Salzwedeler Unternehmer ziehen Bilanz nach einem Jahr Mindestlohn

Mindestlohn: „Ist und bleibt für uns eine absolute Katastrophe“

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Friseurlehrling Pascal Studzinski (19) ist als Auszubildender noch nicht vom Mindestlohn betroffen.

Salzwedel. „Der Mindestlohn ist und bleibt für uns eine absolute Katastrophe“, erzählt Taxiunternehmerin Ramona Striecks ein Jahr nach der Einführung von 8,50 Euro Mindestlohn.

Währenddessen verbucht die Stendaler Bundestagsabgeordnete Marina Kermer (SPD) die Einführung des Mindestlohns als eine Erfolgsgeschichte: „Der Mindestlohn ist ein Meilenstein für die soziale Marktwirtschaft“, bilanziert die Politikerin.

Ramona Striecks kämpft seit dem Mindestlohn Tag für Tag um die Existenz ihres Unternehmens. Neun Mitarbeiter mussten gehen.

Seit dem 1. Januar 2015 würden rund 3,7 Millionen arbeitende Menschen von der Einführung profitieren – in Ost und West gleichermaßen. Es habe bislang keine Jobverluste gegeben, wie von den Mindestlohn-Kritikern behauptet worden war. Im Gegenteil: „Das Hoch auf dem Arbeitsmarkt hält weiter an. Wir haben die niedrigste Arbeitslosenquote seit 24 Jahren. Nur die Zahl der Minijobs ging zurück bei gleichzeitig deutlich höherem Anstieg der voll sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung“, meint die Bundespolitikerin.

Ehrliche Löhne von 8,50 Euro bedeuten für Marina Kermer mehr Steuereinnahmen, mehr Sozialversicherungsbeiträge und mehr Fairness im Wettbewerb um Aufträge. Dass der Mindestlohn der Wirtschaft schade, wie vor seiner Einführung befürchtet worden war, sei ihrer Erkenntnis nach nicht der Fall: Er nutze vielmehr. „Die Wirtschaft merkt, dass die Menschen mehr Geld in der Tasche haben“, so die Bundestagsabgeordnete weiter.

Diese Aussagen sind für Ramona Striecks ein Schlag ins Gesicht. „Wir kämpfen jeden Tag um unsere Existenz. Wir mussten Autos verkaufen und neun Mitarbeiter entlassen“, schildert die Salzwedeler Unternehmerin. Die Mehrkosten auffangen wie in anderen Bereichen, beispielsweise in der Gastronomie durch individuell erhöhte Preise oder Stundenkürzungen, geht im Fahrdienstsektor nicht so einfach.

Tierheimleiterin Franziska Thiemann (kl. Foto) hingegen muss auf die Unterstützung der Stadt und auf Spenden hoffen, um die Mehrkosten zu deckeln.

„Unsere Tarife werden durch den Landkreis vorgegeben. Wir können nur Vorschläge zur Gestaltung einbringen. Doch wenn der Landkreis ,Nein‘ sagt, heißt es sieben Tage die Woche – 24 Stunden am Tag arbeiten wie bisher“, erklärt Ramona Striecks. Zwar gab es eine Anpassung, aber die deckelt bei weitem nicht die Kosten für den Mindestlohn. „Und die Preise und auch längere Wartezeiten trägt dann unsere Kundschaft, die da leider auch nicht wirklich Verständnis für hat“, bedauert Ramona Striecks. Auch die Friseure müssen zum Teil immer noch mit der Umstellung auf den Mindestlohn kämpfen. „Wir hatten zum Glück die Möglichkeit einer schrittweisen Angleichung. Aber trotzdem würden wir einen einheitlichen Lohn, den wir innerhalb der Branche festlegen können, bevorzugen“, erklärt Rüdiger Schmitt, Pressesprecher der Frisör Klier GmbH, die zwei Filialen in Salzwedel betreibt. „Wir haben Kundenverluste in ganz Deutschland, auch weil wir unsere Preise angehoben haben“, so Schmitt.

Besonders schlimm traf die Mindestlohnerhöhung das Salzwedeler Tierheim. „Nur durch die Unterstützung der Stadt konnten wir die erhöhten Kosten tragen“, erklären die neue Tierheimleiterin Franziska Thiemann und Ingrid Ringleb, die als freiwillige Mitarbeiterin bei der Büroarbeit unterstützt. „Wir hoffen, dass die Stadt uns auch weiterhin unterstützt“, so Ringleb. Ein Umstand, den wirtschaftliche Unternehmen nicht in Anspruch nehmen können.

Von Katja Lüdemann

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