Veränderung der Umstände hin und ist wohl die eigentliche Frage. Fleisch und Fleischprodukte sind in Deutschland qualitativ und hygienisch noch nie so gut gewesen wie heute. Das belegt auch die amtliche Lebensmittelüberwachung.

Wenn Sie Bilder wie die jüngst von Ariwa sehen, was geht Ihnen da durch den Kopf?

Zu allererst, wie kommen die Filmer und Fotografen zu diesen Bildern? Die Aufmachung in Form der Heimlichkeit, des krimihaften Eindringens und der bildlichen Darstellung in nächtlicher Umgebung mit Taschenlicht ist erschreckend. Es gibt trotz alledem Bilder von sichtlich verletzten Tieren, die auf Mängel schließen lassen. Das stimmt nicht mit meinem Verständnis von einer verantwortlichen Handhabung überein. Dennoch sind es fast ausnahmslos Nahaufnahmen, die keine für die Gesamtbeurteilung notwendige Perspektive z.B. einer ganzen Bucht, beziehungsweise eines Stalles zulassen.

Auch ihnen als „obersten Tierhalter“ Deutschlands wirft Ariwa Verstöße vor...

Die Titulierung als solches, von der ich mir auch nicht erklären kann, wovon sie abgeleitet wird, ist an dieser Stelle augenscheinlich diffamierend. Sie ist zumindest nicht vorurteilsfrei. Der Tatbestand, dass meiner Person Bilder zugestellt wurden und ich als Betreiber der Putenmastanlage in Wohlgemuth dargestellt werde, zeugt von einer voreingenommenen Wertung und grobfahrlässiger Recherche. Bei etwas mehr Sorgfalt hätte man wohl selbst feststellen können, dass diese Anlage weder von mir noch einem meiner Verbundunternehmen bewirtschaftet wird, und dieses bereits seit fünf Jahren nicht mehr. Schon zum Zeitpunkt der eigenen Bewirtschaftung habe ich stets darauf geachtet, solche Leiden gar nicht erst entstehen zu lassen.

Die Branche ist immer wieder in den Schlagzeilen, stets wurde betont, dass es bei der Tierhaltung deutliche Fortschritte gegeben habe – wie schätzen Sie das ein?

Wenn man, wie hier geschehen, nur kranke oder verletzte Tiere zeigt, dann wird nicht das Bild von modernen, in der Tat deutlich tiergerechteren Ställen gezeigt. Grundsätzlich ist auch bei noch so guter Fürsorge des Tierbetreuers nicht zu verhindern, dass Tiere krank werden oder sich verletzen. Genauso wie unter tausenden von Menschen ist es auch bei den Tieren nicht anders. Todesfälle und Krankheiten bei unseren Nutztieren sind auch für den Tierhalter zweifelsfrei psychische und auch wirtschaftliche Belastungen, die er sich nicht wünscht. Es kommt darauf an, wie mit diesen Fällen umgegangen wird. Wichtig ist, dass frühzeitig gehandelt wird. Bei so manchem Tier ist eine Behandlungsmöglichkeit nicht mehr gegeben und auch eine Schlachtung rechtlich nicht mehr möglich, so dass das Tier unverzüglich getötet werden muss. Ich kann Ihnen aber aus eigener Erfahrung sagen, dass ein solcher Schritt für die allermeisten Tierhalter nie einfach ist und sie manchmal davor zurückschrecken – das mag manches erklärten.

Die Öffentlichkeit will einerseits billiges Fleisch, fordert andererseits höchste Standards bei der Produktion und der Tierhaltung – ist das eine heuchlerische Debatte?

Grundsätzlich möchte ich betonen, dass es nicht der Preis für das Produkt ist, was den Umgang und das Handeln des Tierhalters rechtfertigt. Vielmehr müssen wir uns fragen, ob eine weitere Optimierung der Ställe und der Haltung mehr Tierwohl leisten kann. Wenn ja, dann geht das meist einher mit zusätzlichen Kosten, die ich im normalen Wettbewerb nicht erwirtschaften kann. Dieses ist der Ansatz zum Beispiel bei der brancheneigenen Initiative Tierwohl. Wenn wir uns hier weiterentwickeln wollen, müssen wir Finanzierungsinstrumente finden, die im Wettbewerb nicht störend wirken und dennoch den Preis für mehr Tierwohl honorieren, so wie bei dieser Initiative.

Wie groß müssen Ställe etwa in der Puten- oder Schweinemast sein, damit ein Landwirt damit heute wirtschaftlich arbeiten kann?

Hier muss ich stets den Gesamtbetrieb sehen. Ich gehe davon aus – und das ist die Regel – dass es sich in den meisten Fällen um Gemischtbetriebe handelt, die sowohl Acker- und/oder Grünland bewirtschaften und daneben eben auch sinnvollerweise eine Tierhaltung betreiben. Damit werden die Höfe zugleich einer Kreislaufwirtschaft gerecht. Die Wirtschaftlichkeit bemisst sich dabei nicht nur an dem damit zu verdienenden Einkommen, sondern auch daran, wie der Arbeitsanfall geleistet werden kann. Der Tierhalter muss 365 Tage im Jahr für seine Tiere und deren Betreuung und Versorgung anwesend sein. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass auch im Krankheitsfall und für ein paar Tage Urlaub des Tierbetreuers Ersatz im Betrieb vorhanden sein muss. Um eine zusätzliche Arbeitskraft auszulasten, sind etwa 1500 Mastschweineplätze oder 20 000 Putenmastplätze nötig.

Und wie hoch müssten die Preise sein, damit das vielfach verbreitete Idealbild einer Tierzucht realisiert werden kann?

Bei den in unserer Gesellschaft kursierenden Vorstellungen, doppelt so hoch.

Ist ein Szenario von bis zur Schlachtung glücklichen Tieren nur ein Wunschdenken in einer Zeit der globalen Vermarktung?

Ich weiß nicht, woran ich das Glück meiner Tiere messen soll. Ich glaube, das schätzt jeder – Tierhalter oder Verbraucher – anders ein. Häufig wird leider menschliches Glück als Vergleich herangezogen.

Auch bei uns in der Region werden viel mehr Tiere gezüchtet, als letztlich hier konsumiert werden können – wo landet das Fleisch aus der Heide und der Altmark?

Auch an dieser Fragestellung erkenne ich, wie schwer es uns mit Definitionen geht. Sie meinen nicht gezüchtet, sondern gemästet. Ich könnte im Umkehrschluss fragen: Wo kommen die Tiere her, die uns das Fleisch, die Eier oder Milch liefern, um die Bevölkerung unserer Städte zu versorgen. Dabei gibt es noch eine ganz andere Erkenntnis: Die deutschen Verbraucher essen nur noch etwa 80 Prozent dessen, was uns die Tiere liefern. Den Rest exportieren wir in andere Regionen und importieren solche Teile, die hier bevorzugt konsumiert werden wie z.B. Schweinefilets.

Wenn Ariwa auf die Idee käme, nicht in Ställe einzudringen, sondern unangemeldet bei Ihnen um Einlass bitten würde – wären sie willkommen?

Für jeden der sich ein Bild davon machen will, wie wir mit unseren Tieren umgehen, sind wir immer bereit, unsere Türen zu öffnen. Ariwa hat aber bekanntlich das Ziel, jegliche Tierhaltung, auch die der Haustiere, abzuschaffen. Da sehe ich kaum eine Basis für einen echten Dialog.

Was empfehlen Sie konkret dem Verbraucher – worauf sollte er beim Kauf von Fleisch achten?

Ich wünsche mir, dass der Verbraucher die Arbeit eines Tierhalters, seine Kompetenz, seine nicht immer leichte und verantwortungsvolle Arbeit höher wertschätzt.

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