Erstes Zivilschutzkonzept nach dem Kalten Krieg sorgt für Hamsterkäufe und böse Erinnerungen

„Äußerst ungeschickter Zeitpunkt“

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Zivilverteidigung gehörte zu Zeiten des Kalten Krieges zum Alltag in der DDR: Hier üben die Verkäuferinnen der Pretzierer Kaufhalle das Verhalten nach einem Atomschlag. Da kommen mit dem neuen Zivilschutzkonzept bei vielen Menschen böse Erinnerungen wieder hoch.

Salzwedel. Morgen will das Bundesinnenministerium das erste Zivilschutzkonzept nach dem Kalten Krieg vorstellen. Gestern deckten sich bereits die ersten Salzwedeler – vor allem ältere Leute – mit Wasser, Zucker und Essbarem ein.

Denn in dem Konzept heißt es: „Die Bevölkerung wird angehalten, einen individuellen Vorrat an Lebensmitteln von zehn Tagen vorzuhalten. “ Das heißt auf gut Deutsch: Im Katastrophenfall können wir euch nicht mehr versorgen, und jeder ist sich selbst der Nächste.

Bei den ganz Alten kommen da düstere Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und vor allem an die Hamsterkäufe nach dessen Ende hoch. Bei Jüngeren ist es der DDR-Alltag, in dem jeden Tag der so genannte Ernstfall vor der Tür stand – zumindest propagandistisch. Im Kalten Krieg übte die Zivilverteidigung das Überleben nach Atomschlägen und das Versorgen der Bevölkerung auch in anderen großen Katastrophenfällen. Dazu gab es riesige Lager mit Lebensmitteln und Versorgungsgütern. Nach der Wende wurde die Zivilverteidigung aufgelöst.

„Keine Panik“, sagt Hans Thiele, Dezernent und oberster Katastrophenschützer im Altmarkkreis. Für ihn ist klar, dass das Bundesinnenministerium sich auf alle denkbaren Lagen vorbereiten und dazu Konzepte entwickeln muss, so wie Thiele sie auf Kreisebene schon hat und ständig verbessert. Der Dezernent hält die Diskussion über das Zivilschutzkonzept des Bundes zum gegenwärtigen Zeitpunkt für „äußerst ungeschickt“. „Alle denken nun, das hat etwas mit den Terroranschlägen zu tun“, sagt Thiele. Und erklärt: „Wenn in Frankfurt ein Terroranschlag verübt wird, bekomme ich in Salzwedel immer noch Wasser und Lebensmittel.“ Klar ist, dass der Bund sich auch für alle anderen Szenarien wappnet, die größere Ausmaße annehmen. „Aber“, so beschwichtigt Thiele, „selbst in Kriegsgebieten sind nicht alle Wasserleitungen mit einem Mal kaputt. Und auch nicht alle Stromleitungen.“ Das werde eher kritischer bei lokalen Katastrophen wie beim Orkan „Kyrill“ im Januar 2007. „Wenn über mehrere Tage der Strom ausfällt, spucken auch die Bankautomaten kein Geld aus, und ich kann mir keine Lebensmittel kaufen“, macht Thiele deutlich.

In seiner Unteren Katastrophenschutzbehörde ist man darauf vorbereitet: „Wir stehen mit allen Discountern, Wasserversorgern usw. in Verbindung, um handeln zu können“, macht Thiele deutlich. Der Oberstleutnant ist zugleich Chef des Kreisverbindungskommandos, das in Katastrophenfällen die Zusammenarbeit der zivilen Stellen mit der Bundeswehr koordiniert.

Doch zurück zum neuen Zivilschutzkonzept des Bundes, in dem es heißt, dass ein Angriff auf das Territorium Deutschlands, der eine konventionelle Landesverteidigung erfordert, unwahrscheinlich sei. Dennoch sei es nötig, sich auf eine solche, für die Zukunft nicht grundsätzlich auszuschließende existenzbedrohende Entwicklung vorzubereiten. Starker Tobak. Auch für Thiele. „Dass das eintritt ... da kann ich auch Lotto spielen. Ruhe bewahren.“

Von Holger Benecke

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