„Wir haben einen Ruf wie Donnerhall“

Potenzielle Investoren meiden Stadtrat von Oebisfelde-Weferlingen

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Architektin Lorna Labahn (kl. Foto) hatte bei der Vorstellung des Kinderdorfes im März 2015 einen schweren Stand. Ihre Präsentation für das Projekt am Lehmweg sorgte für Heiterkeit. Die Archtitekten sind nicht mehr bereit Sitzungen zu besuchen.

Oebisfelde. Dass das Projekt „Kinderdorf“ am Oebisfelder Lehmweg im Jahr 2015 nichts geworden ist, bedauert Bürgermeisterin Silke Wolf außerordentlich.

Im AZ-Gespräch informiert sie, dass die Betreiber – vor allem nach der missglückten Vorstellung im Stadtrat, wo sie nicht ausreden durften und sich sofort harscher Kritik der Einwohner und Stadträte gleichermaßen ausgesetzt sahen – nicht nur „enttäuscht, sondern sehr, sehr verschnupft“ auf die Vorkommnisse reagierten. „Mir persönlich tat das auch sehr, sehr leid“, gibt die Bürgermeisterin ehrlich zu. Denn gerade Sozialprojekte würden der Stadt in der nächsten Zeit „sehr gut tun“.

Auch bei den Vorarbeiten zum Integrierten Entwicklungskonzept (ILEK) der Stadt sei deutlich geworden, dass es in der Stadt zu wenig dieser Einrichtungen gibt und auch im Bereich Senioren und betreutes Wohnen noch Kapazitäten offen sind. „Wir haben zu wenig Seniorenplätze und zu wenig seniorengerechte Wohnungen“, weiß die Bürgermeisterin. Denn im Grenzbereich sei es besonders schwer, einen Investor für ein solches Projekt herzubekommen. In den Alt-Bundesländern werden deutlich höhere Zahlungen für die Pflegeplätze geleistet, sodass sich die Investoren eher in Niedersachsen nach Grundstücken umsehen. Trotzdem versuche die Verwaltung immer wieder, Interessenten in die Einheitsgemeinde zu locken. Doch die Verhandlungen – in den vergangenen Jahren waren es nach Angaben von Silke Wolf mindestens zwölf Betreiber, mit denen sie sprach – winken ab und sagen „Dann baue ich doch lieber in Grasleben, in Brome oder in Velpke“, nennt sie nur einige Beispiele. Dort sei es auch einfacher, Personal für die Pflegeheime und die Betreuung zu bekommen. Für die Stadt Oebisfelde-Weferlingen wird das zum Problem, denn sie verliert nicht nur die Einwohner, die nach Niedersachsen umziehen, sondern auch die Arbeitsplätze, die ein Pflegeheim mit sich bringt.

„Gerade deshalb hat mir das unheimlich weh getan, dass aus dem Kinderdorf-Projekt nichts geworden ist“, gibt die Bürgermeisterin unumwunden zu. Vor allem einige der Äußerungen, die in diesem Zusammenhang von Einwohnern und Stadträten gemacht worden, machten der Bürgermeisterin persönlich zu schaffen. Trotzdem wolle sich die Stadt weiter bemühen, diese Fläche am Lehmweg zu bebauen. „Wir haben das Projekt nicht aufgegeben“, betont sie. Allerdings mussten zunächst tiefe Wunden geleckt und gekittet werden. So habe zum Beispiel der Architekt ganz klar gesagt, er sei nicht mehr bereit, in einer öffentlichen Sitzung aufzutreten, informiert Silke Wolf weiter.

Es sei nicht das erste Mal, dass „Porzellan zerschlagen wurde“ in der Stadt. „Wir haben bei Investoren einen Ruf wie Donnerhall“, hat Silke Wolf aus vielen Gesprächen erfahren müssen. So habe sie inzwischen mehrfach gehört: „Ach, das ist ja da, wo man zermatscht wird“ oder Aussagen wie „Ich komme nicht in einen Ausschuss oder Stadtrat, Sie dürfen aber gern über mein Vorhaben berichten.“ Das sei ein deutliches Zeichen, dass eine „Willkommenskultur“ – auch für deutsche Investoren – in der Stadt nicht gegeben ist. „Das tut mir als Bürgermeisterin richtig weh“, gibt Silke Wolf zu. Denn die Stadt benötige dringend das Gewerbesteueraufkommen und weitere Arbeitsplätze vor Ort, ebenso wie Leute, die ihr Einkommen in der Stadt investieren. „Aber dann muss man als Stadtrat auch einfach mal die Hände breit machen und sagen: Wir finden das toll.“

Zudem müsse man dann auch einfach einmal sagen: Das Interesse der Stadt steht im Vordergrund und könne deshalb nicht auf eine kleine Anzahl wütender Bürger Rücksicht nehmen.

Das Kinderdorf hätte Oebisfelde zum Beispiel auch beim Erhalt der Kindereinrichtungen gut zu Gesicht gestanden, denn in der Allerstadt gibt es wenig Neugeborene. Das Kinderdorf mit 60 Kindern und einer Abteilung, in der junge Mütter aufgenommen werden, sichert dauerhaft den Erhalt von Kindergärten und Schulen in der Stadt. „So etwas schieße ich nicht ab“, ist Silke Wolf mit der Entscheidung des Stadtrates mehr als unglücklich.

Weitere Investoren hätten sich beschwert, warum in Ausschüssen oder Ortschaftsräten über Probleme diskutiert werde, die es gar nicht gibt, weil mit den Betroffenen längst alles besprochen und geklärt ist. Die Konsequenz für die Verwaltung: Wirtschaftsförderer und Bürgermeisterin geben so gut wie keine Informationen über potenzielle Investoren und Projekte mehr an die Stadträte oder die Ortsbürgermeister weiter. „Erst wenn alles spruchreif ist“, so betont Silke Wolf, bekommen die Mandatsträger in Zukunft die Informationen. Und es gebe eine ganze Reihe von „tollen Projekten“, die in der Einheitsgemeinde umgesetzt werden sollen. So nennt sie als Beispiel das von der LAG auf die Leader-Prioritätenliste gesetzte Vorhaben der Neindorfer Stiftung in Etingen einen Bauernhof mit geistig-behinderten Jugendlichen zu betreiben. Die Bürgermeisterin schickte das Projekt an den Ortsbürgermeister, das Vorhaben wurde im Ortschaftsrat vorgestellt. Postwendend kam ein Anruf aus dem Ort, in dem mitgeteilt wurden: Wir möchten das nicht.

Von Monika Schmidt

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