Von Afghanistan nach Kalbe: Mohamad Ajmal Sahak und Shakila Sahak über den Kampf um eine Zukunft

„Papa, das ist hier doch kein Spiel“

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Sie verkauften alles, gaben ihre guten Jobs auf und verließen ihre Familien und ihre Heimat, weil die Taliban sie bedrohten: Mohamad Ajmal Sahak und seine Frau Shakila leben nun mit ihren zwei kleinen Söhnen in Kalbe.

Kalbe. Neun Monate unterwegs, neun Versuche, in ein europäisches Land zu flüchten, unzählige Male das Leben riskiert für eine bessere Zukunft in der Heimat und schließlich eine bessere Zukunft fern ab der Heimat.

Das fasst nur kurz zusammen, was Mohamad Ajmal Sahak, der jetzt mit seiner Frau Shakila und den beiden kleinen Söhnen Mohammad Tanwir (6) und Maazullah (3) in Kalbe lebt, hinter sich hat.

„Würden Sie aus ihrer Heimat fliehen, wenn es Ihnen gut ginge, wenn Sie glücklich und sicher wären?“, fragt Sahak. Das kann wohl jeder Deutsche mit einem klaren Nein beantworten. Deutschland ist nicht vom Krieg zerstört, die Regierung ist stabil, auch wenn es Schwierigkeiten gibt, kann man sich sicher fühlen.

Als Dolmetscher war Mohamad Ajmal Sahak (r.) mit den Soldaten der US-Armee in Afghanistan unterwegs und kämpfte gegen die Taliban.

In Afghanistan ist die Lage anders. Dort wurde der 28-jährige Bauingenieur als Sohn eines Bauern geboren. Doch 1996, als die Taliban etwa 40 Kilometer von Kabul entfernt gegen die Mudschahedin kämpften, wurde das Dorf, in dem seine Familie lebte, aus „strategischen Gründen“ von den Taliban niedergebrannt. So floh die Familie nach Pakistan. Dort wurde auch seine Frau als Kind einer afghanischen Flüchtlingsfamilie geboren. Beide besuchten Schulen für Flüchtlingskinder in dem afghanischen Nachbarland. Kennengelernt haben sie sich aber 2003 nach dem Schulabschluss in einem Computerkurs, in dem sie sich weiterbildeten. Denn eine pakistanische Universität dürfen Flüchtlinge nicht besuchen.

„Unsere Familien waren gegen unsere Hochzeit“, erzählt Mohamad Ajmal Sahak. Denn die Tradition sieht es vor, dass die Familie eine Ehe arrangiert, nicht aber dass die Eheleute sich selbst aus Liebe für den Partner entscheiden. „Tradition, nicht Religion“, betont er dabei.

Das ist ein großer Unterschied. So werde im Islam abgeraten, eine Frau zu heiraten, mit der man sich nicht versteht. Man solle respektvoll miteinander umgehen, über Probleme sprechen und sie gemeinsam lösen, um ein gutes Leben zu führen. „Der Koran sagt nicht, dass man eine Frau schlagen soll“, erklärt er. Wenn man seiner Frau wehtue, tue man sich selbst weh. Die arrangierte Heirat sei in seinem Land eine menschgemachte, nicht aber eine gottgewollte Tradition. Und an dieser halten die vielen Menschen fest, die nur diese Tradition kennen und nicht die Möglichkeit haben, sich weiterzubilden. Davon gebe es eben sehr viele. Außerdem „ist der Islam eine einfache Antwort“ für diejenigen, die die Religion dazu missbrauchen, um anderen Schaden zuzufügen und mit allen Mitteln nach Macht zu streben, sagt Shakila Sahak. „Isis ist nicht der Islam, den wir leben“, erklärt ihr Ehemann.

2003 kehrte Mohamad nach Afghanistan zurück und arbeitete als Dolmetscher für die Amerikaner. Vom Militärstützpunkt in Bagram aus begleitete er diese bei Einsätzen – vor allem an der pakistanischen Grenze. Unzählige Zeugnisse und Zertifikate, die auf dem Couchtisch in der Kalbenser Wohnung der Familie liegen, zeugen von seinen Einsätzen und seiner Zusammenarbeit mit dem Militär.

Doch 2006 entschloss er sich, an der Universität in Kabul Ingenieurwissenschaften zu studieren. Während des Studiums, im Jahr 2008, heiratete das Paar, nachdem sie fünf Jahre lang dafür gekämpft hatten.

Doch viel Zeit blieb nicht, um das junge Glück zu genießen. Denn Mohamad Sahak entschloss sich dafür, im Süden von Afghanistan zu arbeiten, dort wo sonst keiner hinwollte: „Die gefährlichste Gegend“, erzählt er. Aber er wollte seiner Familie ein schönes Zuhause bieten und in Kabul war es schwierig, eine Arbeit, geschweige denn eine gutbezahlte Arbeit, zu finden.

Als Bauingenieur realisierte er für eine afghanische Firma ein amerikanisches Bauprojekt im Süden des Landes – ein Stützpunkt des Militärs, auf dem afghanische Soldaten ausgebildet werden sollten. „Ich erzählte niemandem aus meiner Familie, wo ich genau war“, erzählt Mohamad Ajmal Sahak. Denn jede Information nach außen war gefährlich. Um in der Gegend von den Taliban nicht als Ingenieur erkannt zu werden, trug er einfache einheimische Kleidung, ließ sich einen Bart wachsen und nahm den einheimischen Dialekt an. Wenn er mit seinen Kollegen von Kandahar mit dem Auto nach Kabul fuhr, vorbei an Minen und Bomben, die am Rand des Weges ausgelegt waren, dann immer in einem zivilen, einfachen Wagen. Ohne Sicherheitsleute, ohne verräterische Dokumente. Auf einem Foto, das auf einer dieser Fahrten aufgenommen wurde, zeigt er auf eine Flasche, die ihn das Leben hätte kosten können: „Dieses Wasser haben die Amerikaner getrunken. Wenn wir angehalten worden wären und sie hätten es bei uns gefunden, dann wäre klar gewesen, dass wir mit den USA zusammenarbeiten.“

Eines Tages fingen die Taliban an, ihn auf seinem Handy anzurufen und zu bedrohen. „Ein bei uns arbeitender Einheimischer hatte ein Video von mir gemacht und es ihnen gezeigt“, erzählt er. Die Taliban versuchten, ihn zu überreden, auf ihre Seite zu wechseln, ihnen den Zugang zu dem Gelände zu ermöglichen und drohten damit, ihn sonst umzubringen. Mohamad Ajmal Sahak weigerte sich.

Unter den ständigen Drohungen entschloss er sich, wieder nach Kabul zurückzukehren. Doch auch dort war er nicht mehr sicher: „An einem Abend hatte ich noch ein Meeting. Als ich ins Auto stieg, um nach Hause zu fahren, wurde ich verfolgt. Ich brach alle Verkehrsregeln und hielt schließlich direkt vor der Polizeistation, wo das Verfolgerauto die Jagd aufgab. Sofort bekam ich einen Anruf, dass ich diesmal entkommen sei“, erzählt Sahak. Er wusste, dass weder er noch seine Familie – Shakila Sahak hatte inzwischen den zweiten Sohn geboren – sicher waren. Vor allem nicht, nachdem die Amerikaner 2013 aus Kabul abzogen. Für die Taliban, aber auch für viele andere war er ein Verräter, der sich mit den Amerikanern verbündet hatte.

Zunächst versuchte Mohamad Ajmal Sahak, eine „Special Immigrant Visa“ zu beantragen. Die USA boten dies für afghanische Bürger an, die für die Amerikaner gearbeitet hatten. Er hatte schon alle Dokumente zusammen. Aber da er nicht mehr für sie im Einsatz war, hatte er keinen Zutritt zu einem Stützpunkt, um sich die nötige Unterschrift eines amerikanischen Generals einzuholen. Plötzlich wurden die Verfahren für diese Visa dann auch eingestellt.

Das Ehepaar entschied sich 2013 dazu, aus ihrer Heimat zu fliehen. „Wir haben alles verkauft, unser Haus, meinen Schmuck, alles“, erzählt Shakila Sahak. Denn eine Flucht ist alles andere als günstig: 78 500 Dollar verlangte der „Agent“, wie die beiden den Mann bezeichnen, der ihnen die Flucht in ein europäisches Land ermöglichen sollte. Das Geld wurde von einem Zwischenmann verwahrt, bis die Familie in Sicherheit war. Der Bruder von Mohamad Ajmal Sahak war mit ihm, dem Agenten und dem Zwischenmann in ständigem Kontakt. Versprochen wurde der Familie, dass sie in drei bis vier Tagen in Europa sein sollten.

Für die Familie begann ein neun Monate anhaltender Kampf ums Überleben. Zunächst kamen sie in einem Hotel in Dubai unter. Einen Tag später sollte ein Flugzeug sie in die Türkei bringen. Doch man sagte ihnen, dass ihre Pässe erst einmal nach Kabul geschickt werden sollten, um in der Botschaft ein Visum für die Türkei zu erhalten. Nach einigen Tagen kam das Visum – ausgestellt für knapp zwei Monate. In Istanbul angekommen, sollten sie nach einiger Zeit britische Pässe erhalten. Doch nur, wenn 40 Prozent der 78 500 Dollar ausgezahlt würden. Das Geld wurde übergeben, danach brach der Agent jeglichen Kontakt ab.

Auf sich allein gestellt, wollte die Familie das Visum verlängern. Doch ein Freund, der mit den Papieren helfen sollte, verkündete ihnen die bittere Wahrheit: „Das Visum war gefälscht“, erzählt Mohamad Ajmal Sahak. Sie waren illegal im Land. Ihr Freund riet ihnen, die Pässe zu zerreißen, denn wenn man die gefälschten Dokumente finden würde, drohe ihnen Gefängnis.

Wieder verging Zeit, Mohamad Ajmal Sahak zahlte mit dem Ersparten eine Unterkunft, doch lange hätte die Familie so nicht leben können. Vor allem wünschten sich die Eltern eine richtige Zukunft für ihre zwei kleinen Söhne. Bildung würden Mohammad Tanwir und Maazullah als illegale Flüchtlingskinder in der Türkei aber nicht erhalten.

Wieder wendeten sie sich an Schleuser. Sie sollten auf einem Schlepperschiff nach Italien. Doch wegen der Jahreszeit – es war Dezember – entschieden sie sich für den Fluchtversuch über den Grenzfluss Mariza nach Griechenland. Auf einem Schlauchboot überquerten sie den Fluss, an Bord drei Männer, drei Frauen und zwei Kinder. Das kleine Boot kenterte, Mohamad Ajmal Sahak war der einzige Schwimmer. Nach und nach rettete er die Leben der Flüchtlinge, zog alle wieder in das Boot, das auf dem Wasser herumtrieb und lenkte es schwimmend in Richtung Griechenland. Die Gruppe versteckte sich in den Bergen, sollte dann von einem Kontaktmann abgeholt werden.

Doch alle Hoffnungen zerschlugen sich erneut. Es kam einfach niemand. Als sie sich der griechischen Grenzpolizei stellten, wurden sie in ein Gefängnis gebracht. Noch in der Nacht holten sie die Beamten schwer bewaffnet aus den Zellen, brachten sie auf ein Boot auf die Mariza und drohten ihnen damit zu schießen, wenn sie nicht wieder hinüberfahren würden.

Insgesamt neun Fluchtversuche unternahm die Familie. Drei nach Italien, drei nach Griechenland, drei nach Rumänien. Manchmal wurden sie mitten auf dem Meer von den Grenzwachen aufgegriffen. Bei einem Fluchtversuch rannten sie mit 39 anderen Flüchtlingen erst stundenlang über Berge und durch Wälder – mit den Kindern auf den Schultern sitzend – um dann in einer verlassenen Hütte auf Hilfe zu warten. Nach fünf Tagen Hungern gaben sie auf. „Die Schleuser und Flüchtlinge nennen das ein Spiel“, erzählt der junge Familienvater. Denn entweder man gewinnt oder verliert. Nach fast jedem Versuch wurden sie in Gefängnisse gebracht. Manchmal waren sie dort zusammen, andere Male wurden sie getrennt, durften sich nur einmal täglich für zehn Minuten sehen. „Sechs Monate verbrachten wir zusammengenommen in den Gefängnissen“, erzählt Shakila Sahak.

Acht Fluchtversuche scheiterten. Der letzte gelang der Familie. Von Bulgarien aus ging es mit einem kranken Kind – Tanwir hatte die Windpocken bekommen – im Land mit einem Auto und an den Landesgrenzen zu Fuß nach Serbien und dann nach Ungarn. Dort wartete ein Fahrer, der sie schließlich nach Deutschland brachte. „Er fragte uns, ob wir hier bleiben oder noch weiter fliehen wollten“, erinnert sich Mohamad Ajmal Sahak. Das kam aber nicht infrage. Sie hatten einfach keine Kraft mehr und der kleine Tanwir hatte seit Tagen hohes Fieber, weinte fast ununterbrochen. Auch Maazullah hatte sich bereits bei seinem großen Bruder angesteckt. Die Sahaks wurden am Bahnhof in Frankfurt am Main abgesetzt. Dort half ihnen ein Deutscher und erklärte, dass sie nach Gießen fahren müssten.

Heute sind sie in Kalbe zu Hause. Ihre lange Reise hierher, die Todesangst, all der Stress verfolgt sie bis jetzt. Auch an ihrem älteren Sohn sind die Erfahrungen nicht spurlos vorbeigegangen: „Er macht uns noch jetzt Vorwürfe, dass wir ihn zu all den schrecklichen Orten gebracht haben. Er fragt uns, warum wir ihn umbringen wollten. Er versteht das alles nicht“, erzählt seine Mutter mit brüchiger Stimme. Als ihn sein Vater vor einigen Tagen auf die Schulter genommen hatte, meinte er: „Warum tust du das? Papa, das hier ist doch kein Spiel.“ Die Eltern hoffen, dass er alles irgendwann verstehen und glücklich sein wird.

Denn hier sollen er und sein kleiner Bruder endlich eine Zukunft erhalten. Eine, die ihm in seiner Heimat verwehrt wurde. „Das beste Gesetz in Deutschland ist, dass die Kinder zur Schule gehen müssen“, sagt Mohamad Ajmal Sahak. Jeden Tag fährt er seine Kinder auf dem Fahrrad in die Kita und die Schule: „Das ist immer der glücklichste Moment des Tages für mich.“

Die Familie hofft nun, in Kalbe bleiben zu können: „Unsere Nachbarn sind so nett, der Hausmeister hilft uns immer weiter. Die Bibliothekarin hat mir geholfen, als ich Bücher zum Deutschlernen gebraucht habe. Und unsere Deutschlehrerin Kerstin Stirnat ist unser Engel“, erzählt Mohamad Ajmal Sahak.

Irgendwann, so wünscht er sich, möchte er die Güte und Hilfe, die ihm in Deutschland begegnet ist, zurückzahlen.

Von Hanna Koerdt

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