„Da war ja die Beerdigung teurer“

Nach tödlichem Lkw-Unfall: Gericht verhängt Geldstrafe und stellt Verfahren vorläufig ein

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Der Fahrer dieses Kippers ist gestern vom Amtsgericht wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe verurteilt worden – sehr zum Unwillen der Hinterbliebenen des getöteten Beifahrers.

Gardelegen / Kalbe. Als sich andeutet, dass sich Richter, Staatsanwalt und Verteidiger einig werden, wird im Zuhörerbereich gemurrt. Wütende Worte wie „Scheiß Justiz“ und „Da war ja die Beerdigung teurer“ fallen.

Und zwar von Hinterbliebenen jenes Lkw-Fahrers, der vor gut einem Jahr, am 13. April 2015, im Kurvenbereich kurz vor Kalbe, aus Richtung Neuendorf am Damm kommend, sein Leben verlor. Der damals 54-Jährige hatte offenbar keine Chance, wurde beim Aufprall aus dem Führerhaus geschleudert und starb eingeklemmt zwischen Lkw und einem Baum.

Am Steuer saß ein damals 30-jähriger Mann aus Düsedau im Landkreis Stendal. Er befand sich gestern auf der Anklagebank im Amtsgericht Gardelegen. Der Vorwurf lautete auf fahrlässige Tötung.

Am Morgen des Unglückstags steigen der spätere Fahrer und sein späterer Beifahrer ins Fahrerhaus des Kippers, der Mutterboden vom Windpark bei Garlipp transportieren soll. Erst fährt der 54-Jährige. Um 9.48 Uhr, so zeigt es später der Fahrtenschreiber an, gibt es einen Fahrerwechsel – und 118 Kilometer später ereignet sich der tragische Unfall.

Das Besondere: Der Unfallfahrer lenkt an diesem Tag zum ersten Mal einen Kipper, wird vor Fahrtantritt vom später Getöteten eingewiesen, wie er dem Richter erzählt. Es ist außerdem sein erster – und durch den Unfall zugleich sein letzter – Arbeitstag bei seiner neuen Firma.

Um 12.50 Uhr fährt der 30-jährige den Kipplaster durch Neuendorf am Damm und dann die schnurgerade L 21 in Richtung Kalbe. Gesetzlich vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit für solch einen Kipper: 60 km/h. Tatsächlich, so ein Gutachter gestern vor Gericht, war der Tonner wohl zwischen 70 und 75 km/h schnell. Kurz vor Kalbe kommt erst eine S-Kurve, gleich danach weitere Kurven. In einer Rechtskurve kommt das Gefährt von der Fahrbahn ab, fährt 70 Meter auf dem Seitenstreifen, ehe die rechten Reifen die Fahrbahn verlassen, sich das Gefährt in die Erde eingräbt, um 45 Grad zur Seite kippt und mit der rechten Fahrerhausseite einen Baum rammt.

Gebremst hat der Fahrer schon. Aber, so der Sachverständige gestern, erst eine Sekunde vor dem Aufprall. Als es bereits zu spät war. Auch Lenkbewegungen habe es nicht gegeben. Schlussfolgerung von Richter Axel Bormann: „Sie fahren einfach stumpf weiter.“

Die Straße dort, so der Sachverständige, sei „nicht übermäßig breit. Es bietet sich an, dort die Geschwindigkeit zu reduzieren.“ Die Kurven vor Kalbe „erfordern ein bisschen mehr Aufmerksamkeit“ als auf gerader Strecke.

Zeugen dieses Unfalls gibt es nicht. Der Angeklagte sei, wie er im Gericht erklärte, „normal durch die Kurve gefahren“ und dann „irgendwie von der Straße abgekommen“. Und weiter: „Ich habe das nicht gemerkt.“

Der Beifahrer, so erklärte der Unfallfahrer, habe neben ihm gesessen. Genau das ist aber bis heute unklar. Laut Sachverständigem sei es eher so gewesen, dass der später Getötete beim Crash „aus der Schlafkoje rausgeflogen“ sei. Fest steht: Sollte er auf dem Beifahrersitz gesessen haben, war er nicht angeschnallt. Es gebe „keine Hinweise auf eine Gurtbenutzung“, so der Sachverständige.

Der Angeklagte fuhr vorher jahrelang Lkw, auch ins Ausland. Im Straßenverkehr ist er vorher nicht auffällig gewesen. Beim Unfall wird er selbst schwer verletzt, wird mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus nach Stendal geflogen, erleidet ein Schädel-Hirn-Trauma und befindet sich bis heute, wie er sagt, wegen des Unfalls in therapeutischer Behandlung. Derzeit ist er arbeitslos.

Der Begriff der Fahrlässigkeit, so Richter Axel Bormann, sei „im unteren Bereich anzusiedeln.“ Eine vorläufige Verfahrenseinstellung gegen eine Geldsumme, da würde er mitgehen, deutet der Richter an. Und auch der Staatsanwalt nickt. Als sich Protest bei den Hinterbliebenen regt, maßregelt der Staatsanwalt die Zuhörer. Ja, der Angeklagte „hat ein Menschenleben auf dem Gewissen.“ Aber er sei sonst nicht auffällig geworden, „da hatten wir hier schon ganz andere Fälle, die nur wenige Tage später wieder ,Wilde Sau‘ gespielt haben.“ Deshalb „hilft es nicht, die große Keule rauszuholen“.

Wenige Minuten später steht das Urteil des Gardelegener Amtsgerichts fest: 1600 Euro muss der Angeklagte an den Stendaler Hospizverein überweisen. Tut er das binnen vier Monaten, wird das Verfahren endgültig eingestellt. Und der heute 31-Jährige wäre nicht vorbestraft.

Von Stefan Schmidt

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