„Werten aus dem Bauch heraus“

Landkreis Stendal stöhnt: Immer mehr Tierschutzanzeigen

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Ein Hund im Bett? Keine Frage des Tierschutzes – aber ein Symptom für anderes?

Osterburg. Immer mehr Menschen sehen gequälte Tiere in ihrer Umgebung. Die Zahl der Anzeigen ist regelrecht explodiert.

War vor zehn Jahren noch ein einziger Mitarbeiter des Landkreises zu vielleicht 25 Prozent mit dem Thema befasst, sind derzeit eineinhalb Vollzeitstellen darauf angelegt. „Die Steigerung liegt bei unglaublichen 700 bis 800 Prozent“, weiß Amtsleiter Dr. Thoralf Schaffer. Allein Steffi Friebus hat 2015 mehr als 80 Anzeigen bearbeitet. Dass davon zwei Drittel nicht gerechtfertigt oder zumindest grenzwertig seien, bereitet beiden zunehmend Kopfzerbrechen. Ostaltmärker Dr. Schaffer sieht das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht, spricht von der Wohlstandsgesellschaft und einem Tierschutz, der Blüten treibe, dem „emotionalen Tierschutz“.

Dank Anruferin Boxer gerettet

Um es klipp und klar zu sagen: Agraringenieurin Friebus und ihre Kollegin Michaela Woop, eine Tierärztin aus Osterburg, sind auf Unterstützung aus der Bevölkerung angewiesen. „Vor etwa zwei Jahren hat eine Anruferin einem Boxer das Leben gerettet. Der Hund stand völlig abgemagert und mehr tot als lebendig vor uns“, erinnert sich Erstgenannte. Der Boxer kam ins Tierheim, wurde unter großen Anstrengungen aufgepäppelt und konnte hoffentlich in gute Hände vermittelt werden. So soll es sein, so muss es sein. Doch immer häufiger rücken die Frauen völlig umsonst aus. „Wir müssen jeder Meldung nachgehen und können zudem nicht einfach vom Telefon aus entscheiden, was stimmt und was nicht. Wir müssen raus, obwohl sich auf dem Schreibtisch im Büro bereits die Akten stapeln.“

Dr. Schaffer: Schäfer & Co. auf Anklagebank falsch

Ein Schäfer muss sich rechtfertigen, weil die Hütehunde nachts in selbst gegrabenen Schutzgruben liegen. Weil Pferde im Winter draußen stehen und der Schnee auf dem Rücken einfach liegen bleibt und nicht schmilzt, hat ihr Besitzer eine Anzeige am Hals. „Sie können die Uhr danach stellen. Fällt der erste Schnee, kommen die ersten zehn Anrufe. Menschen beobachten, werten und handeln aus dem Bauch heraus. Wer auf dem Land aufgewachsen ist, hat in der Regel ein gesundes Verhältnis zur Natur. Bei Städtern, die aufs Land ziehen, ist das nicht immer so“, sagt Dr. Schaffer und lächelt leicht gequält. Doch allein mit dem Herzen zu sehen, helfe niemandem. Der Amtsleiter unterscheidet zwischen emotionalem, wissenschaftlichem und rechtlichem Tierschutz.

Müllwohnungen und „Animal Hoarding“

Friebus und Woop stehen grundsätzlich unangemeldet auf der Matte. Am liebsten gehen sie Meldungen nach, die mit offenem Visier gemacht werden. Anonyme Anzeigen seien schwierig und könnten mit irgendwelchen Streitigkeiten unter Nachbarn verbunden sein. Manchmal hilft auch Kommissar Zufall oder ein Hausmeister macht den entscheidenden Schritt. So auch im Fall einer 80-Jährigen und deren Tochter, die in zwei Zimmern mindestens 45 Katzen hielten. „Die Damen öffneten nur noch die Tür und warfen das Futter hinein. Die Katzenzimmer sahen schlimm aus, die übrigen Räume wie geleckt.“ Animal Hoarding, das krankhafte Sammeln und Halten von Tieren, ist für Wolmirstedterin Friebus kein Fremdwort. Wie eine Messiewohnung aussieht, weiß sie auch.

Gewalt, Polizei und Tod: „Kein leichter Job“

Dr. Schaffer und Kollegen wollen über keinen einfach so den Stab brechen. „Man weiß nie, was einen erwartet. Jeder Fall ist anders, das ist keine Floskel“, betont der Leiter des Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamtes, zu dem seit Kurzem auch die Fischerei- und Jagdbehörde gehört. Arte das Ganze in Bedrohung oder gar Gewalt aus, sei eben beim nächsten Besuch die Polizei dabei. „Rohheit und Beschimpfungen dort, Krankheit und naher Tod da. Eine Frau, die einen Tumor im Kopf hat und einen Betreuer an ihrer Seite, lässt uns noch mehr überlegen, was wir zum Wohl aller machen. Sie können ihr das Tier doch nicht einfach aus den Armen reißen. Hinter jedem Fall steckt ein Schicksal. Meine Kolleginnen müssen ein Stück weit auch Psychologin sein. Alles in allem kein leichter Job.“

Amtschef vermisst solides Grundwissen

Dr. Schaffer vermisst das solide Allgemeinwissen in der Gesellschaft. „Es gibt immer mehr Spezialisierungen, doch das Grundwissen über die Natur fehlt. Dass ein Pferd ein Winterfell ausbilden kann und bei Schnee nicht gleich tot umfällt, sollte man wissen. Auch sei nichts falsch daran, wenn ein Hund nicht bei Herrchen im warmen Bett schläft“, spitzt der Altmärker bewusst zu. Je sicherer eine Gesellschaft aufgestellt sei, umso besser gehe es den Tieren und umso sensibler reagierten Menschen auf scheinbare oder tatsächliche Tierquälerei. „Mit dieser Einschätzung stehe ich übrigens nicht allein da“, beteuert er im Gespräch mit der AZ. Die Handbibliothek in seinem Büro spiegelt die Spannbreite der Fachgebiete wider, für die der Familienvater zuständig ist.

Bei Verstoß droht Strafe: „Tagessätze klein“

Hund und Katze, Pferd, Rind oder ein anderes Tier: Friebus und Woop haben alle auf dem Schirm. Sie überwachen, beraten müssten sie von der Zuständigkeit her eigentlich gar nicht. Liegt ein Verstoß vor, sprechen sie eine mündliche Verwarnung aus und können bis zu 50 Euro Strafe verhängen. Wenn das alles nicht mehr hilft, bewegt sich der Tierhalter schnell im Bußgeldbereich und hin zu spürbar höheren Beträgen, eine Strafanzeige droht. Amtsleiter Dr. Schaffer: „Wobei die Tagessätze für meinen Geschmack recht klein sind.“ Ein Tierhaltungsverbot kann noch obendrauf kommen.

Von Marco Hertzfeld

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