Mit neun Jahren flieht Joseph Ametepe aus Togo

Vom Vater zurückgelassen, wird Gardelegen sein neues Zuhause

Joseph Ametepe floh im Alter von neun Jahren aus Togo. In Gardelegen kam er bei der Pflegefamilie Posselt unter. Heute lebt der 20-Jährige in Düsseldorf, doch sein Herz hängt weiter an der Altmark. Halt findet er im Fußball (kl. Bild).

Altmark / Düsseldorf. „An meine Flucht aus Togo habe ich nur verschwommene Erinnerungen. Ich war neun Jahre alt, als mein Vater mit mir nach Deutschland kam“, erzählt Joseph Ametepe.

Der 20-Jährige berichtet sachlich über das Asylverfahren, als er 2004 mit seinem Vater in Düsseldorf ankommt. „Ich weiß nur, dass er als Asylgrund politisch verfolgt angegeben hat. “ Der Asylantrag zieht sich, Joseph und sein Vater kommen über Halberstadt nach Gardelegen. Dort geht er knapp zwei Jahre zur Schule, findet Freunde und lebt sich ein. „Ich konnte schon ein wenig deutsch durch meinen Opa. Immerhin war Togo ja auch mal eine deutsche Kolonie, da ist einiges hängengeblieben. “.

Asylantrag abgelehnt, Vater untergetaucht

Als der Asylantrag eines Tages abgelehnt wird, taucht sein Vater einfach unter und lässt den damals 11-Jährigen zurück. „Ich war bei einem Freund in Magdeburg zu Besuch und mein Vater hat mich einfach nie wieder abgeholt. Zuerst habe ich es für einen Witz gehalten“, blickt er traurig über diesen Verrat zurück.

Der Teenager kommt über die Kinderstelle Magdeburg an das Jugendamt Gardelegen. Schnell ist eine Bereitschaftsfamilie gefunden, in der er für sechs Monate unterkommt. Joseph geht weiter zur Schule, während nach einer Dauerpflegefamilie für ihn gesucht wird. Annelies Posselt und ihr Mann Peter nehmen den Jungen schließlich auf. „Ich kannte Frau Posselt schon. Sie war Betreuerin in dem Hort, in dem ich hin und wieder als Kind war. Da war es schon am Anfang komisch, auf einmal in ihrer Familie zu leben“, erzählt Joseph. Bis heute nennt er seine Pflegeeltern Herr und Frau Posselt, „das war und ist für mich ein Zeichen des Respekts“. Größere Probleme hatte Joseph mit der Aufgabenverteilung in der Gardelegener Pflegefamilie. „Ich musste mich daran gewöhnen, dass dort Frau Posselt das Sagen hat und Herr Posselt auch darauf hört“, lacht er. Doch die klaren Strukturen und die Herzlichkeit, mit der er aufgenommen wird, tun dem Jungen gut. „Ich habe hin und wieder Albträume aus meiner Kindheit, von der Flucht. Das haben auch Posselts gemerkt“, berichtet der gebürtige Togolese. „Aber ich habe das immer mit mir selbst ausgemacht.“

Als schwarzes Kind in der Altmark

Gerade in der Anfangszeit bei seiner neuen Pflegefamilie hält Joseph es zunächst nur schwer in geschlossenen Räumen aus. „Die Haustür durfte nicht abgeschlossen werden, ich musste immer die Möglichkeit haben, aus dem Haus zu kommen.“ Nur unter dem Himmel fühlte sich der Teenager frei. „Es war von Anfang an schon schwer als schwarzes Kind in der Altmark. Ich wurde angefeindet, habe rassistische Sprüche hinterhergerufen bekommen“, blickt Joseph zurück. Halt findet er im Sport. Beim Fußballverein SSV 80 Gardelegen zeigt er sein Geschick, wird dadurch sogar zu einem kleinen Star in der Hansestadt.

Gemeinsam mit seiner damaligen Freundin reist Joseph nach Togo und besucht seine Familie. „Ich wollte nach meinen Wurzeln suchen. Aber der Besuch in Afrika hat mir vor Augen geführt, dass ich nirgendswo richtig zuhause bin“, zieht der 20-Jährige eine traurige Bilanz. „In Deutschland gelte ich als geduldet, in Togo bin ich der reiche Deutsche, dem man das Geld aus der Tasche ziehen kann. Aber Gardelegen und die Altmark sind und bleiben meine Heimat.“

Neues Zuhause in Düsseldorf

Joseph gilt derzeit noch als Flüchtling mit Aufenthaltsgenehmigung. Im Oktober wird er 21 Jahre alt, dann kann er die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. „Ich bin deutsch. Hier ist meine Heimat“, resümiert er. Mit Schrecken und Unglaube verfolgt er die aktuelle Flüchtlingssituation. „Wenn man sich überlegt, was diese Menschen auf sich nehmen. Die Flucht über das Meer, immer die Gefahr zu Ertrinken. Wie es in den Ländern ist, aus denen die Männer und Frauen mit ihren Kindern fliehen, dass kann man sich gar nicht vorstellen“, ist Joseph erschüttert.

Als seine Freundin nach Düsseldorf zieht, entschließt sich Jospeh, seine Ausbildung als Fachkraft für Lagerlogistik ebenfalls in Nordrhein-Westfalen zu absolvieren. Er sucht sich eine Ausbildungsstelle und eine Wohnung und baut sich in der rheinischen Landeshauptstadt ein neues Leben auf.

Kontakt zu seiner Pflegefamilie hält er weiterhin. „Wenn ich zu Besuch bin, komme ich bei den Posselts unter und dann ist es so, als wäre ich nie weggewesen“, erzählt Joseph glücklich. „Dort habe ich meine Familie und mein Zuhause gefunden.“

Von Katja Lüdemann

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