Bürgermeister Reck investiert ins Seehäuser Image und glaubt an Kraft lokaler Wirtschaft

„Ich bin da ganz selbstbewusst“

Bürgermeister Robert Reck hat vom Fenster seines Büros im Rathaus einen guten Blick über Teile des Stadtzentrums. Der 30-Jährige ist ein waschechter Altmärker. Er wurde in Osterburg geboren, wuchs in Beuster auf und drückte in Seehausen die Schulbank. Foto: Hertzfeld

Seehausen. Robert Reck will frischen Wind in die Gilde der Bürgermeister bringen. Vor knapp zwei Jahren hat der Parteilose das Amt des Bürgermeisters der Verbandsgemeinde Seehausen übernommen.

Mit seinen 30 Lenzen gehört er zu den jüngsten kommunalen Oberhäuptern in Sachsen-Anhalt. Die AZ hat mit dem Beusteraner zum Ende des Jahres über Wirtschaftsförderung, Investoren und einen möglichen Großkreis Altmark gesprochen.

Interview

Wenn das Zellstoffwerk bei Arneburg der Leuchtturm für den gesamten Landkreis Stendal ist, wer oder was ist der Leuchtturm für die Verbandsgemeinde Seehausen?

Für uns ist Graepel-STUV der Leuchtturm. Die Metallfirma ist das größte Industrieunternehmen bei uns. Das Krankenhaus ist ein weiterer wichtiger Arbeitgeber. Und natürlich gibt es daneben noch eine Reihe weiterer bedeutender Unternehmen, gerade im Bau- und Elektrobereich. Das Handwerk ist in unserer Gegend traditionell stark.

Wo stehen Seehausen und Umgebung wirtschaftlich?

Die öffentliche Wahrnehmung ist schlechter als die tatsächliche Situation. Ich denke, dies liegt ein Stück weit auch an der Mentalität der Altmärker. Wir müssen aufhören, uns selbst zu bedauern. Innerhalb des Landkreises dürfte Seehausen zusammen mit Osterburg hinsichtlich der Leistungskraft gleich hinter Stendal kommen. Ich bin da ganz selbstbewusst. Nur wer stolz auf bereits Geschaffenes ist, kann auf andere einladend wirken, hierher zu kommen und zu investieren.

Rechnen Sie für die nahe Zukunft mit größeren Investitionen in Ihrer Kommune?

Ich bin da Realist, wir stehen im Wettbewerb mit anderen Gebieten und haben keine wirkliche Nähe zu wirtschaftlich richtig starken Zentren. Es ist für uns schon eine Leistung, die bestehenden Betriebe vor Ort weiterzuentwickeln. Das hat Priorität. Das heißt natürlich nicht, dass Neuansiedlungen ausgeschlossen sind, im Gegenteil. Ein größerer Investor ist derzeit noch nicht in Sicht.

Investoren brauchen geeignete Flächen, wie sieht es damit gerade in der Kernstadt der Verbandsgemeinde aus?

Allzu viele Flächen in kommunaler Hand könnten wir derzeit gar nicht anbieten, da müssen wir sicherlich noch nachlegen. Es gibt tatsächlich noch Reserven, gerade in Seehausen selbst. Das Gewerbe-Industriegebiet an der Bundesstraße befindet sich in privater Hand. Es wäre vermutlich einiges leichter, wenn es ein kommunales Gewerbe-Industriegebiet mit diesem Potenzial geben würde.

Was kann kommunale Wirtschaftsförderung leisten, ja gibt es diese in der Verbandsgemeinde überhaupt?

Die Wirtschaftsförderung in einer Verbandsgemeinde gehört zum Aufgabenbereich des Bürgermeisters. Doch sind die Möglichkeiten letztendlich begrenzt, weil es politisch selbstständige Gemeinden gibt. Für den Hauptverwaltungsbeamten bleibt, ein positives Image zu erzeugen, Netzwerke aufzubauen, Informationen einzuholen und mit Firmen zu reden. Da kommt man allerdings eben recht schnell an Grenzen.

Bleiben wir beim Image. Was haben Sie, der Hauptverwaltungsbeamte, dafür denn schon bewegen können?

Wir haben eine Imagebroschüre erarbeiten lassen, die alle Facetten der Verbandsgemeinde ansprechend aufzeigen soll. Nur wer etwas Vernünftiges in der Hand hat, kann auch auf Messen, Konferenzen oder anderswo für seine Heimat werben. Hinzu kommt ein Logo, in dem sich alle fünf Mitgliedsgemeinden gleichberechtigt wiederfinden sollen, sicherlich keine einfache Aufgabe. Es gibt sogar eine Arbeitsgruppe, die uns voranbringen soll. Am 25. Januar sollen Imagebroschüre und Logo öffentlich vorgestellt werden. Sie sehen also, wir wollen aus den bescheidenen Mitteln, die wir haben, einiges machen.

Wenn es um die Altmark-Autobahn geht, sind die Erwartungen oftmals alles andere als bescheiden. Was kann die A14 wirklich bewirken?

Auch da bin ich ganz realistisch, sie ist keine Wundertüte. Dennoch kann die Autobahn natürlich helfen. Nun sollte sie aber auch möglichst zügig gebaut werden. Mobilität ist wichtig und kann die wirtschaftliche Entwicklung vorantreiben. Allein wenn Menschen aus der Verbandsgemeinde Seehausen vernünftiger zur Arbeit nach Brandenburg oder nach Süden in Richtung Stendal pendeln können, hat das schon Vorteile. Die Menschen bleiben in der Heimat und ziehen nicht weg.

Das allein kann es doch aber nicht sein – oder?

Durch die Autobahn können bestehende Unternehmen ihren Wirkungskreis erweitern. Wenn es um mögliche neue Betriebe links und rechts der Trasse geht, muss auch über eine professionellere Kommunalverwaltung gesprochen werden, sicherlich. Das heißt zum Beispiel, dass die Bauverwaltung bei Anfragen möglichst schnell und kompetent Informationen liefern kann. Dafür müssen die Mitarbeiter Freiräume bekommen und weiter dazulernen.

Sie sind Diplom-Wirtschaftsingenieur und haben im Bereich Unternehmensrechnungswesen promoviert. Sie dürfen sich Doktor nennen, hilft das beim Gestalten?

Erst wenn meine Arbeit veröffentlicht ist, erhalte ich die Urkunde. Momentan muss ich nicht widersprechen, wenn mich jemand Doktor nennt, doch darf ich mich selbst noch nicht so nennen. Ich habe schon immer gern interdisziplinär gearbeitet, verschiedene wissenschaftliche Bereiche übergreifend betrachtet, nach Schnittmengen gesucht. Das kann mir bei meiner Arbeit als Bürgermeister durchaus helfen.

Wo sehen Sie die Verbandsgemeinde Seehausen in zehn und in 20 Jahren?

Ich habe arge Zweifel, dass die nächste Gebietsreform zehn oder 20 Jahre auf sich warten lässt. Ich gehöre übrigens auch zu den Befürwortern eines einzigen, großen Altmarkkreises. Immense Fläche und lange Wege können keine wirklichen Gegenargumente sein. Aus zwei Kreisen einen zu machen, heißt nicht, dass es in einem Kreis überhaupt keine Verwaltungspunkte mehr geben soll. Zudem lässt sich heutzutage sehr viel mit moderner Informationstechnik regeln. Wir nutzen davon derzeit nur einen Bruchteil.

Und Seehausen selbst?

Die Herausforderungen der Zukunft lassen sich nur mit einer intensiven interkommunalen Zusammenarbeit meistern, was auch Vertrauen voraussetzt. Oder man vergrößert noch einmal die Verwaltungseinheiten, ändert die Strukturen. In zehn Jahren wird es die Hansestadt Seehausen sicherlich noch geben. Der Verbandsgemeinde Seehausen wünsche ich, dass es sie noch gibt, doch habe ich Zweifel. Und was die Zeit in 20 Jahren angeht, da sehe ich eine Gemeinde aus Seehausen und Osterburg. Wenn es tatsächlich zu einer weiteren Gebietsreform kommt, dann muss das Land dafür sorgen, dass bestimmte Teile einer Region nicht vernachlässigt werden.

Was macht die Wirtschaft?

Ich bin ziemlich zuversichtlich, dass sich unser Gebiet in 20 Jahren nicht nur wegen der Autobahn wirtschaftlich gut entwickelt haben wird.

Von Marco Hertzfeld

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