Eine Zufallsbegegnung: Junge Migrationshelferin aus Berlin von Osterburgs Straßenkunst fasziniert

Slowenin erhascht flüchtigen Blick

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Das sogenannte Lies-Haus ist im 19. Jahrhundert errichtet worden. Nach wechselvoller Geschichte und politischer Wende steht es seit etlichen Jahren leer. Das Graffito soll ein Aushängeschild der Stadt sein sowie den in Teilen sanierten Komplex und die Umgebung neu beleben helfen. Das Wandbild zeigt auf amüsante Weise ein historisches Stadttor. Iva Radulovics Daumen geht nach oben.

Osterburg. Eine junge Frau scheint von dem Graffito des Lies-Hauses regelrecht gefesselt, und fällt auf.

Sie tritt nun sogar bis auf einen halben Meter an die Fassade heran, hebt die quietschrote Sonnenbrille von der Nase, schaut auf die Details und kann es dennoch nicht ganz glauben, dass dieses Wandbild tatsächlich mit Farbe aus Sprühflaschen aufgetragen worden ist. „Unglaublich, eine tolle Qualität, und das Motiv ist auch noch ungewöhnlich und unterhaltsam“, zeigt sich die junge Slowenin an der Breiten Straße in passablem Deutsch überrascht. Sie heiße Iva Radulovic, sei morgens mit dem Bus aus Stapel, wo sie bei Bekannten urlaubte, angekommen und wolle die Kleinstadt Osterburg erkunden, erfährt die AZ. Eine Zufallsbegegnung.

Und wieder geht der Blick zum Kunstwerk. Sie sei natürlich keine Expertin, wie sie lächelnd meint, kenne Streetart, Straßenkunst, aus Berlin. Aber hier auf dem flachen Land, in der Provinz? Als die Sozialpädagogin, die sich in der Bundeshauptstadt um Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und anderen Ländern kümmert, auch noch erfährt, dass das gut zwei Jahre alte Osterburger Graffito alles andere als illegal ist, von einem einzigen Künstler, dem Käthener Michael Braune, stammt und von Politik und Unternehmertum gesponsert wurde, will sie noch mehr über die Stadt und deren Menschen wissen. Bislang kenne sie nur das, was im Internet zu finden sei, und das reiche ihr nicht.

Die Wahlberlinerin ist in Maribor, der zweitgrößten Stadt Sloweniens, aufgewachsen. An der Spree habe sie ein Praktikum absolviert und sich weiter in Deutschland verliebt. Dass die Regierungen beider Länder in der Flüchtlingspolitik nicht unbedingt ein und denselben Weg eingeschlagen haben, möchte Radulovic nicht großartig kommentieren. „Jeder, der Hilfe braucht, sollte diese bekommen und willkommen sein. Kein Mensch ist illegal. Doch alles hätte vielleicht zwischen allen Staaten noch ein bisschen besser organisiert und gelenkt werden können“, meint die Sozialpädagogin, die über den Verein „Evin“, einen freien Träger der Jugendhilfe, für Flüchtlinge tätig ist, diplomatisch. Die 25-Jährige muss nun weiter, bis 13 Uhr habe sie nur Zeit, dann geht es mit dem Zug zurück nach Berlin. Ein zweites Braune-Werk, das Graffito am Biesebad, und die historische Altstadt möchte sich die Slowenin unbedingt noch anschauen. Ihr Zug am Nachmittag wird in Stendal halten, auch dort hat der Künstler seine Spuren hinterlassen, zum Beispiel nahe dem Marktplatz. Vielleicht bleibe sie ja doch ein wenig länger in der Altmark und erkunde nach Osterburg auch noch die Kreisstadt.

Von Marco Hertzfeld

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