Schauspielerin Ingrid Birkholz gibt Mascha Kalékos Poesie einen atemberaubenden Hafen

„Zur Heimat erkor ich mir die Liebe“

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Schauspielerin Ingrid Birkholz steht und bringt anderen Mascha Kaléko nah.

Osterburg. Mascha Kalékos Poesie ist nichts für schwache Nerven. In ihr spiegelt sich ein Stück des alten Deutschlands, das im politischen Wahnsinn ihrer späten Jugend verloren ging. „Ich, Europas blasses Judenkind “, erkennt die 1907 geborene Dichterin in einem ihrer Werke.

Der Poesie größtes Thema, die Liebe, führt die von politischen und persönlichen Irrungen und Wirrungen in der Welt Umhergeworfene so grandios unkitschig und originell aus, dass die Zeilen für die Ewigkeit geschrieben scheinen. „Zur Heimat erkor ich mir die Liebe. “ In Ingrid Birkholz, der Theaterschauspielerin, hätte die Kaléko vielleicht so etwas wie eine Seelenverwandte erkannt. Die Altmärkerin hat innerhalb der 25. Landesliteraturtage in Osterburg aus Arbeiten der berühmten und doch recht unbekannten Dichterin vorgetragen: „Ein Leben im Gedicht. “ Ein aufregender Abend im evangelischen Gemeindesaal, nicht nur für Frauen, die allerdings in der Überzahl waren.

Wer Kaléko kennt, trägt ein Jugendbild im Kopf. Dunkles Haar, Augen, die sehen, was andere nicht sehen, und betonte Lippen. „Ich aß die grünen Früchte der Sehnsucht.“ Birkholz hatte die Lesung in Zyklen aufgebaut. 75 Minuten an einem Stück, niemand bekam eine Pause, richtig so. Pianist Ronny Kaufhold hatte für die „Lebensreise der Mascha Kaléko“ eigens passende Musik zusammengestellt. Und so konnten sich die Zuhörer mal im Berlin der 1920er-Jahre fühlen, mal in den USA, in Israel oder ganz woanders. 1975 starb die Poetin und ist auf einem jüdischen Friedhof in der Schweiz begraben. In ihrem bereits 1945 erschienenen Gedicht „Memento“ heißt es: „Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang, nur vor dem Tod derer, die mir nah sind.“ Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki befand einmal: „Sie dichtete ihr Leben, und sie lebte ihre Dichtung.“

Die Kaléko-Lesung der Birkholz dürfte zu den Glanzpunkten der Osterburger Landesliteraturtage gehören. Worte voller Leidenschaft, gekonnt inszeniert. Bitte mehr davon.

Von Marco Hertzfeld

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