Frauen über 50 schuften im Straßenbau: Salzwedelerin schreibt Buch über ihre ABM-Zeit

„Nichts der Presse erzählen“

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ABM-Quartier mit Plumpsklo: Die Salzwedelerin Waltraut Reinke (kl. Bild) schreibt ein Buch über ihre Zeit in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.

hob Salzwedel. „ABM – Segen oder auch ganz unten“, nennt die Salzwedeler Malerin und Künstlerin Waltraut Reinke ihr neustes Werk, in dem sie sich nun auch als Schriftstellerin versucht. Ursprünglich hatte sie gar nicht vorgehabt, ein Buch zu schreiben.

Doch dann fiel ihr ihr Tagebuch, das sie während ihrer ABM-Zeit geführt hat, wieder in die Hände .

Von Waltraut Reinke

Seit 1994 gehörte auch ich zu dem, ein paar Millionen Menschen umfassenden Heer der Arbeitslosen. Vielseitiges Hausfrauen- und Freizeitleben wechselte mit diversen mehr oder weniger interessanten Schulungen, wo ich unter anderem lernte, dass ich in meinem Lebenslauf statt arbeitslos, „arbeitssuchend“ zu schreiben hatte.

Der Dozent im Winterhemd

Oder, dass man ein Hemd im Winter anders als im Sommer bügelt. Das war für uns Frauen älteren Semesters, die wir schon mindestens 30 Jahre Bügelerfahrung hatten – allerdings ohne Zertifikat – besonders interessant. Und da wir ja lernfähig sind, lauschten wir den Ausführungen des Dozenten, der uns wohl ohne Buschzulage die neuesten, wissenschaftlichen Erkenntnisse auch des Bügelns vermitteln wollte oder sollte.

Des Rätsels Lösung war: „Winterhemden werden nur von vorn gebügelt, da die Männer sowieso ein Sakko tragen ...“ Wir waren leicht verblüfft und konnten ein Grinsen nur mit Mühe verbergen. Nun ja, wieder was gelernt! Im Frühling kam der Dozent mal mit einem leicht knittrigen Hemd und jemand konnte es sich nicht verkneifen, zu fragen, ob das ein Winterhemd sei?

Dann begann wieder die große Warteschleife der Arbeitslosen bzw. der Arbeitssuchenden. Nun brauchte ich mich nicht mehr vierteljährlich im Arbeitsamt zu melden, sondern nur noch auf eine Einladung warten. Also wartete ich und erschien dann nur noch halbjährlich auf Einladung dort. Das ging drei Jahre so.

Dann kam ein besonderer Brief vom Arbeitsamt. Man bot mir eine der heiß begehrten ABM-Stellen an. Endlich! Meine erste ABM, nach sechs Jahren Arbeitslosigkeit. In der Zeit hatten manche Leute schon so einige, verschiedene ABM. Wonach das Arbeitsamt so etwas verteilt, bleibt im Verborgenen.

Nun ja, vieles hatte ich schon gehört darüber: „Geld im Schlaf verdienen, an der Arbeit festhalten, Arbeiten bis Mittag ...“ usw. Na, mal sehen. Es hörte sich jedenfalls recht interessant an. Zuverlässigkeit und gärtnerische Kenntnisse wurden vorausgesetzt. Garten ist eines meiner vielen Hobbys und Zuverlässigkeit wurde mir schon in allen, meinen Zeugnissen bescheinigt. Ob ich wohl in dem Märchenpark eine Arbeit haben würde? Ich war sehr gespannt.

Dann kam der große Tag der Einstellung und ich erschrak, wie viele ABM-Anwärter sich eingefunden hatten. Nachdem jeder seinen Arbeitsvertrag unterschrieben hatte, gab es in einem großen Raum die übliche Einführung für alle. Unter anderem wurde uns mitgeteilt, dass wir „nichts der Presse zu erzählen hätten“ ... Ich glaubte, diese Zeiten lange hinter uns gelassen zu haben. Aber wir sollten in den kommenden Monaten noch so Einiges in dieser Richtung lernen. Das war in unseren kühnsten Träumen nicht zu erwarten, welche „Behandlung“ uns noch zuteil werden sollte.

Mit dem Plumpsklo in den Sonnenaufgang

Wir wurden in Arbeitsgruppen eingeteilt. Unsere Gruppe bestand aus fünf Personen – vier Frauen, außer einer alle über 50 – und unserem Vorarbeiter. Als ich sein Gesicht sah, ahnte ich, was er wohl dachte: „Oh Mann, nur Weiber ...“ In allen anderen Gruppen waren mehrere Männer zu finden. Nun ja, er musste sich eben mit uns abfinden.

Die nächste Order war: Anstellen und Arbeitsschutzkleidung in Empfang nehmen. Diese bestand aus einer Regenjacke, genannt Friesennerz, einer warmen Weste und einem Paar Arbeitshandschuhen. Jede Gruppe bekam auch einen Bauwagen und ein transportables PC (Plumpsklo) zugewiesen.

Nun nahm das ABM-Schicksal seinen „kapitalistischen Lauf“. Mit dem „sozialistischen Gang“ hatte es sich ja ausgegangen. Per Drahtesel folgten wir dem vor uns her zuckelnden Traktor, der unser tolles Holzklo wie zur Schau durch den trüben Herbstmorgen in Richtung Arbeitsort bzw. Baustelle transportierte. Unser Auftrag war, ein Stück Straße aufzureißen und neu zu bauen. Wir Frauen kannten uns ja in allerlei Gewerken aus. Hausfrauen müssen das. Außerdem kamen wir alle aus verschiedenen Berufen. Vom Straßenbau hatten wir aber keinen blassen Schimmer. Also vertrauten wir unserem Vorarbeiter, hatte er doch wenigstens schon mal im Straßenbau gearbeitet.

(wird fortgesetzt)

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