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AZ-Redakteur: Ich bau mir jetzt 'nen Bunker

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Zivilverteidigung gehörte zu Zeiten des Kalten Krieges zum Alltag in der DDR: Hier üben die Verkäuferinnen der Pretzierer Kaufhalle das Verhalten nach einem Atomschlag. Da kommen mit dem neuen Zivilschutzkonzept bei vielen Menschen böse Erinnerungen wieder hoch.

Überraschend kam diese Woche die 2012 in Auftrag gegebene „Konzeption Zivile Verteidigung“ auf den Tisch und wurde von der Bundesregierung am Mittwoch beschlossen. Dazu gibt Innenminister Thomas de Maizière Tipps, wie man sich in einem Verteidigungsfall für zehn Tage lang selbst über Wasser halten kann.

Holger Benecke

Und Wasser spielt dabei eine entscheidende Rolle. Zwei Liter pro Tag soll jeder von uns bunkern. Dazu Gemüse, Hülsenfrüchte usw. Das löste bei vielen Menschen Urängste aus. Selbst in Salzwedel kam es zu spontanen Hamsterkäufen – darunter auch Zigaretten. Das Kah-Zet-Vau erinnert an längst vergangene und überwunden geglaubte Zeiten. Die Älteren denken an Weltkrieg, Lebensmittelmarken und Nachkriegshunger. Die, die den Kalten Krieg erlebt haben, denken an Bunkerbauwahn, an Kerzenvorrat, an Eingekochtes, an Lebensmittel in Dosen. Da sorgen das einst genossene Atombrot und das gute alte Schmalzfleisch, aber auch der Chester-Käse bei manchem heute noch für lange Zähne.

Die Zivilverteidigung der DDR und der Zivilschutz der Bundesrepublik wurden nach Ende des Kalten Krieges demontiert, abgebaut. Der Gegner hatte sich einfach aufgelöst – der Russe stand nicht mehr vor der Tür. Obwohl, er ist wieder im Kommen – das will man uns jedenfalls glauben lassen.

Im Juni hat die Bundeswehr dann auch „Anakonda“-Zähne gezeigt, um mit anderen NATO-Partnern einen simulierten Angriff Russlands auf Polen abzuschlagen – mit 31 000 Mann und ohne Zivilschutzkonzept in der Heimat.

Das ist ja nun nachgereicht, und wir fühlen uns alle sicher, während wir wieder Sicherheitszündhölzer, Batterieradios, Dynamotaschenlampen, Wolldecken und warme Unterwäsche in einen Koffer packen. Doch wo ist eigentlich der nächste Luftschutzbunker? Einen gibts noch. Unter der ehemaligen Kollwitz-Schule, wo die Flüchtlinge untergekommen sind. So sind sie wenigstens vor den befürchteten IS-Angriffen sicher, denen sie erst vor Kurzem entkommen sind.

Denn auch das wird als Zivilschutzbedrohungsszenario herangezogen. Ebenso wie Cyber-Attacken. Wenn diese die Rechner im Wasserwerk treffen, wirds böse für uns. Wenn sie den PC zu Hause lahmlegen, werden manche Eltern sich freuen, dass der Knirps von dem Kasten wegkommt und mal wieder nach draußen spielen geht.

Fakt ist, ein Zivilschutzkonzept ist nötig, wurde viel zu lange vernachlässigt. Der Zeitpunkt, zu dem es nun endlich kam, war denkbar ungünstig gewählt.

So, und jetzt muss ich weitermachen – bevor der angemischte Zement hart wird. Mein Bunker soll heute Abend fertig sein. Dann können sie alle kommen. Ich hoffe, es sind die Russen – dann drehe ich meinen gehamsterten Wodka auf ...

Von Holger Benecke

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