Straathof, Geiz und Krise: Bauernverband sieht die Branche unfair behandelt

Schweinehalter am Pranger: „Absurder geht es nicht“

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Eine Sau und ihr Nachwuchs sind ein Magnet der Tier- und Gewerbeschau gewesen. Ein ostaltmärkischer Betrieb hatte im Osterburger Ortsteil Krumke seine Tiere ausgestellt.

 Stendal. Seuchen, Lebensmittelskandale, Preissorgen und scheinbar nimmermüde Tierschützer machen Schweinehaltern das Leben schwer. Hinzu kommt der Dauerstreit um Großzüchter Adrianus Straathof, der auch im ostaltmärkischen Wasmerslage eine Mastanlage aufgebaut hat.

Kerstin Ramminger

Die AZ hat Kerstin Ramminger, Geschäftsführerin des Kreisbauernverbandes Stendal, zur Situation der Branche befragt.

Interview

Schweine-Baron Adrianus Straathof hat es nicht nur im Jerichower Land zunehmend schwer. Wie sehr schadet der umstrittene Schweinezüchter der gesamten Branche?

Das Verfahren im Jerichower Land läuft noch. Ich kenne die einzelnen Verfahrenspunkte nur aus der Zeitung und kann mich somit dazu nicht äußern. Jedoch hat das Gerichtsurteil zur Größe der Kastenstände sehr starke Auswirkungen auf unsere Schweinehalter. Die Größe der Kastenstände ist der Größe der Sau anzupassen, subjektiver geht es nicht. Bei Kontrollen der zuständigen Ämter hat hier immer der Sauenhalter das Nachsehen. Hinzu kommt, dass Ställe, die vor zwei Jahren gebaut wurden, jetzt nicht mehr der gesetzgeberischen Norm entsprechen. Absurder geht es nicht. Wo bleibt die Planungssicherheit in der Landwirtschaft, wo bleibt die Sicherheit der vor Ort Arbeitenden? Denn eine Sau ist nicht zu unterschätzen – hier kann schnell mal einer in die Ecke gedrückt werden. Tierwohl vor Menschenwohl?

Die zuständige Kontrollbehörde hat dem Straathof-Betrieb in Wasmerslage regelmäßig ein überraschend gutes Zeugnis ausgestellt. Dort soll ein Sohn Straathofs das Sagen haben. Inwieweit schauen die Kontrolleure nicht ausreichend hin?

Unser Veterinäramt ist eine Kontrollbehörde mit sehr strengem Regime, gerade unter dem Aspekt der Seuchenvermeidung und des Tierwohls. Ich weiß, dass hier sehr korrekt gearbeitet wird. Vielleicht sollte man nicht alle Schweinehalter über einen Kamm scheren. Die Vorwürfe im Schweinehochhaus Maasdorf in Anhalt-Bitterfeld sind auch haltlos gewesen, Tierschutzorganisationen sind nicht immer wahrheitsliebend.

Mag es auch immer mehr Veganer und Vegetarier geben, viele Deutsche wollen auf ihren Braten nicht verzichten. Wo sehen Sie das Schwein auf einer Speisekarte in zehn und 20 Jahren?

Fünf Prozent der Bevölkerung in Deutschland leben vegan. Dem großen Rest wird ein schlechtes Gewissen eingeredet über Tierschutzorganisationen, die damit einen Haufen Geld akquirieren. Sicher gibt es schwarze Schafe, wie in jeder Branche, aber ich kenne mehr Landwirte, die Naturschützer sind, als Naturschützer, die ordentliche Landwirte sind. Was wir bei der Flut 2013 zu spüren bekommen haben. Die Grillsaison läuft, der Schweinepreis ist leicht angestiegen. Das sagt doch alles zum Verhalten des Verbrauchers. Schweinefleisch wird auch noch in 20 Jahren ein Erfolgsschlager sein. Denn der Mensch braucht Fleisch, um sich gesund zu ernähren und alle Körperfunktionen aufrechtzuerhalten. Nicht umsonst warnt die Wissenschaft davor, Babys und Kleinkinder nur vegan zu ernähren.

Selten war Schweinefleisch so billig wie derzeit. Wie viel muss der Kunde aktuell bezahlen und wo liegt die Schmerzgrenze für den Produzenten, den Landwirt?

Die Schweinepreise schwanken schon seit Jahren, die Landwirte haben sich damit irgendwie arrangiert. Zurzeit gibt es eine Belebung auf dem Markt, was sicherlich der Fußball-EM, der Grillsaison und dem Sommer überhaupt geschuldet sein kann. Aktuelle Verbraucherpreise kann ich nicht beziffern, ich beziehe mein Fleisch beim Metzger meines Vertrauens und nicht im Discounter. Der Kilopreis für Schlachtschweine ist um mehr als zehn Cent angestiegen und sollte bei nochmaliger Erhöhung um zehn bis 15 Cent im betriebswirtschaftlichen Bereich liegen.

Kritische Zungen meinen, die Probleme in der Schweinezucht seien hausgemacht, es werde viel zu viel Fleisch produziert und der Markt sei alles andere als wirtschaftlich gesund. Bauern zeigen auf Discounter und die auf Verbraucher. Von unseliger Massentierhaltung ist genauso die Rede wie von Tierfabriken. Welche Rolle spielt die Altmark in diesem Szenario?

Geiz ist geil, das ist doch die Mentalität, die uns die Discounter vorgaukeln. Aber es sind nicht die Landwirte, die Fleisch in Wasser legen, um es schwerer zu machen, oder abgelaufene Packungen neu deklarieren. Der Begriff Massentierhaltung ist laut Wikipedia eine Haltung einer einzigen Tierart, die nicht mit den vorhandenen Ackerflächen oder Weideland ernährt werden kann, hat also nichts mit Marktschwemme zu tun. Im Landkreis Stendal stehen circa 82 000 Schweine verteilt auf 24 Betriebe, im Durchschnitt also 3500 Schweine pro Betrieb. Bei 114 976 Einwohnern im Landkreis bekommt jeder nur 0,7 Schweine ab. Wenn man bedenkt, dass früher in fast jedem Haushalt zwei bis drei Schweine gehalten wurden, sind wir im Limit. Unser Landkreis ist auf Platz 7 im Landesvergleich, hat also keinen großen Anteil an der Überproduktion zu verzeichnen. Wie in jedem anderen Wirtschaftszweig muss sich Landwirtschaft rechnen, die Menschen müssen von ihrer Arbeit leben können, das geht mit Intensivierung.

Im Landkreis Stendal dominiert traditionell die Rinderzucht. Inwieweit könnte sich dieses Bild verändern, wo befinden sich momentan weitere große Mastbetriebe für Schweine und wo könnten neue entstehen?

Die Entstehung neuer Schweinezuchtbetriebe wird durch Bürgerinitiativen, die oft nicht aus den Gebieten kommen, massiv bekämpft. Landwirte überlegen sich genau, ob sie das Risiko eingehen, ständig als Tierquäler bezeichnet zu werden. Ich warne davor, alles zu verprellen, da unsere Standards im Bereich Tierwohl sehr hoch sind. Was danach kommt und woher, darauf haben wir keinen Einfluss mehr. Die Gemeinden und Landkreise sind verantwortlich dafür zu prüfen, ob ein Landwirt genügend Grund und Boden besitzt, um seine Tiere zu ernähren, und ob die Abfallprodukte entsorgt werden können. In Wasmerslage ist die Vergrößerung der Anlage ja versagt worden.

Wie will die gescholtene Branche denn reagieren?

Der Besuch von Schweine-ställen ist aus Seuchengründen nur dem Personal erlaubt, aber es gibt Betriebe, die von außen Gelegenheiten bieten, sich die Ställe anzuschauen. Ich kann nur jeden aufrufen, nicht dem medialen Rufen von Massentierhaltung und Quälerei zu folgen, sondern sich ein eigenes Bild von der modernen Landwirtschaft zu machen.

Von Marco Hertzfeld

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