Einer Familie aus Afghanistan droht die Zwangsausreise nach Bulgarien

Mehr als 150 Kalbenser protestieren gegen drohende Abschiebung

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Der Familie Sahak droht die Abschiebung nach Bulgarien. Das soll verhindert werden. Mit gebastelten Protestschildern demonstrierten Bürger am Kalbenser Rathaus.

Kalbe. „Ohne die Sahaks läuft hier nichts“, sagt Kerstin Stirnat und die Entschlossenheit steht ihr ins Gesicht geschrieben. Sie läuft durch die Menschenmenge und lässt die anderen eine der vielen Unterschriftenlisten signieren.

Eine große Welle der Solidarität zog am Donnerstagabend durch die Mildestadt und bewegte mehr als 150 Menschen dazu, ans Kalbenser Rathaus zu kommen und damit zu zeigen: Wir stehen hinter der Familie Sahak, wir möchten sie hier nicht mehr missen. Der Grund: Ajmal Sahak, der vor fast zwei Jahren mit seiner Frau Shakila und den beiden kleinen Söhnen Tanwir und Maazullah ein wahres Martyrium hinter sich brachte, als er von Afghanistan nach Deutschland fliehen musste, erreichte am Mittwoch ein schockierendes Schreiben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF): Seiner Familie droht die Abschiebung nach Bulgarien – das erste EU-Land, welches die Sahaks damals betraten. In Bulgarien kamen die Sahaks ins Gefängnis und mussten ihre Fingerabdrücke hinterlassen. Laut Dublin-III-Verordnung ist nicht Deutschland für die Sahaks zuständig, sondern Bulgarien. „Die Situation in Bulgarien ist menschenunwürdig“, sagt Christina Bölian vom Flüchtlingsrat, die ebenfalls bei der Solidaritätskundgebung war. Deshalb sei es inakzeptabel, dass die junge Familie dorthin zurückkehre. Denn sogar mit einem Schutzstatus in Bulgarien werden Flüchtlinge beispielsweise der Obdachlosigkeit überlassen. Eine Änderung der EU-Gesetzgebung dahingehend, dass Asylsuchende nicht in EU-Länder abgeschoben werden können, in denen die Lebensbedingungen für sie vielfach unerträglich sind, ist nicht vorgesehen, aber man kann sich dagegen wehren.

„Deutschland fühlt sich nicht zuständig, und das ist es, was wir ereichen wollen: Dass sich Deutschland zuständig fühlt“, sagt Mirko Wolff, der unter anderem mit Marko Kühnel und Cathleen Hoffmann am Donnerstag alle Hebel in Kalbe in Bewegung setzte: Freunde, Bekannte, Bürger und Institutionen wurden über die besorgniserregende Sachlage informiert. Was dabei herauskam, zeigt, dass die Familie ihre neue Heimat in der Mildestadt gefunden hat: So malten und bastelten die Freunde von Tanwir und Maazullah Protestschilder für die Kundgebung, während die Erwachsenen sich daran machten, Strategien zu entwickeln: Mehrere Schreiben, darunter von Kalbes Bürgermeister Karsten Ruth, Dr. Daniel Graf, vom Kreis-Sozialamt, dem Verein „Miteinander“, von Grundschule, der Kita „Märchenland“, dem Hort, der Volkshochschule, wurden gesammelt, in denen die Beteiligten sich für die Sahaks aussprechen und gegen eine Abschiebung argumentieren. Denn das Ehepaar ist was die Integration und Flüchtlingsarbeit angeht, eine große Stütze: Beide sprechen inzwischen gut deutsch, daneben unter anderem noch englisch, arabisch, persisch, sogar indisch. Ajmal Sahak, der als Intgrationslotse beim Altmarkkreis Salzwedel angestellt ist, hilft den anderen Familien, sich in der Region zurecht zu finden, fährt sie zu Behörden, Ärzten, begleitet, übersetzt und berät auch über die Grenzen des Landkreises hinweg. Shakila Sahak unterstützt Kerstin Stirnat beim Deutschunterricht als Lehrerin. Gestern wurden dem BAMF in Halberstadt die Schreiben übergeben, genauso wie die Listen mit den vielen Unterschriften ihrer Freunde und Unterstützer sowie ein großes Gruppenfoto. Überwältigt von so viel Anteilnahme und Unterstützung sind die Sahaks am Donnerstagabend, schütteln Hände, werden umarmt. „Wir wollen hier bleiben“, sagt Ajmal. „Wir wollen das auch“, sagt Kalbe.

Von Hanna Koerdt

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