Rotfront: Polizei hat ausgerechnet Ernst Thälmann vor der Nase / Stadt will keinen Staub aufwirbeln

Straßenkämpfer nicht totzukriegen

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Thälmann führte den Rotfrontkämpferbund in Straßenkämpfe mit politischen Gegnern und der Polizei. In Osterburg erinnert ein Denkmal auf dem Weinberg an ihn. Marx zeigt sogar Gesicht.

Osterburg. Ein Berliner Stadtbezirk verbannt dieser Tage Kolonialherren wie Gustav Nachtigal. Mit Nationalsozialisten machten Ost und West nach dem Krieg mehr oder minder kurzen Prozess. Wie eine Straße heißen darf und wie nicht, darüber wird regelmäßig gestritten.

„Spiegel online“ stört sich an Tausenden Kommunisten in Ostdeutschland. Vor zehn Jahren habe auch Osterburg mitunter heftig über Straßennamen aus DDR-Zeiten diskutiert. Zu einem Bildersturm sei es damals nicht gekommen. Wie die Gemütslage in der Bevölkerung aktuell ist, vermag Bürgermeister Nico Schulz nicht zu sagen. Der Christdemokrat sieht momentan keinen Anlass, von sich aus zu handeln. „Ich werde den Teufel tun und in dieser Sache einen Vorstoß machen.“

In der Einheitsgemeinde haben zahlreiche kommunistische Straßennamen die Wiedervereinigung überlebt. Ernst Thälmann, Karl Liebknecht, Karl Marx und Rosa Luxemburg beispielsweise tauchen wie selbstverständlich im Straßenbild auf. Auch eine Schule trägt den Namen von Marx, Theoretiker des Staatskommunismus, dessen Theorien bis heute kontrovers diskutiert werden. Wer in Westdeutschland aufgewachsen ist und es nicht besser weiß, könnte den Eindruck gewinnen, die SED sei noch immer am Ruder. Als die Kommunisten nach 1945 an die Macht kamen, verewigten sie ihre Helden auf Straßen und Plätzen. Ob Komponisten, Tiere, Blumen oder sonst was – alles und alle mussten weichen. Sogar ganze Städte wurden umbenannt, Chemnitz hieß fortan Karl-Marx-Stadt.

„Vieles davon hat überlebt, obwohl die SED noch selbst die schlimmsten Auswüchse beseitigte“, schreibt „Spiegel online“. Der sowjetische Diktator Josef Stalin sei genauso aus dem Straßenbild getilgt worden wie der in Ungnade gefallene SED-Chef Walter Ulbricht. Letztgenannter ist, wie Historiker und Politologen wissen, schon in seiner Jugend so etwas wie ein Berufsrevolutionär gewesen und hatte das Kommando in der Berliner KPD. Beim Kampf der stalinistisch ausgerichteten Partei gegen Sozialdemokratie und republikanische Ordnung soll er im Führungszirkel um Ernst Thälmann gesessen haben.

Und dieser Thälmann, der 1944 von den Nazis ermordete KPD-Chef, gibt einer der wichtigsten Straßen Osterburgs den Namen, an der auch noch ausgerechnet die Polizei des wiedervereinigten Deutschlands den Sitz hat. CDU-Mann Schulz kennt den Kommunisten und Straßenkämpfer aus dem Geschichts- und Staatsbürgerkundeunterricht. Vielen Ostdeutschen dürfte es genauso gehen. „Warum wir Thälmann nicht ehren sollten“ hat Klaus Schroeder, Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat in Berlin, unter gleichlautender Überschrift vor einiger Zeit im Berliner „Tagesspiegel“ geschrieben. Schulz kennt die unterschiedlichen Sichtweisen. „Doch wir hier können mit all dem gut leben.“

Von Marco Hertzfeld

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