Luci van Org ist erwachsen geworden und schreibt jetzt Bücher

Keine Spur vom „Mädchen“

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Keine Spur mehr vom „Mädchen“ Luciletric aus den 1990ern. Luci van Org singt nicht nur, sie ist inzwischen auch Schriftstellerin. Im Kunrauer Schlosskeller stellte sie ihre Märchenadaption von Schneewittchen vor. 

Kunrau. Das Etikett vom „Mädchen“ wird an ihr haften bleiben. Ebenso wie der Name ihrer früheren Band – „Lucilectric“. Mit „Weil ich ein Mädchen bin“ hatte die Berlinerin Mitte der 1990er Jahre einen großen Hit.

„Den singe ich aber heute nicht mehr“, erklärte Luci van Org am Freitagabend im Kunrauer Schlosskeller. Noch kurz vor Beginn ihrer Lesung nahm sie sich Zeit für ein Gespräch mit der AZ.

 Von Lampenfieber keine Spur. Und genau so natürlich, wie sich die „Mehrzweckkünstlerin“, wie sie sich selbst nennt, im Gespräch gibt, ebenso natürlich war sie später auf der Bühne. Das mag an der intimen Atmosphäre im Schlosskeller gelegen haben, der mit nur gut einem Dutzend Zuhörer besetzt war. „Das macht mir nichts, bei kleineren Veranstaltungen kann die Stimmung trotzdem großartig sein“, erklärte die 45-Jährige.

Warum sie „Mädchen“ nicht mehr singt, hat eine einfache Erklärung: „Ich möchte nicht das Bild vom Anfang zerstören“, erläutert sie. Bei anderen Künstlern, die noch nach Jahrzehnten ihre alten Titel aus der Jugendkarriere singen, hat sie diesen Effekt beobachtet. Das Lied mit dem Bild von früher passt einfach nicht mehr zu dem Bild der Künstlerin auf der Bühne von heute. „Das sollten wir in der Zeitkapsel lassen“, findet Luci van Org. Stolz ist sie auf das Lied trotzdem, nur das Bild von dem Mädchen auf der Schaukel passt nicht mehr zu ihrer Entwicklung. „Und überhaupt: Eigentlich waren wir als Lucilectric ja eine Punkband“, schätzt sie ein. Bei den Konzerten damals ging richtig die Post ab. Gesungen wurde beim Programm in Kunrau aber trotzdem, „ein Potpourri aus den vergangenen 25 Jahren, von meinem ersten Soloalbum bis heute“, kündigte Luci van Org an.

Die Berlinerin hat schon vieles ausprobiert: Sie ist Sängerin, Schauspielerin, Drehbuchautorin, Songwriterin, Musikproduzentin, Radiomoderatorin und inzwischen auch Schriftstellerin. Und als solche präsentierte sie sich am Freitag in Kunrau – nicht ohne auf den Gesang zu verzichten. Luci van Org stellte ihr Buch „Schneewittchen oder die Kunst zu töten vor“. Eine moderne Fassung des Grimmschen Märchens. „Die sind ja ohnehin schon sehr grausam“, erinnert die Künstlerin. „Boah ist das krank“, stellte sie fest. Denn wo gibt es sonst eine Mutter, die glaubt, dass sie das Herz und die Lunge ihres eigenen Kindes isst. Und auch der Prinz, der im Märchen die Prinzessin rettet, kommt bei ihr nicht gut weg. „Der ist der eigentliche Sadist“, erzählt die Autorin. Einen Massenmörder, Psychopathen und Sadomaso-Spielchen hat sie in ihre Fassung des Märchens verpackt. Gelegentlich harter Tobak. Sie hoffe, dass das ihre Zuhörer nicht zu sehr abschrecke, meinte sie mit Blick auf das Publikum. War dann aber beruhigt: „Gerade wer älter ist, hat es meist faustdick hinter den Ohren.“

Auch ihr neuestes Projekt, eine Neufassung der nordischen Sagen, stellte Luci van Org in Kunrau vor. „Die Edda ist echt scheiße zu lesen“, erklärte sie zuvor im AZ-Gespräch. Aber ihre Zusage an den Verlag, aus den nordischen Sagen eine moderne Erzählung zu machen, bereut sie trotzdem nicht. Auch wenn sie sich durch die Originalfassung der Edda, die in Stabreimen gedichtet ist, erst durchkämpfen musste. „Es ist erstaunlich, dass viele der Ratschläge heute noch gelten“, hat die Schriftstellerin dabei festgestellt. „Sei nicht blöd“, ist einer davon. „Immer gucken, wo die Notausgänge sind“ und „Gehe nie ohne Waffen aus dem Haus“ zwei weitere. Ihr Lieblingsspruch aber ist: „Komme immer zur rechten Zeit, denn wenn du zu früh bist, ist das Bier noch warm, und wenn du zu spät kommst, ist es alle.“

Zwar hatte die Künstlerin nur kurz Zeit, sich im Kunrauer Schlosskeller umzusehen, „aber was der Kulturklub hier auf die Beine stellt, ist wirklich toll“, lobte Luci van Org. „Gerade auf dem Land, wo das Kulturangebot nicht so groß ist, kommen zwar meist nicht so viele Leute, aber ihr Interesse ist viel größer, sie hören viel besser zu“, gab es Vorschusslorbeeren für das Publikum, bevor sich die Künstlerin ihre Gitarre schnappte und den kurzen Weg auf die Bühne ging.

Von Monika Schmidt

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