Zehn Jahre „Lindenstraße“: Schauspieler Gunnar Solka (43) trägt seine Heimat Osterburg im Herzen

„Für mich eine wunderbare Schule“

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Peter „Lotti“ Lottmann hat wieder einmal eine seiner berühmt-berüchtigten Visionen. Diesmal träumt er von einer Boutique im Friseursalon. Gabi Zenker (l., Andrea Spatzek) und Tanja Schildknecht (Sybille Waury) haben sich fesseln lassen.

Osterburg/Berlin. Gunnar Solka ist Osterburgs Gesicht in der „Lindenstraße“. Seit zehn Jahren gehört der gebürtige Biesestädter zum Ensemble der TV-Kultserie. Er verkörpert den ziemlich draufgängerischen Peter „Lotti“ Lottmann.

Der Friseur bekommt derzeit besonders viele Sendeminuten. Die AZ hat den 43-jährigen Schauspieler befragt.

Interview

Sie spielen in der „Lindenstraße“ einen Friseur. „Lotti“ ist der Kaufsucht verfallen. Herr Solka, wie konnte es denn bloß so weit kommen?

Für die „Lindenstraße“ als Figur entwickelt zu werden, bedeutet, Konflikte zu erleben. Insofern ist die Suchterkrankung ein logisches Resultat. Die Hauptschuld an Lottis Dilemma liegt in der Natur unserer Autoren, gesellschaftsrelevante Strömungen ins fiktionale Drama zu übernehmen und spannend zu erzählen.

Die Macher der „Lindenstraße“ greifen ja gern sozialpolitische Themen auf. Inwieweit berührt das Thema „Kaufsucht“ Sie persönlich, was fällt Ihnen dazu ein?

Ja, dafür steht die „Lindenstraße“ seit fast 30 Jahren und das sehr konsequent. Als ich von der Storyline erfuhr, habe ich dank der Vermittlung durch eine Berliner Selbsthilfegruppe begonnen, mich mit einigen Kaufsüchtigen zu treffen. Deren Offenheit verdanke ich Einsicht in eine Krankheit, die in der Öffentlichkeit nahezu unbekannt ist. Ein Mann, den ich auch beim Einkaufen begleiten durfte und mit dem ich weiterhin gern in Verbindung bin, hat sich inzwischen für eine Kaufsucht-Reportage im ZDF filmen lassen. Mir persönlich ist es wichtig, dass diese Krankheit ernst genommen wird. Allein, dass das Thema Kaufsucht auf der Homepage der Lindenstraße ausführlich diskutiert wird, freut mich für die Betroffenen.

„Lotti“ hat in den vergangenen Folgen auffallend viele Sendeminuten bekommen. Wenn Drehbuchautoren und Regisseure eine Rolle derart fesselnd ausbauen, kann es mitunter passieren, dass der Held kurz darauf stirbt oder anderweitig aus der Rolle fällt. Die „Lindenstraße“ ohne „Lotti“ – muss sich der Zuschauer Sorgen machen?

In den vergangenen Monaten hat Peter Lottmann seine Suchterkrankung unterschätzt, sie verheimlicht und sich in Depression, Betrug und Diebstahl verfangen. Ich habe bei Treffen mit den Süchtigen erfahren, dass diese Krankheit im schlimmsten Fall zu einer Selbsttötung führen kann. Ob sich Lotti das Leben nimmt, mithilfe seiner Freunde und der Selbsthilfegruppe einen Ausweg findet oder in weiteren Konflikten an dieser Sucht scheitert – die „Lindenstraße“ überlässt diese Sorge gern den Zuschauern.

Sie stammen aus Osterburg. Was verbindet Sie heute noch mit Ihrer Heimatstadt?

Meine heutige Wohnung in Berlin habe ich nach meinem Wegzug aus München vor neun Jahren durch Maren, eine Freundin aus Osterburger Zeiten, gefunden. Zwei ehemalige Osterburger nun als Nachbarn in Berlin-Friedrichshain. Mit Osterburg verbindet mich heute die knapp einstündige Bahnfahrt von Berlin nach Stendal. Die restlichen Kilometer übernimmt das Auto meiner Eltern. Ich telefoniere auch sporadisch mit Freunden meiner Eltern und frage mich gerade mit meinem katastrophalen Zahlengedächtnis, wann das nächste Klassentreffen ansteht, hoffentlich wieder von Enrico Lehnemann organisiert und vielleicht bald wieder in der Landessportschule. Und als Filmstadt hatte ich Osterburg bereits in meinem Berliner Wohnzimmer: in Gabi Kubachs Zweiteiler „Bernsteinamulett“, der im Krumker Schlosspark gedreht wurde, den ich immer noch gern besuche und dort für ein paar Schwimmstöße in die Biese steige.

Sie sind ziemlich viel in der Welt herumgekommen. Was hat Osterburg, was andere Städte nicht haben?

In meiner Kindheit und Jugend hatte die Kleinstadt Osterburg – den Filmklub eingeschlossen – zwei Kinos als magische Fenster in die Welt, das große Schwimmbad am „Fuchsbau“ und es gab vor dem in meiner Erinnerung riesigen Kulturhaus den niedlichen Zeitungskiosk von Frau Krogul, für dessen Angebote fast täglich mein Taschengeld draufging. Im Kulturhaus selbst erlebte ich als Kind neben Frank Schöbel und anderen Künstlern auch die Osterburgerin Martina Guse, die kurz darauf zur Theaterhochschule nach Leipzig ging und Schauspielerin wurde; wie vor und nach ihr auch Thomas Rühmann und Dominique Siassia, die auch aus meiner Heimatstadt stammen. Ungewöhnlich hohe Schauspielerdichte für ein so kleines Städtchen. Besonderheiten der Heimatstadt sind subjektiv: Es gab an der August-Bebel-Straße Dachböden, auf denen man in alten Zeitschriften lesen konnte und hinter der Siedlung einen idealen Wald für Räuber-und-Gendarm-Spiele. Beschauliche Provinz, die Bodenständigkeit und Kultur geboten hat. Wir hatten mit Wolfgang Reikowski einen Russischlehrer, der zudem einen fabelhaften Humor zu vermitteln wusste. Unbezahlbar. Für mich war Osterburg eine wunderbare Schule.

Sie sind 2004 zum Team der „Lindenstraße“ gestoßen. Zehn Jahre sind auch für einen Seriendarsteller eine lange Zeit. Wie wichtig ist Ihnen die Lindenstraße und – was meinen Sie – wie wichtig ist sie dem deutschen Publikum?

Ein Bestandteil der Sonntage meiner Jugendzeit war sie seit 1985. Es gab im Magdeburger Studentenwohnheim ein dreimonatiges Fernsehverbot, denn „Lindenstraße“ im Gemeinschaftsraum war ja öffentliches Westfernsehen und damit verboten. Neben der Arbeit ist die „Lindenstraße“ für mich auch privat unverzichtbar geworden: Dort habe ich in meinen Kollegen Sybille Waury, Georg Uecker, Horst D. Scheel und Sara Turchetto enge und wertvolle Freunde gewonnen. Meinem Freund, mit dem sich seit fast acht Jahren zusammenlebe, wurde sein Outing in der Jugend dank der „Lindenstraße“ erheblich erleichtert. Seine Oma meinte darauf: „Alles in Ordnung, das gibt es ja auch in der Lindenstraße.“ Eine solche Haltung hätte ich mir – auch in Bezug auf körperliche Unversehrtheit – vor zwei Jahrzehnten auch für einige wenige Schwachköpfe aus dem Osterburger Umland gewünscht. Für das deutsche Publikum ist die „Lindenstraße“ eine unverzichtbare Marke – ein fortlaufendes und einzigartiges Zeitdokument.

Neben Ihrem Engagement in der „Lindenstraße“ stehen Sie hauptsächlich auf der Theaterbühne. Wo arbeiten Sie momentan, was ist geplant, treten Sie vielleicht sogar bald einmal wieder in irgendeiner Form beruflich in der Altmark auf? Wie Sie wissen, hat Stendal, keine 30 Kilometer von Osterburg entfernt, ein Theater, das TdA.

Stendal war der Ausgangspunkt auf dem Weg zur „Lindenstraße“. Mit meiner noch heute engen Freundin Anna Bergmann aus Kläden bei Stendal, inzwischen das laut Süddeutscher Zeitung „Fräuleinwunder des deutschen Theaterbetriebs“, war ich Anfang der 90er ständig im TdA. Ich habe mir allein achtmal Goswin Moniacs „Hamlet“ angesehen. Anna und ich verbrachten fast jeden Abend mit den Schauspielern in der Kantine und später im Herbsthaus. Bei meinem Weggang nach München dachte ich auch daran, vielleicht nach Stendal zurückzukehren, um mit Michael Schenk, Astrid Maus und anderen wunderbaren Schauspielern dieses Ensembles arbeiten zu können. Doch niemand von ihnen blieb und ich verlor die Bindung. In der „Lindenstraße“ traf ich dann Rupert Schieche aus dem Stendaler Ensemble wieder. Er war jahrelanger Kindercoach und spielte zudem im „Akropolis“ den Kellner Ferdinand. Von 1998 bis 2005 habe ich viel und gern Theater gespielt, doch angesichts des Überangebots an Schauspielern im Verhältnis zu den verfügbaren Rollen ist es sowohl in Berlin als auch in Stendal sehr schwierig, ein Engagement zu bekommen.

Wie groß ist die Chance, dass Sie irgendwann wieder ganz nach Osterburg zurückkehren und dort leben. Sie kennen die Reize der Altmark. Ein altmärkischer Altersruhesitz in 30, 40 Jahren – was halten Sie davon?

Ich bin ja – gerade durch die Nähe zu Berlin – sehr häufig bei meiner Familie in Osterburg. Meinen Lebensmittelpunkt bilden meine in Berlin lebenden Freunde. Zu Sybille und ihrer Familie laufe ich gerade mal ein paar Schritte, zu Anna einige mehr. Gerade erkunde ich im Berliner Umland die von Förstern erstellten mehrstündigen Wanderwege. Aber im Alter ist die Strecke über den Fuchsbau nach Krumke ja auch nicht ohne Reiz. Da ich nie dazu neigte, mein Leben zu planen, lasse ich mich da gern überraschen.

Von Marco Hertzfeld

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