Projekt für Analphabeten / Neben Lesen und Schreiben auch den Alltag meistern

„Habe mich immer irgendwie durchgemogelt“

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„Analphabet ist nicht gleich Analphabet“, erklärt Carola Schmidt. Mit verschiedenen Lernprozessen werden den Betroffenen nicht nur Lesen und Schreiben vermittelt. Auch alltägliche Situationen, wie ein Fahrkartenkauf, stehen auf dem Unterrichtsplan.

Salzwedel. „Ich habe mich im Leben immer irgendwie durchgemogelt. Das begann schon in der Schule“, erzählt Marcel aus Jeseritz. Der 40-Jährige gehört zu den knapp 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten in Deutschland. Etwa 200 000 davon leben in Sachsen-Anhalt.

„Am Anfang habe ich mir, wenn in der Schule oder zuhause Texte vorgelesen wurden, diese einfach gemerkt. Wenn ich dann an der Reihe war, habe ich alles aus dem Gedächtnis nachgesprochen.“ In der fünften Klasse aber beginnt das System zu bröckeln. Marcels Leistungen fielen rapide in den Keller. Faulheit, hieß es bei seinen Lehrern. Immer seltener geht er zur Schule. Eine abgeschlossene Berufsausbildung hat er nicht.

In kleinen Gruppen mit maximal acht Personen unterrichtet Carola Schmidt Analphabeten in Salzwedel und Stendal.

„Analphabet ist nicht gleich Analphabet“, macht Carola Schmidt klar. Die Sozialpädagogische Leiterin der Ländlichen Erwachsenenbildung (LEB) betreut seit über anderthalb Jahren knapp 24 Männer und Frauen, die Probleme beim Lesen, Schreiben aber auch beim Rechnen haben. „Wir fördern in unserem Projekt jegliche Grundkompetenzen für den Alltag. Alleine der Kauf einer Fahrkarte oder das Ausfüllen eines Überweisungsträgers stellt viele Analphabeten vor eine schier unlösbare Aufgabe.“ Das Projekt „Förderung von Grundkompetenzen für Langzeitarbeitslose“ wird über Mittel des Europäischen Sozialfonds und vom Land Sachsen-Anhalt gefördert. Neben den Betroffenen wurden auch gezielt Mitarbeiter der Jobcentren in Salzwedel und Stendal geschult und für das Thema Analphabetismus sensibilisiert.

Zwei Mal in der Woche für vier Stunden werden Buchstaben gelernt, wie man Silben zusammenzieht und am Ende ganze Sätze bildet. „Auch für uns Pädagogen ist das eine neue Erfahrung. Wir machen hier keinen Schulunterricht, sondern holen die Betroffenen auf ihrem Level ab und bauen langsam mit verschiedenen Lernprozessen auf,“ verdeutlicht Carola Schmidt.

„Ich hoffe sehr auf einen neuen Kurs. Ich möchte meinem Sohn so gerne bei seinen Hausaufgaben für die Schule helfen, bin aber oft überfordert“, sagt Ina aus Salzwedel. Gerade der Gruppenzusammenhalt hat die 41-jährige Hauswirtschaftshelferin immer wieder angespornt, den Kurs doch noch zu Ende zu bringen. „Hier mussten wir keine Angst haben, ausgelacht zu werden,“ erzählt Eckhardt. Der 44-Jährige ist stolz auf sich, weil er seit dem Kurs seine Adresse aufschreiben kann. „Und ich bringe endlich den Mut auf, auch in der Öffentlichkeit um Hilfe zu bitten, wenn ich nicht mehr weiter weiß.“

„Wichtig ist auch, dass man sich seinem Umfeld anvertraut“, sagt Marcel, der seit Jahren von einem Ein-Euro-Job zur nächsten Arbeitsbeschaffungsmaßnahme läuft. Sein großer Traum ist es, einen Lkw-Führerschein zu machen und endlich von allem unabhängig zu sein. „Ohne Bezugspersonen und Helfer, die auf solche Förderprogramme hinweisen, geht es nicht“, weiß auch Carola Schmidt. Mehr Informationen gibt es unter Tel. (03 901) 42 33 00.

Von Katja Lüdemann

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