Klötzer Züchter beklagen große Verluste durch neue Chinaseuche

Mutierter Virus rafft Kaninchenbestände dahin

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Ein überlebender Hoffnungsträger vor leeren Ställen: Mit diesem jungen Kaninchen der Rasse Deutsche Widder in der Farbe havanna-weiß möchte Reiner Tietge, der in diesem Jahr 120 Jungtiere verloren hat, im Februar zur Bundes-Rammlerschau nach Erfurt. 

Klötze / Nesenitz. Es ist übersichtlich geworden in den 120 Einzelbuchten von Kaninchenzüchter Reiner Tietge aus Nesenitz.

Dort, wo sich normalerweise mehr als 200 Langohren der Rassen Deutsche Widder, Deutsche Kleinwidder und Meißner Widder tummeln, ist überwiegend Stille eingekehrt. Kaum hoppeln, kaum scharren. „60 Tiere sind es noch“, sagt der 59-Jährige. Dabei hatte der Vorsitzende des Klötzer Kaninchenzuchtvereins G 152 gar nicht vor kürzerzutreten.

Reiner Tietge.

Vielmehr hat dem leidenschaftlichen Züchter die sogenannte Chinaseuche bzw. eine neue Variante des bereits seit Mitte der 1980er Jahren bekannten Virus einen Strich durch das nun zu Ende gegangene Zuchtjahr gemacht. „Mindestens 120 Jungtiere“, so der Nesenitzer, habe er in diesem Jahr innerhalb von nur wenigen Wochen verloren. Die Krankheit verläuft sehr schnell, mit kaum erkennbaren Symptomen – spätestens zwei Tage nach dem Ausbruch sind die Tiere tot. Die Übertragung erfolgt über Insekten, Futter oder direkten Kontakt.

Das als unberechenbar und aggressiv geltende Rabbit Haemorrhagic Disease Virus in der Variante 2 (RHDV-2) breitet sich seit 2015 von Frankreich ausgehend aus und hat in diesem Jahr die Altmark erreicht. Tietge geht davon aus, dass die Krankheit landesweit, insbesondere im Süden vom Harz bis in den Burgenlandkreis, mittlerweile tausende Kaninchen dahingerafft hat. Genaue Zahlen gibt es nicht, da für die Chinaseuche schon seit Jahren keine Meldepflicht mehr bestehe. Der Züchter weiß jedoch, dass im Norden von Sachsen-Anhalt das Hauptverbreitungsgebiet des mutierten Virus derzeit im Klötzer Raum liegt.

So wie dem Vorsitzenden erging es in diesem Jahr etwa jedem zweiten der neun aktiven Züchter im Klötzer Verein – und insbesondere den zahlreichen Kaninchenhaltern, die keinem Verein angehören. Während letztere Totalverluste zu beklagen hatten, ist den Züchtern wenigstens ein Großteil der älteren Zuchttiere geblieben. Woran das liegt? „Durch die jährliche Impfung gegen die normale Chinaseuche haben diese einen gewissen Schutz“, so Tietge. Viele Halter ohne Zuchtabsichten verzichten dagegen aus Kostengründen mehrheitlich auf eine Impfung ihrer Tiere.

Allerdings ist der herkömmliche Impfstoff gegen die neue Virusvariante nicht ausreichend. Um die Jungtiere immun zu bekommen, müsse zweimal innerhalb von drei Wochen geimpft werden, und dann noch einmal nach einem halben Jahr, heiße es in einer Empfehlung. Aus diesem Grund werde in Dessau-Roßlau derzeit fieberhaft an einem neuen Impfstoff geforscht. In Frankreich gibt es ihn bereits, allerdings noch ohne Zulassung in Deutschland. Der Landesverband der Kaninchenzüchter habe jedoch über das Landwirtschaftsministerium eine Ausnahmegenehmigung für einen Import des französischen Impfstoffes erwirken können, so der Nesenitzer. Mittlerweile zweimal, einmal im Sommer und einmal Ende September, hat Tierarzt Toni Ferchland aus Walbeck, der auch Tierschutzbeauftragte des Verbandes ist, die Tiere der Mitglieder impfen können. Die Ausnahmegenehmigung gilt jedoch nur für 2016 – wie es im kommenden Jahr weitergeht, weiß noch keiner.

Wichtig zur Eindämmung der neuen Chinaseuche, so Tietge, wäre eine Beteiligung aller Halter an den Impfungen. Doch das sei illusorisch. Zudem bestehe die Gefahr, dass sich das neue Virus noch stärker als das herkömmliche in der Natur festsetzt. So erkranken an RHDV-2 nicht nur Wildkaninchen, sondern auch Feldhasen. Die Folgen für deren Bestände sind noch nicht absehbar.

Von Matthias Mittank

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