„Niemand will sich mehr quälen“

„Bleiche“-Hausmeister Brüggemann kurz vor der Rente

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Selbst für den Rand der Kunststoffbahn interessiert sich Dietmar Brüggemann. Der Rasen muss gestutzt sein, Regen richtig ablaufen können. Der Osterburger kennt die „Bleiche“ bis ins Detail. Im Dezember ist mit allem Schluss, er geht in den Ruhestand.

Osterburg. „Ich bin immer stolz gewesen, so eine Anlage pflegen zu dürfen. “ Dietmar Brüggemann schaut ein wenig wehmütig über den Platz. Seit mehr als 25 Jahren betreut der gebürtige Tangermünder das Sportzentrum „Bleiche“.

Im Laufe der Zeit hat er unzählige Menschen trainieren sehen. Dass der Hausmeister selbst einmal ein erfolgreicher Athlet gewesen ist, dürften nicht viele Leute wissen. Anfang Dezember wird der Osterburger auch beruflich in den Ruhestand gehen. „Dann bin ich 63 und habe 48 Arbeitsjahre hinter mir. Es bleiben die Erinnerungen“, meint er leise und stellt die Harke kurz beiseite.

Als junger Sportler ist Brüggemann auf den Langstrecken unterwegs gewesen, der 3000-Meter-Hindernislauf war sein Steckenpferd. Von 1969 bis 1973 trainierte er beim SC Magdeburg, einer der größten Medaillenschmieden der DDR. „Ich stand kurz vor dem Sprung vom B- in den A-Kader. Doch dann wollten die Herrschaften etwas, was ich nicht wollte.“ Er habe die Einnahme von Dopingmitteln verweigert und sei in Ungnade gefallen. Der gelernte Lokschlosser muss die Bezirkshauptstadt verlassen, wird zur Armee eingezogen, geht danach der Liebe wegen nach Osterburg, arbeitet und wird nebenbei Trainer.

Brüggemann greift wieder zur Harke, der Sand der Weitsprunganlage hat seine Aufmerksamkeit. Dabei sind Ferien, und kaum ein Mensch lässt sich sehen. Die „Bleiche“ steht allen Menschen offen, Eintritt wird nicht verlangt. „Wir hätten uns als Kinder über so ein Sportzentrum gefreut, auch in den Ferien“, knurrt der technische Mitarbeiter der Stadt. Eine Leichtathletikabteilung gebe es längst nicht mehr, die Arbeitsgemeinschaft des Gymnasiums bringe es vielleicht auf eine Handvoll Aktiver. „Niemand will sich mehr quälen und hat den Ehrgeiz. Vor gar nicht so langer Zeit war es hier fast immer proppenvoll.“

Er hat sich gequält. „Als Jugendlicher DDR-Vizemeister im Hindernislauf, vordere Plätze bei einer Europameisterschaft im Crosslauf...“ Brüggemann zählte zu den größten Talenten. Seine Bestleistung über die 3000 Meter Hindernis: 8,46 Minuten. „Ich befand mich damit unter den ersten drei der DDR.“ Der Versuch eines Comebacks bei einem Wettkampf Mitte der 1980er-Jahre endete frühzeitig und schmerzhaft. „Am ersten Wassergraben knallte mir die Achillesferse weg.“ Der Ostaltmärker konzentrierte sich danach auf die 5000 Meter und kam bei der letzten DDR-Meisterschaft der über 35-Jährigen noch einmal zu Lorbeeren.

Osterburg ist ihm längst zur Heimat geworden. Zunächst arbeitete er in verschiedenen Schlosserbetrieben, kam 1985 zur Stadt, betreute unter anderem die Sportanlagen am „Fuchsbau“, eine Schule und auch die Linden-Sporthalle. Längere Zeit ist er nun schon für den Kindergarten „Jenny Marx“, den Verkehrsgarten dort und die Bleiche zuständig. „Die Arbeit hier war wie ein Sechser im Lotto.“ Als der Komplex Ende der 1990er-Jahre saniert wurde, habe das auch ihm richtig gut getan. Der Hausmeister könnte viel erzählen. „Vor langer Zeit wurde hier die Wäsche im Fluss gewaschen und auf die Wiese zum Bleichen gelegt, daher der Name“, sprudelt es nur so aus ihm heraus.

Brüggemann wünscht sich wieder mehr Athleten auf der Anlage. „Schon zur Wende hin wurden es immer weniger.“ Zum Schluss trainierte er nur noch allein seine Tochter Nancy. Dass die es bis zu einer Vize-Meisterschaft im Gehen gebracht hat, macht den Vater immer noch stolz. Enkel Tobias bringt ihn auch zum Schwärmen. Der 15-Jährige ist Norddeutscher Meister im Diskuswerfen. Momentan habe der junge Mann andere Interessen. „Leider“, meint Brüggemann und grinst. „Aber vielleicht überlegt er es sich ja noch einmal. Erzwingen kann man allerdings nichts.“

Der 62-Jährige ist gern Mädchen für alles. „Ich repariere, was kaputt ist, schraube, bohre, beseitige Unkraut, kontrolliere und säubere. Ich mache alles, was ein Hausmeister eben so macht.“ Zwischen seinen beiden Einsatzstellen, der Kita und der Bleiche, liegen vielleicht zwei, drei Kilometer. Oft nimmt er das Fahrrad. Sportlich sei ihm nicht mehr viel möglich. „Ich habe künstliche Hüften.“ Der frühere Leistungssportler lässt einige Sekunden vergehen und ergänzt schmunzelnd: „Am Wasser darf ich ja auch stillstehen.“ Brüggemann ist langjähriges Mitglied im Angelclub Tangermünde. Seiner Leidenschaft aus Kindheitstagen will er als Rentner wieder deutlich stärker frönen. Und auch seine Frau Cornelia freue sich auf mehr Zeit mit ihm. „Es gibt so viel zu tun, mir wird da sicherlich nicht langweilig.“

Von Marco Hertzfeld

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