Johannes Wischer macht seine Ausbildung zum Erzieher / Aufräumen mit Klischees

Allein unter Frauen

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Beim gemeinsamen Buddeln und Sandkuchen backen ist Auszubildender Johannes Wischer in seinem Element. Auch wenn der Beruf anstrengend ist, der angehende Erzieher hat immer ein offenes Ohr für die Nöten und Sorgen der Kinder.

Salzwedel. „Ersatzpapa wäre wohl zu viel gesagt. Ich sehe mich eher als großer Bruder und Spielkamerad“, lacht Johannes Wischer, während um ihn herum die Kinder aus der Kindertagesstätte (Kita) „Am Kronsberg“ herumtoben.

Der 18-Jährige absolviert derzeit seinen Sozial-Assistenten und ist allein unter Frauen. „Das ist schon okay, es ist auch ein bisschen schmeichelhaft“, scherzt der Kuhfelder. Eine typische Rollenverteilung gibt es dort für ihn nicht. Er singt, bastelt, liest Geschichten vor und spielt Fußball, auch mit den Mädchen. Scheu vor dem 1,90-Meter-Mann haben die Kinder keine. „Sicher, meine Kolleginnen nutzen es hin und wieder schon aus, dass ich einfacher größer und körperlich stärker bin. Da muss ich dann halt die Tische und Bänke schleppen“, erklärt Johannes, „aber mir macht das nichts aus. Wenn ich nicht da bin, schaffen die Frauen ja auch alles alleine.“

Laut einer Studie des Bundesministeriums für Familie liegt der Anteil männlicher pädagogischer Fachkräfte in Kindertagesstätten bei gerade einmal 2,4 Prozent (Stand 2014). Begründet wird dieser geringe Männeranteil in der stereotypen Geschlechterordnung, in welcher die frühkindliche Erziehung der Frau überlassen werden sollte.

Johannes Wischer ist einer der wenigen Männer, die sich für einen Beruf entschieden haben, der heute immer noch als Frauendomäne gilt. „Gegen diese Vorurteile muss angegangen werden. Nicht jede Erzieherin bastelt gerne. Nicht jeder Mann spielt automatisch gerne Fußball. Aber für die Kindererziehung ist Ausgewogenheit wichtig und vielen Kindern fehlt zuhause das männliche Vorbild“, schildert Kita-Leiterin Anke Milz die Situation. Wenn Kinder ohne Vater, Opa oder Onkel aufwachsen, fehlt ein Bereich der Erziehung. Das war auch für Johannes ausschlaggebend: „Ich hatte zuhause meine Eltern, aber in meinem Kindergarten und in der Ganztagsbetreuung gab es keine männliche Bezugsperson. Das fand ich damals schon traurig.“

Freunde und Familie unterstützen den 18-jährigen Auszubildenden und auch bei den Eltern kommt der sympathische junge Mann in der Kita gut an. „Die Kinder erzählen oft zuhause, was wir hier den ganzen Tag machen. Und oft kommen die Eltern auf mich zu und bedanken sich. Auch dafür, dass endlich ein Mann in der Kita ist“, freut sich Johannes über die durchweg positiven Aussagen.

Aber nicht nur gegen das Vorurteil, Kindererziehung sei eine reine Frauenangelegenheit, sollte angegangen werden, findet Milz. „Das Bild des Berufs Erzieher hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt. Wir trinken nicht den ganzen Tag Kaffee und lassen die Kinder alleine herumtoben. Mit dem neuaufgestellten Bildungsprogramm stehen wir für eine qualitative Vorbereitung und fördern und fordern unsere Kleinen im Lesen, Sprechen und Schreiben“, so Milz.

Johannes Wischer wird in diesem Jahr seine zweijährige Ausbildung als Erzieher antreten. Wo, weiß er noch nicht. Seine Kolleginnen und auch die Kinder hoffen, dass der junge Mann bleiben kann, so sehr haben sie sich an ihn gewöhnt. Ob er Erzieher bleiben wird, oder sich vielleicht irgendwann auch vorstellen kann, eine Einrichtung zu leiten, darüber will Johannes jetzt noch nicht nachdenken.

Von Katja Lüdemann

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