Letzte Betriebsratsversammlung vor Schließung / Prämien für Planerfüllung

Fricopan: Sozialplan vorgestellt

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Fricopan-Betriebsratsvorsitzende Gerda Hentschel sprach während der Betriebsratsversammlung allen Unterstützern, aber vor allem den Mitarbeitern, ihren Dank aus.

Klötze/Immekath. Die letzten vier Wochen, in denen bei der Fricopan Back GmbH in Immekath Teigwaren übers Band laufen, sind angebrochen – von den derzeit 482 Mitarbeitern haben die meisten ihre Kündigungen bereits zugestellt bekommen.

Die gestrige Betriebsversammlung im Klötzer Altmarksaal – die letzte ihrer Art – nutzten die Mitglieder des Betriebsrates deshalb auch dafür, um unter den Klängen von „Time to say goodbye“ („Zeit um auf Wiedersehen zu sagen“) das Unternehmen nach knapp 20 Jahren Produktion symbolisch zu Grabe zu tragen.

Die Zusammenkunft wurde vor allem dafür genutzt, den zwischen Geschäftsführung und Betriebsrat ausgehandelten Interessenausgleich und den Sozialplan vorzustellen. Auch aufkommende Fragen der rund 300 Anwesenden, vor allem zu arbeitsrechtlichen Themen, wurde beantwortet.

Die Mitarbeiter des Fricopan-Betriebrates um dessen Vorsitzende Gerda Hentschel (l.) nutzten die letzte Betriebsversammlung gestern im Altmarksaal, um das Unternehmen symbolisch zu beerdigen.

Wie es am Immekather Standort nach dem Produktionsende am 31. August weitergeht, ist derweil noch nicht gänzlich geklärt. Einige Mitarbeiter, so informierte gestern Fricopan-Geschäftsführer Andreas Willner, werden für die Abwicklung des Betriebes und die Pflege des Geländes noch bis Ende Dezember benötigt. Sie sollen dafür zusätzlich eine sogenannte Abwicklungsprämie erhalten. Mitte August werde zudem ein Plan an die Belegschaft herausgegeben, aus dem hervorgeht, wann die einzelnen Schichten heruntergefahren werden. Für den Fall, dass die Fricopaner „weiter wie in der Vergangenheit diszipliniert ihrer Arbeit nachgehen“ und die restlichen Aufträge abarbeiten, stellte Willner zudem eine sogenannte Produktionsplanerfüllungsprämie in Aussicht.

Markus Nitsch, Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Stendal, sah im AZ-Gespräch prinzipiell keine Probleme, „500 Leute in der Altmark unterzubekommen“. Angebot und Nachfrage würden jedoch nicht immer passen, weshalb er Qualifikationsmöglichkeiten in Aussicht stellte.

Durchhalteparole von Geschäftsführer sorgt für Lacher

Ein Bruttomonatsgehalt je Arbeitsjahr und Zuschläge bei besonderer Betroffenheit: Nachdem sich der Fricopan-Betriebsrat zuletzt erfreut über den mit der Geschäftsführung ausgehandelten Sozialplan für die knapp 500 Mitarbeiter gezeigt hatte, wurde dieser im Rahmen der gestrigen Betriebsratsversammlung im Klötzer Altmarksaal vorgestellt (siehe Infokasten). Die Berechnung der Abfindung soll jedem schriftlich zugestellt werden, die Zahlung mit dem letzten Gehalt erfolgen, informierte Rechtsanwältin Marion Burghardt. Ein Wermutstropfen: Auch Vater Staat will verdienen, weshalb die Abfindung versteuert werden müsse.

Die Fricopan-Geschäftsführung, gestern vertreten durch Andreas Willner, ist derweil bedacht, dass die noch vorliegenden Aufträge abgearbeitet werden. So soll es für die Monate Juli und August Prämien für die Produktionsplanerfüllung und den sogenannten Servicelevel (Lieferquote) geben. „Ich bin überzeugt, dass wir das erreichen können“, appellierte Willner an die Belegschaft. Warum dafür auch weiterhin an den Wochenenden gearbeitet werden müsse, wollten einige Mitarbeiter wissen. „Weil die Waren gebraucht werden – weil ihr so gut seid“, so Willner, der dafür höhnisches Gelächter erntete.

Pfarrer Bernd Schulz rief in diesem Zuge die Mitarbeiter dazu auf, solidarisch untereinander zu bleiben. „Der Buhmann ist nicht der Kollege, der krank ist, sondern Aryzta – wenn ich in diesem Betrieb arbeiten würde, würde ich dafür sorgen, dass nicht ein Tag länger produziert wird“, so Schulz, der damit für einen zwischenzeitlichen Beifallssturm sorgte. Für September bot der Pfarrer einen Trauergottesdienst in Immekath an.

Unmut wurde auch seitens der Fricopaner gestern mehrfach geäußert. Dabei kam der Umstand, dass die zugestellten Kündigungen auch von außen als solche zu erkennen waren, ebenso zum Ausdruck wie die vielfach noch nicht ausgestellten Zwischenzeugnisse.

Konzern-Betriebsratsvorsitzender Ottmar Montag attestierte Aryzta“ Skrupellosigkeit und Unprofessionalität“ beim Umgang mit den Mitarbeitern, die 20 Jahren gute Arbeit geleistet hätten. Aufgrund nicht beantworteter Anfragen gehe er davon aus, dass konzernintern bald noch weitere Mitarbeiter entlassen und Werke geschlossen werden könnten.

Wer gestern der etwa vierstündigen Versammlung bis zum Ende beiwohnte, bekam vor Ort die Möglichkeit, sich bei der Agentur für Arbeit Stendal arbeitslos zu melden. Am heutigen Mittwoch besteht der Service ein weiteres Mal von 8 bis 17 Uhr im Werk.

Abfindungen, Zuschläge, Prämien - auf einen Blick:

Das erhalten die Fricopaner:

• Abfindung: 1 (zu versteuernder) Brutto-Monatslohn je Arbeitsjahr (Stichtag: 30. Juni 2016)

• 12-prozentiger Aufschlag für Arbeit im Schichtsystem

• Zuschlag auf die Abfindung für schwerbehinderte Mitarbeiter: 2000 Euro bei 50 bis 70 Prozent Behinderungsgrad / 3000 Euro ab 70 Prozent Behinderungsgrad

• Zuschlag für jedes unterhaltsberechtigte Kind: 2500 Euro (sind beide Eltern betroffen, je die Hälfte)

• Bei Eigenkündigung (Stichtag 4. Mai 2016): 50 Prozent Abfindung

• Langzeitkranke, die von der Krankenkasse ausgesteuert sind (Stichtag: 30. Juni 2016), erhalten weniger Abfindung – zum Stichtag ausgesteuert: 10 000 Euro / länger als 3 Jahre ausgesteuert: 5000 Euro / länger als 5 Jahre ausgesteuert: 2000 Euro

• Mobilitätshilfe für Mitarbeiter, die einen Arbeitsplatz bei Aryzta annehmen: bis zu 500 Euro monatlich für Pension- und Zweitwohnungskosten (in den ersten 12 Monaten), 2 Tage bezahlte Freistellung für Wohnungssuche, 1500 Euro Einrichtungspauschale bei endgültigem Umzug

• Für Azubis (für Ausbildung im Aryzta-Konzern): Kosten für Wochenendheimfahrten (Bahntickets 2. Klasse), 150 Euro monatlicher Mietzuschuss

• 2 freigestellte Arbeitstage für Stellensuche

• Prämie für Produktionsplanerfüllung für Monate Juli/August: 500 Euro je Mitarbeiter • Abwicklungsprämie (1. September bis 31. Dezember 2016): September Mo.-Fr. 400 Euro / Oktober Mo.-Fr. 600 Euro / November Mo.-Fr. 800 Euro / Dezember Mo.-Fr. 1000 Euro (Reduktion der Prämie um 10 Prozent für jeden Fehltag)

Von Matthias Mittank

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