Es passte alles: Lessings „Nathan“ – Inszenierung des TdA mit ungewöhnlichen künstlerischen Handschriften

Keine Langeweile bei der Ringparabel

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Der Tempelritter rettet Recha aus den Flammen. Mit der „Ringparabel“ brillierten Jochen Gehle (kl. Bild, l.) als Sultan Saladin und Frank Siebers als Nathan, der Weise.

Salzwedel. In der Schule damals habe ich dieses Stück nicht sonderlich gemocht. Dürrenmatts „Die Physiker“ war mir wesentlich näher. Heute verstehe ich gar nicht, warum wir „Nathan der Weise“ in der DDR-Schule überhaupt im Unterricht hatten.

Heute frage ich mich, wo die vielen Schulklassen bei dieser grandiosen Inszenierung überhaupt waren. Sie konnten sich das Stück bereits am Tage ansehen. Anderen Orts ist so ein Stück ausverkauft, aber das ist wohl eben Salzwedel, da läuft alles etwas anders.

Zum Glück war nur das Bühnenbild ins heute und jetzt transportiert und der Text so ziemlich dort gelassen, wo er entstanden war. Lessings ausdrucksstarke Sprachvariationen wurden beibehalten. Selbst in den hinteren Reihen gut zu verstehen, mit absoluter Empathie von allen Darstellern und mit Körpereinsatz vorgetragen.

Es wurde versucht die Frage zu klären, welche der drei monotheistischen Weltreligionen ist die Beste. Die Beste ist die, die zu dir am besten passt, denke ich. Lessing führte den Absolutheitsanspruch jeder Religion ad absurdum. In Zeiten, wo ein jedweder Mensch glaubt, den Stein der Weisen mit seiner Weltanschauung gefunden zu haben, wurde genau das auf den Kopf gestellt.

Besonders brillierte Daja (Anett Sigmund) mit Mutterwitz im Sprachgestus, aber auch Sultan Saladin (Jochen Gehle) konnte absolut in seiner Rolle überzeugen. Es passte alles: Bühnenbild, Kostüme – leider nicht die Pianomusik. Da wäre etwas Moderneres zum Beispiel Hip-Hop-Musik treffender gewesen.

„Nathan der Weise“, geschrieben 1779 von Gotthold Ephraim Lessing mit dem Vernunftoptimismus der Aufklärung, ist Lessings humanistischer Appell an die Menschheit: Leute, haut euch nicht im Namen eures Gottes die Köpfe ein. Jeder bete nach seiner Fasson – und lebe friedvoll seine eigene Religion. Als solches ist Lessings Argumentationsdrama humanistische Pflicht- und Schullektüre geworden. Generationen von deutschen Schülern sind mit dem „Ringparabel“-Klassiker traktiert worden und verbinden damit nicht selten – Langeweile.

Den etwa 250 Besuchern am Mittwochabend bereitete das Lessing-Stück in der Inszenierung von Alexander Netschajew, den Videosequenzen des Salzwedelers Candy Szengel und der Dramaturgie von Cordula Jung viel Freude – was mit Applaus gebührend belohnt wurde. Ungewöhnliche künstlerische Handschriften brauchen Zeit, um sich beim Publikum durchzusetzen, dem Theater der Altmark ist das auf jeden Fall gelungen.

Von Bernd Zahn

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