Kirchensprengung vor vier Jahrzehnten im verschwundenen Altmarkdorf: Symposium in Altenzaun

Gewollter Garaus im Gotteshaus

Altenzaun. Wohl nur noch gelbe Leuchtschrifttafeln an Linienbussen erinnern im Straßenbild des Landkreises an das verschwundene Altmarkdorf Niedergörne. Der 120-Einwohner-Ort am westlichen Ufer der Elbe gehörte zur Gemeinde Altenzaun im damaligen Landkreis Osterburg.

Es wurde auf Geheiß eines DDR-Ministerratsbeschlusses vom April 1970 dem Erdboden gleichgemacht – für den Bau eines Kernkraftwerks (KKW), das niemals in Betrieb gegangen ist.

Das Arneburger Plateau, zu dem Niedergörne gezählt hat, war seit 1972 Sitz des zum Standort Rheinsberg zählenden Aufbaustabs „KKW III“. In Niedergörne gab es einen Dorfkonsum, eine Schmiede, mehrere Ställe und eine Bushaltestelle mit Wartehäuschen. Auch ein Gutshaus mit Park und Gruft existierte – und eine Kirche, die als Besonderheit im Ensemble elbischer Backsteinromantik gilt. Eine staatlich verordnete Explosion machte dem Gotteshaus am 27. Januar 1976 gewollt den Garaus. Die Abbrucharbeiten im Dorf hatten bereits im Oktober 1975 begonnen. An diese „wilde“ Zeit vor vier Jahrzehnten erinnert nun ein Niedergörne-Symposium, auf dem Anwohner Horst Ruhbaum am Samstag, 24. September, bei einem Spaziergang ab 15.15 Uhr zum ehemaligen Standort der Kirche als „Begleiter durch Terrain und Erinnerung“ fungieren wird.

Das Fachtagung im 40. Jahr nach der Sprengung der romanischen Dorfkirche wird von der Aktion „Nebenstraßen der Romanik“ um den Seehäuser Hans-Peter Bodenstein in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft veranstaltet. Sie wird in den Räumen von Gastgeber Horst Ruhbaum an der Yorkstraße 14 in Altenzaun ausgetragen.

Im Vorfeld der Sprengung des Kirchengebäudes hatte es in diversen Amtsstuben vorbereitende Besprechungen gegeben. So kam im August 1975 beim Rat der Stadt Arneburg der damalige Bürgermeister der Elbestadt mit einem Verantwortlichen des VEB Stadtwirtschaft Stendal und zwei Mitarbeitern des VEB Kernkraftwerk Stendal zusammen, um die Beendigung von Liegefristen auf dem Niedergörner Friedhof bei der Abteilung Inneres im Rat des Kreises in Stendal zu beantragen. Demnach begannen die Umbettungen bekannter älterer Gräber im September 1975, alle Umbettungen nach Osterburg und Arneburg sollten bis zum Totensonntag am 15. November des Jahres beendet sein.

Schon im Sommer 1973 schloss der Rat des Kreises Osterburg mit Niedergörnern Verträge, um die Einwohner auf ihre neue Heimat vorzubereiten. Es gab Entschädigung und kostenlose Umzüge im zweiten und dritten Quartal des Jahres 1975. Neue Wohnorte fanden die Ex-Niedergörner in Osterburg, Arneburg und Stendal.

Über die Entschädigung der gesprengten Kirche Niedergörne existiert ein reger Schrifverkehr, den die in Magdeburg ansässige Abteilung des Evangelischen Konsistoriums der Kirchenprovinz Sachsen mit dem Vorsitzenden des Rates des Bezirkes Magdeburg geführt hat. Die Kirchenoberen wollten einen Entschädigungssatz von 160 Prozent erreichen, der aber nur für Wohnbauten üblich war. Der Konsistorialpräsident verfasste wegen dieses Streits sogar eine Eingabe, die er an den Aufbaustab des VEB Kernkraftwerk III sandte, der seinen Sitz seinerzeit an der Kurzen Straße in Borstel hatte. Dazu im Gegensatz soll es von den Ex-Niedergörnern damals keine einzige Eingabe gegeben haben – weder über Zwang noch über die Höhe der Entschädigung.

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