Helmut Jachalke fordert „konzentrierte Aktion“ / Hagen Müller sieht Erfolg „nur aus der Luft“

Spinner-Befall „immer schlimmer“

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Lästig für Menschen, aber auch eine Gefahr für alte wie junge Eichen – die Raupen des Eichenprozessionsspinners. Bei Pretzier musste als Folge eines Spinnerbefalls ein Feldgehölz komplett abgeholzt werden.

Klötze / Drömling. Starke Hautrötungen, Quaddeln und Juckreiz – der Eichenprozessionsspinner gehört für den Menschen zu den unangenehmsten Vertretern unter den Schädlingen. Seit etwa sechs Jahren breitet sich der Nachtfalter auch in der Altmark immer weiter aus.

Frühere Prognosen, das Problem werde die Natur irgendwann von selbst lösen, bewahrheiteten sich bislang nicht.

Das Gegenteil sei sogar der Fall – der Befall werde immer schlimmer. Das behauptet Helmut Jachalke, Leiter des Betreuungsforstamtes Westliche Altmark in Klötze. So komme der Spinner mittlerweile nicht nur an sonnenexponierten Allee-Bäumen und an Waldrändern vor – auch mitten im Wald, so wie im Klötzer Forst, fressen die Raupen die Bäume kahl. Nicht überall, wo die Larven im Frühsommer gewütet haben, sei das derzeit zu sehen. Dafür sorge der sogenannte Johannistrieb, ein zweiter Blattaustrieb bei den Eichen. Wo auch dieser abgefressen werde, bestehe für die Eichen höchste Gefahr – sie können absterben. „Bei dicken Wiesen-Eichen zwischen Arendsee und Kalbe ist genau das eingetreten“, nennt Jachalke ein Beispiel. Bei Pretzier im Norden des Altmarkkreises musste sogar ein etwa 7000 Quadratmeter großes Feldgehölz als Folge des Befalls komplett abgeholzt werden. „Die Raupen haben dort überall gefressen – am Rand wie in der Mitte des Bestandes“, weiß der Forstamtsleiter.

Um der Lage jemals einmal Herr zu werden, müsse es eine konzentrierte und vor allem flächendeckende Bekämpfungsaktion geben, ist Jachalke überzeugt. Alle Beteiligten, von der Forst über die Kommunen bis hin zu den Straßenbaubehörden, gehören hierzu gemeinsam mit Experten an einen Tisch, fordert er im Gespräch mit der AZ.

Zumindest auf öffentlichen Flächen passiert das mittlerweile, verweist der Altmarkkreis Salzwedel auf Anfrage auf die 2013 gebildete Arbeitsgruppe, mit der in diesem Jahr die chemische und mechanische Bekämpfung an etwa 20 800 Bäumen (davon 1600 mechanisch) koordiniert wurde. Die gemeinsame Ausschreibung von Landkreis, Gemeinden, Straßenbaulastträgern und privaten Eigentümern hatte einen Umfang von 160 000 Euro, heißt es aus dem Kreisumweltamt.

Nach der nur für kurze Zeit möglichen chemischen Bekämpfung vom 20. April bis 20. Mai erfolge nunmehr noch bis Ende August die mechanische Bekämpfung an befallenen Bäumen – sprich das Absaugen der Kokons. Ende September werde es in der Arbeitsgruppe eine gemeinsame Auswertung der diesjährigen Bekämpfungsaktionen geben, kündigt der Kreis an.

Was den Befall im Altmarkkreis angehe, sei dieser unterschiedlich zu betrachten – es gebe verschiedene Befallsituationen, erklärt das Umweltamt. Ein starker Befall sei 2016 insbesondere im Naturpark Drömling zu verzeichnen.

Das kann auch Hagen Müller, Geschäftsführer des Unterhaltungsverbandes (UHV) Obere Ohre in Oebisfelde, bestätigen. „Rund um Dannefeld, Köckte, Buchhorst und Peckfitz ist es besonders schlimm – im Herbst 2015 gab es dort kaum eine Eiche, die nicht kahl gefressen war“, berichtet er auf AZ-Anfrage. Gerade bei der derzeit noch laufenden Aufarbeitung von Sturmschäden würde so mancher seiner Mitarbeiter über gesundheitliche Probleme infolge des Kontakts mit den giftigen Brennhaaren klagen.

Was die Bekämpfung angeht, seien dem UHV selbst die Hände gebunden – nicht nur, weil er nicht Eigentümer der Flächen sei. Letztlich stehe auch der Schutzstatus des Naturparkes der chemischen Keule entgegen. Doch ohne diese sehe er keine Erfolgsaussichten. „Es kann nur eine abgestimmte Aktion aus der Luft geben – sonst wird das nie was“, so der UHV-Geschäftsführer.

Auch Fred Braumann, Leiter des Naturpark Drömling, muss mittlerweile eingestehen, dass der Eichenprozessionsspinner zu einem echten Problem geworden ist. „Vor drei bis vier Jahren hieß es von Fachleuten noch, das gehe von allein wieder weg – doch davon ist nichts erkennbar“, sagt Braumann im AZ-Gespräch. Geklagt über gesundheitliche Probleme werde im Drömling von vielen Seiten. So habe es beispielsweise einen Mitarbeiter, der mit der Greifvogelberingung betraut ist, „richtig erwischt“, so Braumann. Auch die Landschaftspfleger des Naturparks bekommen die Folgen des Spinnerbefalls zu spüren, ebenso wie die Anwohner, die sich direkt an den Naturpark wenden, und nicht zuletzt auch die Touristen, die dem Niedermoorgebiet den Rücken kehren – was den Zielen eines Naturparks genauso entgegenstehe wie denen eines geplanten Biosphärenreservats. Auch der Naturparkleiter würde gerne Kommunen und Fachleute an einen Tisch bekommen, um sich ein fachlich abgerundetes Bild zu verschaffen.

Damit der Naturpark nicht an Attraktivität einbüßt, sehe Braumann als ersten Ansatzpunkt, den Eichenspinner-Befall entlang der Radwege für eine mögliche Bekämpfung aufzunehmen. Dass es eine flächendeckende Bekämpfung der Wälder aus der Luft geben wird, das könne sich der Naturparkleiter aber nicht vorstellen. Nicht zuletzt auch wegen der Finanzierung – dem aus seiner Sicht größten Knackpunkt.

Von Matthias Mittank

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