Kunrauer Storch hämmert im Ort auf Fenster und Autos ein / Wolfgang Sender: „Nicht füttern“

„Der ist doch gestört“

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Auf einem Mast in einem privaten Garten an der Straße Am Drömling zieht das Kunrauer Storchenpaar seit Jahren seine Jungen auf. Seit dem vergangenen Jahr macht sich das Männchen mit Attacken auf hochglanzlackierte Autos zunehmend unbeliebt bei den Einwohnern.

Kunrau. Sehr früh, bereits am 22.  Februar, so weiß der Kunrauer Manfred Leneke, ist das Männchen des seit Jahren auf einem Mast in seinem Garten brütenden Storchenpaares aus dem Überwinterungsgebiet zurückgekehrt. Auch das Weibchen war zeitig ran, es erschien am 1. März.

Doch das ist nicht der Grund, warum Familie Adebar, insbesondere Herr Storch, in den zurückliegenden Wochen im Drömlingsdorf von sich reden gemacht hat.

Denn anstatt auf den nahen Drömlingswiesen nach Nahrung oder Nistmaterial, zum Ausbessern des Horstes zu suchen, stolzierte das Storchenmännchen kaum Scheu vor dem Menschen zeigend regelmäßig durch den Ort, um mit seinem Schnabel auf glänzende Oberflächen, insbesondere hochglanzlackierte Autos, beharrlich einzuhämmern. Nicht nur so mancher Kratzer, zum Teil auch kleine Beulen, gehen auf das Konto dieser Spaziergänge.

Es seien „etliche Autos, besonders dunkle“ gewesen, so weiß Manfred Leneke, die in diesem Frühjahr vom Storch demoliert wurden. Eines davon, ein schwarzer Audi, war vor dem Haus von Familie Behne geparkt. Die Leiterin der nahen Kaufhalle hatte beobachtet, wie das Storchenmännchen den rechten Kotflügel des Audis bearbeitet hatte. „Der ist doch gestört“, ärgert sich auch Jutta Behne über die Kratzer am Auto ihres Sohnes Heiko, das nun vorsichtshalber auf dem Hinterhof abgestellt wird. Das seltsame Verhalten des Storches hatte die Senioren bereits im Vorjahr beobachten können. „Das ging er um das Schloss und pickte gegen die unteren Fenster. Man kam an ihn bis auf zehn Meter heran“, blickt die Kunrauerin zurück.

Darüber, was Adebar dazu treibt, auf Glasscheiben und Autos loszugehen, kann Wolfgang Sender, Mitarbeiter der Naturparkverwaltung Drömling in Oebisfelde, nur spekulieren. „Da das Männchen keinen Ring trägt, kann man seine Herkunft und seine Lebensgeschichte nicht nachvollziehen“, erläutert der Storchenexperte. Sehr wahrscheinlich sei aber, dass das Tier durch den Menschen fehlgeprägt wurde. „Entweder wurde der Storch in menschlicher Obhut aufgezogen oder gefüttert, sodass es verlernt hat, im Menschen eine Gefahr zu sehen“, erklärt Sender im AZ-Gespräch. Denn natürlicherweise hätten Weißstörche eine viel größere Fluchtdistanz.

Wenn der furchtlose Kunrauer Storch nun durch die Straße stolziert, so erklärt Wolfgang Sender, entdecke er in reflektierenden Oberflächen sein Spiegelbild, das er jedoch nicht als das seine, sondern als vermeintlichen Rivalen wahrnehme, den es natürlich zu vertreiben gilt. Da die heutigen Storchenreviere bei weitem nicht mehr so nahrungsreich wie früher seien, würden Artgenossen rund um den Neststandort in den seltensten Fällen noch toleriert.

Ein ähnliches Problem wie mit dem Kunrauer hatte es im Jahr 2000 mit dem Miester Storch gegeben, der in der Nähe der Badeanstalt zwei Jungen aufzog. Dort nahm Adebar neben Fenstern auch die Fahrzeuge eines Gebrauchtwagenhändlers ins Visier. An letzteren summierten sich die Schäden auf 20 000 D-Mark. Das Ärgerliche: Keine Versicherung kommt für derartige Schäden auf. Die Lösung damals waren zwei ABM-Frauen, die in zwei Schichten von 6 bis 22 Uhr die Straßen patrouillierten. Mit einer älteren Dame, so Wolfgang Sender, die neben den Stubentigern auch die Störche gefüttert hatte, habe das Problem angefangen. Selbst darauf hingewiesen, sei die Frau nicht einsichtig gewesen.

Vor drei Jahren, so blickt der Storchenexperte zurück, begann schließlich in Mannhausen im Süddrömling ein Storch an das Fenster in der zweiten Etage eines Wohnhauses zu trommeln. „Und das ab morgens um 4 Uhr – die Kinder der Familie konnten nie ausschlafen und mussten übermüdet in die Schule gehen“, weiß Sender. Nach dem Verhängen der Fenster legten sich die Attacken.

Von einem mit sogenanntem Datenlogger ausgestatteten Storchenmännchen, das im vergangenen Jahr in Sachau gegen Fenster klopfte, weiß der Naturpark-Mitarbeiter, dass sich dieses Tier so gut wie gar nicht an der Aufzucht der vier Jungen beteiligt hatte. „Weil es zu sehr damit beschäftigt war, sein Revier zu verteidigen“, erklärt Sender, der genau deshalb immer wieder appelliert, Störche – selbst wenn sie sehr zeitig im Frühjahr zurückkehren – auf keinen Fall zu füttern.

Was kann im Fall des Kunrauer Storches getan werden? „Verscheuchen – sobald er im Ort gesehen wird“, empfiehlt Wolfgang Sender, dem tierischen Autodemolierer wieder den Respekt vor dem Menschen anzutrainieren.

Von Matthias Mittank

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