Wenn das eigene Haus die Kinder krank macht

Für Familie Isik aus Klötze wurde der Traum vom Eigenheim zum Albtraum

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Die drei Jungs von Claudia Isik müssen sich zurzeit ein Zimmer teilen. Das Haus hat Can, Max und Tim krank gemacht: Die Kinder haben Asthma und Herzprobleme – verursacht durch Phenole aus dem Bodenbelagskleber, die sich ins Haus gefressen haben.

Klötze. Als Claudia Isik neulich morgens beim Frühstück ihre drei Jungs fragte, was sie sich zu Weihnachten wünschen, stockte ihr fast das Herz. Die beiden Großen wünschen sich nichts, der Kleine möchte ein neues Haus.

Denn das, in dem die Familie Am Soll in Klötze lebt, macht die Kinder krank.

Alle drei Jungen haben durch das Haus Asthma bekommen, müssen täglich Cortison und Tabletten einnehmen. Die Kinder haben Atembeschwerden, können nicht durchatmen, dürfen sich nicht körperlich belasten. Sport ist bei den beiden Jüngeren gestrichen, der Große übersteht das Fußballtraining nur, wenn er vorher Cortison einnimmt.

Unter den dicken Lagen Teppich kam der stark riechende Kleber zum Vorschein, der in die Holzdielen eingezogen ist. Ein Gutachten weist nach: Das Holz ist mit krebserregenden Phenolen belastet.

2011 haben Claudia und Senol Isik das 1922 erbaute Haus gekauft – von einem Immobilienmakler. Der versicherte dem Paar, dass mit dem Gebäude alles in Ordnung ist. Zunächst dachte das Claudia Isik auch. Dass die Kinder nachts schlecht schliefen, kurzatmig wurden, schob sie zunächst auf die Entwicklung der Jungen. Die Familie begann, das Haus zu renovieren. Im Erdgeschoss blieb das verlegte Laminat liegen. Im ersten Stock sollte jedes Kind ein eigenes Zimmer bekommen. Doch als sich einer der Söhne Teppichboden statt Laminat wünschte, kam die Katastrophe ans Licht. Unter dem alten Laminat und zwei Schichten Teppich verborgen waren Holzdielen, auf denen die Oberschichten mit gefährlichem Kleber verklebt waren. „Schon beim Herausreißen des Teppichbodens wurde meinem Großen schlecht“, erinnert sich Claudia Isik. In dem Raum stinkt es immer noch gewaltig, der Klebstoff bleibt an den Händen haften.

Mit Phenolen belastet

Der Belag auf den Treppenstufen ist ebenfalls mit dem Kleber befestigt. Die Treppe muss komplett erneuert werden.

Auch in den anderen Räumen ist eine Geruchsbelastung zu spüren, wenn die Fußböden angehoben werden. Ein Fußbodenleger gab der Familie den Rat, alle Böden herauszureißen und neue Dielen zu verlegen. Das sieht auch das Gesundheitsamt des Altmarkkreises so, dem Claudia Isik eine Holzprobe zur Untersuchung zusandte. „Die Holzprobe ist mit Phenolen belastet“, so das Ergebnis der Untersuchung. Diese wurden hauptsächlich in den 1950er und 1960er Jahren in Bodenbelagskleber und Holzschutzmittel eingesetzt. Weil die Phenole als „schwerflüchtig“ eingestuft werden, dauert es lange, bis sich ihr Geruch wieder verzieht. 2011 wurden vom Umweltbundesamt Richtwerte für die Innenraumluft festgelegt. Diese werden im Haus der Isiks bei Weitem überschritten. 0,05 mg/kg sind zulässig, das Haus Am Soll erreicht bei Dimethylphenol Werte von bis zu 40,5 mg.

50 000 Euro müssten die Isiks investieren, um das Gift aus dem Haus zu bekommen. Doch so viel Geld hat die Familie nicht. Auch nicht die erforderlichen 20 000 Euro Vorkasse, um vor Gericht ziehen zu können. Denn Claudia Isik fühlt sich von dem Immobilienmakler falsch informiert. Der hatte beim Hauskauf gesagt, das einzige Problem sei das Asbest auf dem Hof, ansonsten wäre das Haus in Ordnung.

„Wenn ich von dem Gift gewusst hätte, hätte ich die Kinder doch nie in die Zimmer reingelassen“, macht sich die Mutter Vorwürfe. Statt für jeden ein eigenes Zimmer zu haben, muss sich der Zwölfjährige Can nun sein Zimmer mit den beiden jüngeren Geschwistern Tim (8) und Max (6) teilen. Das halb renovierte Zimmer dürfen die drei Jungs nicht mehr betreten. Doch das Gift lauert überall im Haus, so ist auch der Fußboden auf den Treppenstufen im gesamten Haus mit dem Phenol-belasteten Kleber befestigt worden ebenso wie in den weiteren Räumen. Durch Laminat und Teppichschichten ist die Geruchsbelastung zwar nicht so hoch, die Gefahr durch den krebserregenden Stoff ist aber da.

Aufmerksam geworden auf die gesundheitlichen Probleme ihrer Kinder ist Claudia Isik, als der Jüngste nachts häufig schrie, weil seine Füße juckten. Kein Wunder, stellte der Umweltmediziner des Gesundheitsamtes fest: Die Kinder liefen oft barfuß auf dem Boden, die gefährlichen Stoffe drangen über die Fußsohlen in den Körper ein. Durch das Gift in der Luft hat Can zudem eine chronische Bindehautentzündung bekommen. Weil sie keine Luft bekommen, kommen die Kinder nachts nicht in die Tiefschlafphase, sind morgens entsprechend müde und in der Schule unkonzentriert, mittags schlafen sie sofort ein.

Kein Fonds beim Bund

Das Gutachten des Umweltamtes allein reicht der Familie aber nicht, um vom Makler oder der Unfallversicherung der Kinder Schadenersatz zu fordern. Die Klötzerin schrieb an Familienministerin Manuela Schwesig mit der Bitte um finanzielle Unterstützung. Doch einen Fonds für Privatleute gibt es im Ministerium nicht, wurde ihr mitgeteilt. Zusammenfassen lässt sich die Antwort aus Berlin mit: Pech gehabt beim Hauskauf. Die Unfallversicherung fühlt sich nicht zuständig, da die Kinder keinen Unfall hatten, obwohl Claudia Isik als Nächstes für sie Schwerbeschädigtenausweise anfordern will. Zumindest die Versicherung der Unfallrente will den Fall prüfen – ein Gutachter kommt aber erst kommendes Jahr im Mai.

Ein Umzug kommt für die Familie nicht in Frage: „Ich will die Kinder nicht aus ihrer gewohnten Umgebung rausnehmen“, erklärt Claudia Isik. Außerdem kann sich die Familie nicht leisten, den Kredit für das Haus abzuzahlen und zusätzlich die Miete für eine Wohnung oder ein anderes Haus zu bezahlen. „Ich hoffe, wir finden eine andere Lösung“, so die 36-Jährige.

„Ich weiß nicht, an wen ich mich noch wenden soll.“ Eine Möglichkeit wäre es, das Haus an jemanden zu verkaufen, der es in Eigenleistung sanieren kann. Dafür fehlt der jungen Familie selbst die Kraft. Claudia Isik hadert mit der Kaufentscheidung: „Hätte ich das Haus nicht gekauft, wären die Kinder noch gesund“, macht sich die Mutter Vorwürfe. Nun sieht es so aus, als ob die asthmakranken Kinder nie wieder richtig durchatmen können. Die Kinder gehen mit Sauerstoffmessgeräten zur Schule, um für Notfälle gewappnet zu sein. Der Traum der Klötzerin: „Wenn wir eine Firma finden würden, die sagt, wir machen das.“ Die den Arbeitslohn übernimmt und sich das Material sponsern lässt. Und so für Familie Isik wieder ein glückliches Zuhause schafft.

„Im Sommer habe ich das Problem total weit weggeschoben“, räumt sie ein. Die Kinder waren viel draußen, im Haus war die Luft etwas besser. Aber seit die Heizperiode angefangen hat, geht es Can, Tim und Max deutlich schlechter. „Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich gar nichts machen kann. Ich habe keine Kraft mehr, mir ist das alles zu viel“, resigniert Claudia Isik.

Von Monika Schmidt

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