Stiftung Neinstedt baut Bauernhof in Etingen zu Wohnstätte für Menschen mit geistiger Behinderung und Touristen um

„Wir gehen in eine neue Ära“

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Etwa 200 Einwohner und Interessierte kamen zur Informationsveranstaltung auf den Hof Im Sack 9 in Etingen, um zu erfahren wie die Gebäude, das die evangelische Stiftung Neinstedt kaufte, zu Wohnungen für geistig Behinderte, Touristen und für Veranstaltungen umgebaut werden soll.

Etingen. „Wir hatten alles – Kühe, Schweine, Hühner, Pferde“, erzählt Marianne Riecke vom Leben auf dem großen Bauernhof Im Sack 9 in Etingen.

Lange hat sie allein auf dem großen Anwesen gewohnt, mittlerweile ist die 96-Jährige in eine altersgerechte Wohnung gezogen, Geschwister hat sie keine und ihre Söhne leben in Bautzen und Freiberg, erzählt sie im Gespräch mit der AZ. Nun soll wieder Leben auf den Hof einkehren. Zwölf Menschen mit geistiger Behinderung sollen künftig in Etingen ein neues Zuhause finden. Die evangelische Stiftung Neinstedt aus Thale hat den Hof in diesem Jahr erworben. Am Mittwoch stellte die Stiftung das Projekt etwa 200 Einwohnern von Etingen und Interessierten auf dem Grundstück vor. Bernd Bergmann, Bereichsleiter der Nathusius-Höfe der Evangelischen Stiftung Neinstedt, informierte über das Vorhaben.

Bereichsleiter Bernd Bergmann (v.l.), Planer Volker Seidl, Diakon Hans Jaekel, Bürgermeisterin Silke Wolf, Kaufmännischer Vorstand Stefan Zwick, Bundestagsabgeordneter Manfred Behrens und Leader-Manager Wolfgang Bock arbeiten zusammen an der Umsetzung des Wohnprojektes.

So sollen im Wohnhaus in beiden Etagen kleine Apartments für die Bewohner entstehen. So erhält jeder ein Einzelzimmer mit Bad. Zudem gibt es in jeder Etage einen großen Gemeinschaftsbereich mit Küche. Die Fassade des 1901 erbauten Hauses soll erhalten bleiben. „Sie gehört zum Ortsbild“, erklärte Bernd Bergmann. Auch die alte Wirtschaftsküche bleibt erhalten. „Sie wird wieder hergerichtet und gibt einen Einblick, wie hier einst gewohnt und gewirtschaftet wurde“, so Bergmann. Der Fahrstuhl für das Wohnhaus wird in der Durchfahrt angebaut. „Der Hof ist natürlich weiterhin durch die Durchfahrt begehbar, nur mit dem Auto muss man dann von der anderen Seite herauffahren“, so der Bereichsleiter.

Die Ansicht des über 100 Jahre alten Hauses zur Straße bleibt erhalten. Sie gehöre zum Ortsbild, so die Planer.

Dieser erste Bauabschnitt, der durch 250 000 Euro Leader-Förderung finanziert wird, soll im Frühjahr 2017 bereits fertig sein. „Es geht so gut wie morgen los. Wir stehen vor den Ausschreibungen“, kündigte Bernd Bergmann an. Für die Bewohner solle das ländliche Leben erlebbar werden, so der Bereichsleiter. „Sie sollen den Hof etwas bewirtschaften, zum Beispiel wird es bestimmt Hühner geben“, erklärte er. Er betonte, dass das Wohnprojekt auch Arbeitsplätze für die Region schafft. So sollen sich die behinderten Bewohner zwar größtenteils selbst versorgen, es werden aber Mitarbeiter gebraucht, die sie dabei unterstützen.

Bis Mitte September will die Stiftung Neinstedt einen Antrag auf Leader-Förderung einreichen für den zweiten Bauabschnitt, der 2017 umgesetzt werden soll. In dem ehemaligen Pferdestall entstehen dann einfache Übernachtungsmöglichkeiten für Touristen. Es werde jedoch keinen Gastronomiebetrieb geben, sondern nur unterstützende Selbstverpflegung geboten, betonte Bergmann.

In einem dritten Bauabschnitt wird dann die Scheune renoviert. Sie soll in Räume unterteilt werden, Sanitäranlagen und eine Küche werden eingerichtet. „Dort können Veranstaltungen abgehalten werden, Feiern und vielleicht könnte man ja einen Markttag mit Händlern für die Etinger dort abhalten“, informierte der Bereichsleiter.

„Wir gehen in eine neue Ära mit der Stiftung“, freute sich Wilhelm Riecke, der zuvor einen kurzen Einblick in die Geschichte des Hofes seiner Familie gab. „Meine Mutter hat mit dem Verkauf ein großes Opfer gebracht“, sagte er im AZ-Gespräch. Vor einigen Jahren hatte er bereits mit zwei Jungbauern verhandelt, die Interesse an dem Hof hatten, da von den Kindern und Enkelkindern niemand das Grundstück wollte. „Gescheitert ist es daran, dass nicht genug Weideflächen direkt am Hof sind. Da habe ich gemerkt, das ist hier nichts für Landwirtschaft und dann fiel mir die Stiftung ein, die ja auch schon in Calvörde ansässig ist“, erzählte er.

Viele lobende Worte zu dem Vorhaben der Stiftung Neinstedt gab es auch von Ortsbürgermeister Marko Alex: „Ich wünsche mir, dass das Projekt funktioniert“. Der Ortschaftsrat werde es unterstützen, versicherte er. Auch Friedrich Widdecke, Vorsitzender des Etinger Gemeindekirchenrates, zeigte sich begeistert: „Das beflügelt das kirchliche Gemeindewesen.“ Widdecke erinnerte daran, dass in Etingen bis zur Wende behinderte Patienten der Bezirksnervenklinik Keindorf untergebracht waren, die in der Landwirtschaft halfen. „Wir sind es gewohnt, dass Behinderte unter uns leben“, betonte er.

Die Bürgermeisterin von Oebisfelde-Weferlingen und LAG-Vorsitzende, Silke Wolf, erklärte, dass es sich bei dem Wohnprojekt der Stiftung Neinstedt um ihr „Lieblingsprojekt“ handele, das auch weiterhin unterstützt werden soll. „Wir möchten weiter EU-Fördergelder abzwacken“, erklärte sie.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Manfred Behrens kündigte zudem an, als Berichterstatter im Verkehrsausschuss Radtouristen vermehrt nach Etingen locken zu wollen, die auf dem Hof zu Pausen und Übernachtungen einkehren können.

Von Katharina Schulz

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