Rabbiner erklärt in Klötze die jüdische Bestattungskultur

Der Grabstein ist die Visitenkarte

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Rabbiner Benjamin David Soussan erklärte anhand der neuen Tafel, was die hebräische Inschrift auf dem einzig verbliebenen Grabstein für David Nelke bedeutet.

Klötze. „Menschen jüdischen und jeden anderen Glaubens sind in der Stadt Klötze willkommen. “ Das betonte Bürgermeister Matthias Mann gestern Nachmittag. Auf dem neuen jüdischen Friedhof wurde eine Gedenktafel enthüllt.

Dazu war eigens Rabbiner Benjamin David Soussan aus Magdeburg nach Klötze gekommen. Er ist in der Landeshauptstadt Gemeinderabbiner, war aber auch viele Jahre der Landesrabbiner Sachsen-Anhalts. Ziel der Gedenkveranstaltung war es, an das jüdische Leben in Klötze zu erinnern. „Dazu machen wir heute den Anfang“, erklärte Initiator Pfarrer i. R. Klaus Pacholik. In den kommenden Monaten soll dann Adolph Frank in den Blickpunkt rücken. Menschen aller Glaubensrichtungen möchte die Stadt ein friedvolles Leben garantieren, betonte Matthias Mann. 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sei das Erinnern noch immer wichtig. „Das Unrecht darf nicht vergessen werden. “.

Rabbiner Soussan erklärte, dass das Erste, was eine jüdische Gemeinde macht, wenn sie sich gründet, nicht der Bau eines Bethauses oder einer Synagoge sei. Gott könne überall angebetet werden. Stattdessen werde als Erstes ein Friedhof geschaffen. „Für die Juden war es immer schwierig, ein Friedhofsgrundstück zu bekommen“, erinnerte der Rabbi. Meist lagen diese außerhalb der Stadt oder an Gebirgshängen. Ein jüdischer Friedhof bleibt dauerhaft bestehen. „Der Grabstein ist eine Visitenkarte, das Grab ist der einzige Besitz, den der Tote hat“, erklärte Rabbi Soussan weiter. Deshalb würden im Judentum auch alle Toten in Leinentüchern begraben, egal ob reich oder arm.

„Vor Gott sind alle gleich.“ Wenn ein Mensch stirbt, wird der physische Körper begraben, aber Geist, Leben und Seele, die drei unsichtbaren Elemente, bleiben. Das Leben stirbt sofort, die Seele kehrt zurück zu Gott, aber der Geist bleibt in dem Grab und wartet auf die Auferstehung, erläuterte der Rabbiner. Eigentlich gebiete es das Judentum, den Verstorbenen sofort zu begraben. Das sei wegen der vielen Formalitäten heutzutage schwierig, aber länger als drei Tage dürfen bis zur Beerdigung nicht vergehen. „Dass der Mensch so schnell verwest, ist eine Gnade Gottes“, so der Rabbi. Denn so falle den Hinterbliebenen das Loslassen leichter.

Die drei Tagesfrist wurde auch beim einzig erhaltenen Grabstein auf dem jüdischen Friedhof eingehalten. David Nelke starb 1859.

1938 war der Friedhof zerstört worden. „Wir bedauern das damit verbundene Unrecht gegenüber den jüdischen Mitbürgern“, steht auf der Tafel und versicherte auch Matthias Mann bei der Enthüllung. Gerade weil auf den Friedhöfen noch der Geist der Verstorbenen zu Hause sei, das Grab für immer Eigentum des Verstorbenen ist, sei es für die Juden schwierig, wenn ihre Friedhöfe geschändet werden, betonte der Rabbi.

Von Monika Schmidt

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