Flüchtlingshilfe von Null auf Hundert: Eine Chronologie

Wie Einwohner von Apenburg den Neuankömmlingen in ihrem Dorf helfen

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Ilse Warlich hat den Familien einige Kalender mitgebracht. Die Jungen, wie Mohamad (13, rechts), freuen sich über die Bilder von großen Traktoren. Der junge Mann fungiert derzeit als Dolmetscher.

Apenburg. „Eigentlich hatten wir das Thema erstmal abgehakt“, erzählt Ilse Warlich aus Apenburg im AZ-Gespräch. Sie meint die Unterbringung von Flüchtlingen noch vor Weihnachten in der Gemeinde.

Dann klingelt am Donnerstag, 17. Dezember, um 6.55 Uhr plötzlich das Telefon im Hause Warlich. Der Altmarkkreis teilt mit, dass 16 syrische Flüchtlinge zwischen 9 und 10 Uhr die angemieteten Wohnungen in Apenburg beziehen werden. „Pfarrer Andreas Henke war dann als erster vor Ort“, berichtet Ilse Warlich im Beisein ihres Mannes Peter weiter. Bei dem Ehepaar und Andreas Henke liefen an den vergangenen Tagen alle Drähte zur Hilfe für die drei syrischen Familien zusammen. „Apenburg hat sie freundlich aufgenommen“, stellt Peter Warlich mit etwas Abstand zu einigen hektischen Tagen fest. Was Flüchtlingshilfe, zumindest an den ersten Tagen in Apenburg, bedeutet, zeigt die folgende Chronologie.

Donnerstag, 17. Dezember : Zehn Erwachsene und sechs Kinder aus Syrien werden aus der Käthe-Kollwitz-Halle in Salzwedel nach Apenburg gebracht. „Wir haben die Mitarbeiter des Ordnungsamtes erstmal gefragt, ob wir denn auch einmal in die Wohnungen schauen dürfen“, sagt Ilse Warlich. Die Helfer durften. „Der Anblick hat uns etwas schockiert“, erklärt Peter Warlich. Das Nötigste zum Leben – Betten, Tische, Stühle, Teller, Tassen, Besteck – war da. Doch alles andere, wie zum Beispiel einfache Gardinen, fehlte. „Zudem wünschten sie sich zum Beispiel einen Spiegel“, berichtet seine Ehefrau.

Peter und Ilse Warlich besuchen die Flüchtlinge in einer der vom Altmarkkreis Salzwedel angemieteten Wohnungen. Viele Spenden aus der Gemeinde haben dafür gesorgt, dass die Räume wohnlicher wurden.

Schnell werden Spenden im Ort gesammelt. Danach geht es zum ersten Einkauf ins Dorf. Im Frische-Markt Körber wird nach Halal-Lebensmitteln gesucht. Die Neuankömmlinge werden teilweise fündig, kaufen auch in der Landbäckerei ein. Volker Körber will einiges ab Januar auch in sein Angebot aufnehmen. Abends werden die Neubürger zum Adventshaus eingeladen. Der erste Kontakt zu vielen Apenburgern fällt zaghaft, aber herzlich aus, berichten Warlichs.

Freitag, 18. Dezember: Die Apenburger bringen ihre Spenden zu Warlichs. „Viele habe ich einfach direkt hingeschickt“, erzählt Ilse Warlich. Es geht auch ein Anruf ein: Eine Nachbarin berichtet, dass die Flüchtlinge ihren Müll in die falsche Tonne geschmissen haben. „Das haben wir schnell erklärt“, so Peter Warlich. Über das Wochenende besuchen die Neulinge immer wieder das Adventshaus. Warlichs und Pfarrer Henke schauen täglich vorbei und bringen Spenden.

Montag, 21. Dezember: Eine Frau aus Syrien ist schwanger und war lange Zeit nicht beim Frauenarzt. „Da haben wir einen Termin organisiert“, sagt Ilse Warlich. Auch dorthin, wie zu allen anderen Terminen, muss Mohamad (13) mit. Er versteht gut Englisch und auch ein bisschen Deutsch. Am gleichen Tag geht ein Anruf ein, dass noch im Dezember ein Sprachkurs beantragt werden muss. „Sonst gibt es dafür kein Fördergeld“, schüttelt Peter Warlich über die Bürokratie den Kopf.

Dienstag, 22. Dezember: Pfarrer Andreas Henke fährt mit einigen syrischen Familienmitgliedern zur Ausländerbehörde – das Ummelden steht an. Danach geht es zum Sozialamt, dann zur Sparkasse, um die finanzielle Unterstützung abzuholen. „Ja, es sind viele Wege und für alles brauchen sie einen Schein“, erzählen Warlichs. Am Mittag klagen zwei Kinder über Zahnschmerzen. In Beetzendorf können die beiden untersucht werden. Diesmal fährt Ilse Warlich. „Ein Junge war tapfer“, berichtet sie, dass ein Zahn gezogen werden musste. „Der andere nicht so, er hat den Mund nicht aufgemacht.“ Zuvor gab es bereits ein Treffen im Apenburger Pfarrhaus zum Thema Sprachkurs. Zehn ehemalige Lehrer aus der Gemeinde übernehmen diesen. „Alle haben sich spontan bereit erklärt“, freut sich das Helferteam. Gestartet wird am 11. Januar. Fünf Tage die Woche über jeweils fünf Stunden soll der Unterricht im Pfarrhaus stattfinden. 320 Stunden sind es insgesamt. Unterrichtsmaterialien sind schon bestellt. Die Zusammenarbeit mit Cornelia Blödow von der Kreisvolkshochschule beschreiben Warlichs als unkompliziert.

Mittwoch, 23. Dezember: Die Neuankömmlinge überraschen Peter Warlich mit einem Kurzbesuch. „Sie haben gefragt, ob sie beim Adventshaus am Abend eine typische Speise aus ihrer Heimatstadt Aleppo anbieten dürfen“, erzählt er. Gesagt, getan. „Nicht jeder Apenburger wollte probieren“, berichtet Warlich, doch vielen habe es sehr gut geschmeckt. „Es war ein Teig aus Weizenmehl mit Rindfleisch, Zwiebeln und Gemüse gefüllt. Es gab zwei Sorten: Scharf und weniger scharf“, erklärt Ilse Warlich. Abends fragen die Flüchtlinge, ob sie den Heiligabendgottesdienst besuchen dürfen.

Donnerstag, 24. Dezember (Heiligabend): „Wir hatten die üblichen Arbeiten an Heiligabend im Kopf“, erzählt Peter Warlich, „als gegen Mittag ein Vater mit seinem kleinen Sohn Ahmad (4) hier herkam.“ Der Junge war gestürzt. „Wir vermuteten, dass sein Bein gebrochen war“, sagt Warlich – also ging es nach Salzwedel ins Krankenhaus. Die Befürchtung bewahrheitete sich nicht. Dennoch werden Vater und Sohn stationär aufgenommen. Als der kleine Mann ins Krankenzimmer kommt, lächelt er plötzlich über das ganze Gesicht, die Schmerzen scheinen vergessen: „Television, Television“, ruft er fröhlich. Alle anderen Flüchtlinge sitzen Heiligabend in der ersten Reihe in der Kirche. Andere Plätze waren nicht mehr frei. „Wir haben uns geeinigt, dass wir beide an einen Gott glauben“, erzählt Peter Warlich von einem Gespräch mit einem der älteren Syrer.

Sonnabend, 26. Dezember (2. Weihnachtstag): Der kleine Ahmad darf das Krankenhaus wieder verlassen. Warlichs Sohn Philipp holt den Jungen und seinen Vater in Salzwedel ab. „Wir müssen sie jetzt langsam mit dem Rufbus-System vertraut machen“, meint Ilse Warlich und ergänzt, dass sie sich dazu selbst erstmal einlesen muss. „Wir nutzen den Bus ja selten bis nie“, wirft Peter Warlich ein.

Wie geht es weiter?: Peter Warlich stimmt der Aussage von Angela Merkel zu: „Wir schaffen das!“ Er schränkt aber ein, dass in eine kleine Gemeinde wie Apenburg nicht viel mehr Flüchtlinge kommen dürften. Die Hilfsbereitschaft in Apenburg bewertet er bisher als sehr gut. „Man muss viele ansprechen, dann helfen sie auch gerne.“. So wie in einem konkreten Fall: Warlichs holen bei einer älteren Dame in Rittleben einen Teppich für die Flüchtlingswohnungen ab. Ein Nachbar kommt hinzu und bietet direkt ein Fahrrad an. „Das habe ich über“, sagt er. Es wird wohl bald wieder genutzt.

Sidra (10, links) hat bereits Freundinnen in Apenburg gefunden. Kimberly (11, Mitte) und Vivian Chanthal (10) wollen ihr auch beim Deutschlernen helfen.

Vor allem soll der Kontakt mit Einheimischen nicht abreißen. Für Kimberly (11) und Vivian Chanthal (10) kein Problem. Sie haben sich bereits mit Sidra (10) angefreundet. „Wir lernen mit ihr Deutsch“, erzählt Kimberly, als sie mit ihrer Freundin bei dem Mädchen zum Spielen vorbeischaut. „Mein Name ist Sidra“, sagt die junge Syrerin, einige ihrer ersten deutschen Worte.

Ilse Warlich hebt die Spendenbereitschaft vieler Apenburger hervor. „Eine Frau brachte eine kleine Dose mit Nähzeug vorbei. Über so etwas hatten wir noch gar nicht nachgedacht“, so Warlich. „Die letzten Tage waren schon extrem“, ist sich das Ehepaar einig. Dennoch sind sie froh über das Erreichte. Nun wird der Schulbesuch der Kinder vorbereitet. Wieder stehen Behördengänge an.

Von David Schröder

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