Nach der Tierschau: Ostaltmärkischer Verband sieht Branche nicht im Jammertal, kritisiert Politik und Umweltaktivisten

„Wo Bauern das Wasser bis zum Hals steht“

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Milchvieh blieb am Ausstellungswochenende im Stall, nur wenige Rindviecher fanden den Weg nach Krumke. Nach den Demonstrationen der vergangenen Jahre war der Boykott eine weitere Form des Protestes gegen niedrige Milchpreise. Um so mehr standen andere Vierbeiner im Mittelpunkt. Auch Kaninchenzüchter hofften auf eine gute Note. Eine „Kaninhop“-Gruppe aus Salzwedel gehörte ebenfalls zum Programm.

Osterburg. Die Landwirtschaft ist in Bewegung. Unter den Bauern rumort es, aber es hagelt auch immer wieder Kritik an der Branche. Es geht um Geld, richtige Strukturen, Fragen der Produktionsweise und für die Landwirte mitunter allein um die blanke Existenz.

Die Altmärkische Tier- und Gewerbeschau vor wenigen Tagen sollte nicht zuletzt die Leistungskraft der Tierhalter und -züchter in der Region widerspiegeln. Die Organisatoren des Wochenendes in Krumke wollen bald Bilanz ziehen. Die AZ hat schon einmal Kerstin Ramminger, die Geschäftsführerin des Kreisbauernverbandes (KBV) Stendal, befragt.

Interview

Was muss bei der nächsten Altmärkischen Tier- und Gewerbeschau besser laufen?

Die Auswertung der Tier- und Gewerbeschau mit allen Beteiligten steht noch aus. Bei einer Besucherzahl von mehr als 4000 mit einem sehr verregneten Samstag bin ich sehr zufrieden. Zu verändern gibt es immer etwas, ich denke, man sollte die örtlichen Gegebenheiten straffen und den Bauernmarkt näher an die Festwiese anbinden. So kann man shoppen und gleichzeitig die Geschehnisse auf der Festwiese im Auge behalten.

Die Rinderzüchter haben die Veranstaltung in Krumke in Teilen boykottiert und keine Milchkühe gezeigt. Wie vermutet, hat die Aktion nichts gebracht. Besucher waren enttäuscht, gerade die Kinder. Wie sehr haben sich RSA und Allianz ins eigene Fleisch geschnitten und allen Ausstellern geschadet?

Die Entscheidung, nicht an der Altmärkischen Tier- und Gewerbeschau teilzunehmen, trifft nicht der RSA, sondern der Milchbauer alleine. Wenn ich nicht mehr weiß, wie ich meine Kredite bedienen soll, wäre mir auch nicht nach Show zumute. Solch eine Tierschau verursacht auch Kosten für die Milchbauern, da sind die Anfahrt mit Kuh und Kegel, die veterinäramtlichen Untersuchungen der Tiere, die zu Buche schlagen, Vertretungen im Betrieb müssen organisiert werden und oft sind die Tiere durch den Stress, der auftritt, in den nächsten Tag im heimischen Stall nicht so leistungsfähig. Alles machbar unter normalen Bedingungen, aber nicht in Zeiten, wo Bauern das Wasser bis zum Hals steht.

Normale Bürger können den Milchsektor nur schwer durchschauen und tun die Bauernproteste mittlerweile vielleicht sogar als bloßes Gejammer ab. Wer ist denn nun schuld an der Misere, die Molkereien, die Discounter, die Konsumenten oder doch die Landwirte selbst?

Bloßes Gejammer aus der Bevölkerung ist mir nicht untergekommen, im Gegenteil, viele Menschen fragen mich, wie man als Verbraucher helfen kann. Dabei wird auch betont, dass die meisten für ihre Milch auch den obligatorischen Euro bezahlen würden, wenn klar ist, dass dieser auch beim Bauern ankommt.

Noch einmal: Wer ist für die Misere verantwortlich?

Das kann man so pauschal nicht sagen, zurzeit produzieren einige Länder wie die Niederlande oder Irland bis zu 30 Prozent mehr Milch als vor der Milchquote. Auch hierzulande haben Landwirte aufgestockt im einstelligen Wert, dazu kommt das Russlandembargo, das die Einfuhr von Lebensmitteln unmöglich macht. Die Lebensmittelketten nutzen dies natürlich aus, wir haben freie Marktwirtschaft und das ist freier Markt. Hier ist das Verhandlungsgeschick der Molkereigenossenschaften gefragt, der Spielraum der Verhandlung ist jedoch minimal. Der Markt reguliert sich wieder, wie lange es dauert, ist ungewiss. Bei Käse und Butter steigen die Preise leicht an, bei der Milch gibt es leichte Tendenzen.

Welche Rolle spielt die Milch im Landkreis Stendal, wie viele Familien leben von ihr und wie viele haben in den vergangenen Monaten und Jahren das Handtuch geworfen?

Die Milch spielt in unserer Region eine große Rolle. 147 Betriebe mit etwa 25 000 Milchkühen waren noch 2014 / 15 im Landkreis Stendal ansässig. Dahinter verbergen sich Agrargenossenschaften genauso wie Familienbetriebe. Damit sind wir in Sachsen-Anhalt der Landkreis mit den meisten Milchkühen vor dem Altmarkkreis Salzwedel mit knapp 24 000 Stück. Nach Aussage des Landeskontrollverbandes haben sich sechs Betriebe seit 2015 von der Milchproduktion getrennt. Viele Betriebe können dies nicht, da sie durch die getätigten Investitionen an die Banken gebunden sind. Einige versuchen die Umstellung auf den ökologischen Bereich mit der Produktion von Biomilch.

Einige Wissenschaftler meinen, dass sich die Strukturen ändern müssten und die Betriebe wie etwa in Frankreich weiter wachsen sollten. Kann das wirklich ein Patentrezept für die Altmark und Ostdeutschland sein, zumal die Betriebe dort ja eh schon traditionell eher größer sind?

In der freien Marktwirtschaft entscheidet der Markt, wer geht und wer bleibt. Die Politik möchte Familienbetriebe, setzt aber alles daran, diesen das Leben sehr schwer zu gestalten. Sei es mit den unzähligen Verwaltungsakten, dem Papierkram für jede Erbse, die man in den Boden bringen will, oder die immer höheren Anforderungen an das Tierwohl bei sinkenden Preisen in der Vermarktung. Das hält ein Familienbetrieb, der tagsüber die Arbeit im Stall erledigt und nachts das Büro abwickelt, nicht lange durch. Patentrezepte gibt es nicht, vielleicht kann man die eine oder andere Nische besetzen, wie zum Beispiel Milch direkt am Hof anbieten oder den Käse selber herstellen. Dies gilt aber nicht für die große Allgemeinheit.

Was kostet die Milch aktuell und wo sollte der Preis liegen, damit ein Milchbauer nicht mehr klagen müsste?

In den Supermärkten bekomme ich die Milch ab 0,47 Euro für einen Liter. Der Landwirt erhält davon im Moment zwischen 0,18 und 0,25 Euro pro Kilogramm Milch. Um kostendeckend arbeiten zu können, sollte der Preis pro Liter bei 0,35 bis 0,40 Euro liegen. Das heißt: Im Moment fehlen 50 Prozent der Einnahmen und der landwirtschaftliche Betrieb verliert seit eineinhalb Jahren jeden Monat diese 50 Prozent.

Und dennoch gibt es regelmäßig Kritik an der Landwirtschaft selbst oder zumindest an Teilen von ihr. Woran bitte schön liegt das denn?

Wir sind das Land mit den niedrigsten Lebensmittelpreisen in Europa und hecheln immer noch den Werbe- und Dauertiefpreisen für Lebensmittel hinterher, die den höchsten Standard in Europa haben. Da beißt sich doch die Katze in den Schwanz. Wir sollten aufhören, uns von einigen Umweltaktivisten sagen zu lassen, dass die Produktionsschiene Landwirtschaft in Deutschland ein böses Ungeheuer ist, das bekämpft werden muss. Bevor es am Boden liegt, sollte man sich fragen, wo dann unsere Lebensmittel herkommen, wie die Standards dort sind und ob ägyptische Kartoffeln, die mehr Wasser und Dünger bekommen, als eine Kartoffel ertragen kann, das Nonplusultra sein sollen.

Von Marco Hertzfeld

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