Immekather Werk ist dicht / Gedrückte Stimmung bei der Abschiedsfeier

Die „Todesstunde“ von Fricopan

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Wut und Zorn ist Trauer und Ungewissheit gewichen: Die Gesichter blieben gestern bei vielen skeptisch. In vielen Gesprächen wurde gefragt: „Hast du schon etwas Neues?“

Immekath. „Es tut weh, dass wir so auseinander gehen müssen“, sagte Gerda Hentschel gestern Mittag. Die Betriebsratsvorsitzende von Fricopan sprach ein letztes Mal zu den Mitarbeitern.

Das war’s: Auch Betriebsratsvorsitzende Gerda Hentschel und ihr Vorgänger Andreas Höppner hängten gestern Mittag so wie alle Kollegen zuvor ihre Arbeitsschuhe an den Werkszaun. Das Immekather Fricopan-Werk ist ab heute Geschichte.

Diese hatten sich am letzten Tag der Immekather Großbäckerei zu einer kleinen Abschiedsparty zusammengefunden. Betriebsrat und Geschäftsführung hatten dafür Getränke und Essen spendiert.

Noch etwa 15 Mitarbeiter wickeln das Immekather Werk ab, die anderen haben ihre Kündigung erhalten. Die ersten Fricopaner sind ab heute arbeitslos. Andere, die länger im Betrieb waren und damit eine längere Kündigungsfrist haben, können noch ein paar Monate überbrücken. „Einige sind noch bis März beschäftigt“, informierte die Betriebsratsvorsitzende. Somit bleibt ihnen ein bisschen länger Zeit, sich einen neuen Job zu suchen. Denn das ist gar nicht so einfach. Erst etwa 50 Fricopaner haben einen neuen Job gefunden. Die Abschiedsparty gestern sollte deshalb für die Werksangehörigen auch dazu dienen, Adressen auszutauschen, Kontakte zu knüpfen und mögliche Jobangebote weiterzugeben.

Gestern dominierte die Trauer, viele hatten noch einmal schwarze Kleidung angezogen. Nach vielen Jahren Betriebszugehörigkeit fiel ihnen der Abschied schwer. „Mein Wunsch ist, dass alle einen Job finden und wieder glücklich werden“, so die letzten offiziellen Worte der Betriebsratsvorsitzenden. Auch sie knüpfte, wie alle anderen zuvor, am Ende ihre Schuhe an den Werkszaun.

Die „Todesstunde“ von Fricopan

Die Stimmung war gedrückt. Viele Fricopaner hatten noch einmal schwarze Trauerkleidung angezogen, beim Abschiedsgottesdienst in der Immekather Kirche flossen Tränen. Und doch wurde vielen wohl erst beim Abschiednehmen vor den Toren des Werksgeländes bewusst, dass es ein Abschied für immer ist. „Wir haben den Kampf nicht gewonnen“, bedauerte Betriebsratsvorsitzende Gerda Hentschel. Aber zumindest habe der Betriebsrat bei den Verhandlungen ein paar Monate rausschinden können. Und auch der Sozialplan, der geschlossen wurde, um die Fricopaner zumindest eine Weile abzusichern, ist am Ende besser ausgefallen, als zu Beginn der Verhandlungen zu vermuten war.

Gerda Hentschel bedankte sich bei den Kollegen für „20 Jahre gute Arbeit“. „Ihr habt aus Fricopan das gemacht, was es heute ist.“ Und sie erinnerte an die gute Qualität der Waren, die auch durch das Engagement der Mitarbeiter stetig verbessert wurde. „So gute Qualität wird es so schnell nicht wieder geben, das werden auch die Kunden merken“, stellte Gerda Hentschel fest.

Ihr Dank galt dem heutigen Landtagsabgeordneten Andreas Höppner, der seine Fricopaner weiter unterstützt hatte. „Es ist kein schöner Tag, dieser letzte“, fasste die Betriebsratsvorsitzende zusammen. Trotzdem hatte sich der Betriebsrat entschieden, den letzten Tag nicht einfach so ausklingen zu lassen, sondern das mit einer kleinen Abschiedsfeier zu verbinden. Auch als Gelegenheit für die früheren Kollegen, noch einmal Adressen und Kontakte auszutauschen und sich für die Zukunft zu verabreden. Viele Schichten hatten sich in den vergangenen Tagen in Immekath bereits zu Abschiedsfeiern getroffen.

Bewusst geworden, dass es ein Abschied für immer ist, ist es vielen erst, als sie das letzte Mal durch das Werkstor gegangen sind. Pfarrer Bernd Schulz versuchte im Gottesdienst, den Fricopanern Mut zu machen. Sie sollten die „unfreiwillige Freizeit“ nutzen, um etwas Gutes zu tun: Ein Buch lesen, Freunde besuchen, im Garten arbeiten, mit den Enkeln spielen – Dinge, die in der Vergangenheit häufig durch die Schichtarbeit zu kurz gekommen sind. Und dann sollten die Fricopaner Ausschau halten, „was das Leben jetzt für Sie zu bieten hat“, richtete der Pfarrer den Blick auf die Zukunft. Alte Bindungen sollten gepflegt, neue geknüpft werden, so sein Wunsch. Bernd Schulz erinnerte daran, dass es nicht nur Einzelschicksale durch die Schließung gebe, sondern das Betriebs-Aus auch für die „kommunale Gemeinschaft ein großer Verlust“ ist. Die Solidarität, die beim Kampf gezeigt wurde, sollte auch weiterhin über alle Berufsgruppen hinweg Bestand haben.

Von Monika Schmidt

Aus für Fricopan: Immekather Werk ist endgültig dicht

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