Otto Perlberg starb im sowjetischen Speziallager Sachsenhausen – Tochter quälen viele Fragen

„Er fehlt mir immer noch so sehr“

„Ich habe so viele Fragen.“ Sigrid Schmidt-Strümpel zeigt ein paar Fotos, viel mehr ist ihr vom Vater nicht geblieben. Das große Bild zeigt ihn vorn links in jungen Jahren bei der Arbeit, das kleine rechts stehend im Kreis von Familie und Nachbarn. Fotos: Hertzfeld (1), privat (2)

Osterburg. „Jetzt bin ich über 70, und er fehlt mir immer noch so sehr. “ Sigrid Schmidt-Strümpel hat keine eigenen Erinnerungen an ihren Vater, als der Finanzbeamte im Sommer 1945 verhaftet wurde, war sie ein kleines Kind.

Geblieben sind ihr eine Handvoll Fotos und die spärlichen Erzählungen in der Familie. „Viel weiß ich nicht“, sagt die Osterburgerin mit zittriger Stimme. Otto Perlberg kam vermutlich über Tangermünde nach Sachsenhausen, wo er im Dezember 1946 kurz vor Weihnachten verhungert sein muss. Ihr Großvater Paul Klose starb nur einige Monate später ebenfalls dort. „Für mich ist das beides Mord. “.

Ob es die sowjetische Geheimpolizei war, die nur wenige Wochen nach dem Zweiten Weltkrieg von Haus zu Haus ging, oder einfaches Militär, weiß die frühere Krankenschwester nicht. „Für uns waren es die Russen.“ Ihre Mutter war gerade Milch kaufen, als sie kamen, Vater, Großvater und auch den befreundeten Nachbarn mitnahmen. Die Sowjets verhafteten in diesen Tagen nicht zuletzt Nazis und Menschen, die sie dafür hielten. Oftmals ohne großartige Prüfung und Urteil kamen die Häftlinge auch in jene Lager, in denen noch Jahre zuvor Hitlers Schergen systematisch Menschen umbrachten.

„Mein Vater war ein feiner Mann, der mit Anzug und Zylinder zur Arbeit ging.“ Schmidt-Strümpel schaut sich wieder und wieder eines der Schwarz-Weiß-Fotos an und merkt, wie allmählich die Tränen in ihr aufsteigen. Ob der Vater in der NSDAP gewesen sei oder nicht, könne sie nicht mit letzter Gewissheit sagen. „Er soll für einige Zeit in Polen gearbeitet haben, vielleicht liegt dort ja der Grund.“ Ihr Großvater, ein Schmied, sei wohl eher unpolitisch gewesen. „Das Schlimmste sind die vielen offenen Fragen, die quälende Vergangenheit, die einen auch so viele Jahrzehnte danach einfach nicht zur Ruhe kommen lassen.“

Die 71-Jährige führt den Besuch durch ihr Elternhaus an der Poststraße, die früher Hilligesstraße hieß. Plötzlich hält sie inne und erzählt mit leiser Stimme: „Wenn es früher in der Schule um die Konzentrationslager ging, musste ich immer bitterlich weinen. Ich konnte das Wort Sachsenhauen einfach nicht hören.“ Dass die kleine Sigrid dabei an ihren Vater und das sowjetische Speziallager dachte und dann erst an die Ereignisse davor, wusste niemand in der Klasse. Das Mädchen trat zwar der FDJ bei, der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft (DSF) aber nicht. „Ich habe wirklich nichts gegen Russen, nichts gegen die Menschen, doch irgendwie konnte ich nicht anders.“

Ihr Onkel Siegfried Klose wurde im Krieg getötet. Die Familie verlor damit auf einen Schlag drei Männer. Sigrid blieb mit Mutter und Großmutter erst einmal allein. Als Schmidt-Strümpel den AZ-Bericht über eine mögliche Gedenktafel für Häftlinge in Tangermünde las, sind die wenigen Überlieferungen noch einmal verstärkt worden. Vater und Großvater müssen zu Fuß 30 Kilometer und mehr bis ins Sammellager in der Elbestadt zurückgelegt haben und danach weiter nach Sachsenhausen geschafft worden sein. „Ein überlebender Mithäftling erzählte mir später, dass mein Vater seine eh schon äußerst spärlichen Lebensmitteln gegen Zigaretten eingetauscht hat. Er soll ein so leidenschaftlicher Raucher gewesen sein.“

Der frühere Heimatverein Osterburg hat sich nach der politischen Wende mit der Aufarbeitung nationalsozialistischen und kommunistischen Unrechts befasst. Von den mindestens 57 in dieser Zeit von den Sowjets inhaftierten Osterburgern sollen nur 17 aus den Lagern zurückgekehrt sein. Kälte, Hunger und Krankheiten werden in einem Bericht an die Stadtverwaltung und das Kreismuseum als Gründe genannt. Schmidt-Strümpel hat eine Kopie davon zu Hause. Die Aufarbeitung der Ereignisse ist für sie noch nicht abgeschlossen. „Es geht doch um unsere Väter und Großväter, um die Nazizeit und die Zeit danach, um Schuld und Verantwortung. Ich habe noch so viele Fragen.“

Von Marco Hertzfeld

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