Proteste vor dem Werkstor in Immekath: Aryzta erklärt Verhandlungen schnell für gescheitert

Fricopan-Konflikt: Keine Einigung

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Mit einem Pfeifkonzert vor der Einfahrt zum Werksgelände in Immekath machten die Fricopaner gestern Morgen ihren Unmut über die Konzernleitung lautstark deutlich. Drinnen wurde über die Zukunft der Mitarbeiter beraten.

Immekath. Einen „herzlichen“ Empfang, so kündigte Betriebsratsvorsitzende Gerda Hentschel ironisch an, bereiteten die Fricopaner in Immekath heute Morgen ihrer Konzernleitung, die zur dritten Verhandlungsrunde über die Zukunft des Backwarenherstellers auf das Betriebsgelände einfuhr:

Ein Pfeifkonzert aus mehr als hundert Trillerpfeifen begrüßte die Verhandlungsführer von Aryzta. Hinter verschlossenen Türen ging es anschließend bei den Verhandlungen um den Wunsch des Betriebsrats, eine Transfergesellschaft zu bilden. Das hatte der Konzern von Anfang an abgelehnt. Wird keine Einigung erzielt, muss über einen Sozialplan beraten werden. Darin wird dann auch geklärt, welche Abfindungen den einzelnen Mitarbeitern zustehen. Der Konzern Aryzta will das Immekather Fricopan-Werk Ende August schließen, allen Mitarbeitern soll gekündigt werden.

Am späten Nachmittag gab es gestern dann Gewissheit: „Die Verhandlungen sind gescheitert“, teilte der Betriebsrat mit. Die Arbeitgeber hätten die Verhandlungen über den Interessenausgleich für gescheitert erklärt, noch bevor begonnen wurde, über die Höhe der Abfindungen für die Mitarbeiter zu verhandeln. Stattdessen soll nun die Einigungsstelle angerufen werden. Das ist ein Gremium, das über den Sozialplan verhandelt, wenn sich Betriebsrat und Arbeitgeber in den Gesprächen nicht einigen können.

„Wir lassen uns nicht verarschen“ stand auf einem der Plakate, mit denen die Fricopan-Mitarbeiter ihre Konzernleitung zur Verhandlung begrüßten.

Auch die bei der Betriebsversammlung im Mai angekündigte „Anwesenheitsprämie“ werde es nicht geben, stattdessen wurde eine „Erfolgsprämie“ angeboten, teilt der Betriebsrat den Fricopanern weiter mit. Diese könne aus Sicht des Betriebsrates aber nicht gezahlt werden, da die gesteckten Ziele, die mit einer solchen Prämie verbunden sind, nicht erreicht werden. Einzige gute Nachricht des Verhandlungstages aus Sicht des Betriebsrates: Es wird bis zum 30. Juni keine Kündigungen geben. Da der Konzern aber am Schließungstermin 31. August festhält, werden die Kündigungen wohl im Juli ausgesprochen. Der nächste Verhandlungstermin am 7. Juli droht zu platzen, da die Konzernvertreter an diesem Tag verhindert seien.

Während gestern noch mit der Konzernführung verhandelt wurde, werden beim Treffen des Betriebsrates mit Wirtschaftsminister Jörg Felgner (SPD) heute in Klötze keine Aryzta-Vertreter dabei sein. In den Gesprächen mit Landrat Michael Ziche, Bürgermeister Matthias Mann und dem Chef der Stendaler Arbeitsagentur sollen Perspektiven aufgezeigt werden. Das Land möchte für den Standort einen Nachfolgebetrieb finden, zahlreiche Unternehmen wurden bereits kontaktiert.

Pfeifkonzert und Tränen

Kollegen der IG Metall aus Wolfsburg solidarisierten sich gestern Morgen mit den demonstrierenden Fricopanern.

„Die erste Pfeife ist da“, meinte einer der Protestierenden gestern gegen 10 Uhr vor dem Immekather Werkstor. Während sich dieser Verhandlungsführer vom Mutterkonzern Aryzta zu Fuß durch die mehr als 100 Demonstranten traute und mit „Arbeitsplatzvernichter“-Rufen und einem lauten Pfeifkonzert begrüßt wurde, fuhren die anderen Vertreter des Konzerns, unter anderem der Fricopan-Geschäftsführer Marc Saam und Personalmanagerin Anja Zapka-Volkmann, mit ihren Limousinen im Konvoi durch das eiligst geöffnete Werkstor: Beim dritten Verhandlungstag zwischen Konzernleitung und Betriebsrat von Fricopan wurden die Aryzta-Vertreter von einem gellenden Pfeifkonzert aus über 100 Trillerpfeifen begleitet. Jedesmal, wenn sich eine Tür im Verwaltungsgebäude auf dem Betriebsgelände öffnete, fing das Pfeifkonzert von Neuem an.

Über eine Stunde hatten die Demonstranten da schon vor dem Werkstor auf die Verhandlungsführer gewartet. Unterstützt wurde der Protest, den der Betriebsrat mit der Gewerkschaft NGG organisiert hatte, auch von Kollegen der IG Metall aus Wolfsburg und vom Landtagsabgeordneten Andreas Höppner (Linke). Der frühere Betriebsratsvorsitzende von Fricopan erkannte als fast einziger diejenigen, die mit ihren Autos und weit entfernter Kennzeichen schnell hinter den geschützten Werkstoren verschwanden.

„Wir wollen die Verhandlungsführer heute ganz besonders herzlich empfangen“, hatte Betriebsratsvorsitzende Gerda Hentschel am Morgen zu Beginn des Protestes angekündigt, bevor sie das Werksgelände betrat. Die übrigen Mitarbeiter mussten draußen bleiben: Sonntag und Montag ruhte die Produktion. Sie wird erst heute früh wieder aufgenommen. Begründet wurde dies vom Unternehmen mit einem witterungsbedingten geringeren Absatz der Produkte, wie er jedes Jahr geschehe. Somit blieb also Zeit, den Unmut kundzutun und sich auszutauschen.

Aryzta-Personalmanagerin Anja Zapka-Volkmann und Fricopan-Geschäftsführer Marc Saam wurden mit einem gellenden Pfeifkonzert begleitet.

Die Mitarbeiter, das wurde aus den Gesprächen am Rande der Demonstration deutlich, sind tief enttäuscht. Während sie sich in den vergangenen Jahren für den Betrieb aufgerieben haben, vermissen sie nun die Anerkennung dafür. Denn statt über die vom Betriebsrat vorgeschlagenen Kompromisse, wie eine Umstellung des Schichtsystems, zu beraten, hat die Konzernleitung nur die Schließung im Blick. Der Betriebsrat hofft dagegen immer noch auf die Bildung einer Transfergesellschaft, über die gestern erneut gesprochen werden sollte, kündigte Gerda Hentschel an. Von Aryzta hatte es dazu schon bei der ersten Betriebsratsversammlung im Mai eine klare Absage gegeben. „Dann wären die Verhandlungen schnell zu Ende und müssten als gescheitert erklärt werden“, so Gerda Hentschel. Im zweiten Schritt gehe es dann um den Sozialplan und die Abfindungen für die einzelnen Mitarbeiter.

Dass die lautstarke Begrüßung die Personalmanagerin emotional aufgewühlt hatte, ließ Gerda Hentschel schon kurz nach Beginn der Verhandlungen über einen Kollegen den Wartenden vor dem Werkstor ausrichten. Es sollen Tränen geflossen sein. Diese Nachricht sorgte bei den Demonstranten für höhnisches Gelächter.

Von Monika Schmidt

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