Aktion der Gymnasiasten gewürdigt

16 weitere Stolpersteine in Gardelegen: „Meilenstein in der Geschichtsaufarbeitung“

+
Was nicht passt, wird passend gemacht: Künstler Gunter Demnig verlegt seine Stolpersteine immer selbst. Am Sonntag waren es an drei Stellen insgesamt 16 Steine.

Gardelegen. Seit Sonntag erinnern weitere 16 Stolpersteine an drei ehemalige jüdische Familien in Gardelegen, die von den Nazis deportiert und zumeist ermordet wurden.

Alina Wolfowski (hinten von links), Karla Steinecke, Jessica Kraska, Jaynor Behrens, Tabea Anders, Chantal Röhse, Elisabeth Schönegge und Paula Schulze sowie Tabea Kreutz (vorne von links), Lea Weisbach, Allan Behrens, Minh-Chau Trang und Annika Leue vor dem Elternhaus von Joachim Behrens.

Es sind die Familien von Adolf und Selma Behrens mit ihren Kindern Heinz, Fritz und Hilde an der Sandstraße/Ecke Rendelbahn, von Hermann und Luise Behrens mit ihren Kindern Joachim und Charlotte sowie Hermanns Schwestern Frieda Behrens und Ulrike (Ulla) Kronheim Hermann an der Sandstraße/Ecke Marktstraße sowie von Simon und Margarete Baermann und ihre drei Kinder Edith, Heinz und Ruth an der Salzwedeler Torstraße. Für sie verlegte der Künstler Gunter Demnig die Steine in routinierter und zupackender Art und Weise vor ihren ehemaligen Wohnhäusern in den Gehweg.

Am Sonntag erhielten die Familien zudem ein Gesicht. Denn Allan Behrens war mit seiner Frau Jaynor extra aus London angereist, um der Verlegung beizuwohnen, die ihn sehr bewegte. Den Abend vorher hatte das Ehepaar mit dem Künstler Demnig verbracht, der zum ersten Mal in einem Haus übernachtete, vor dem er am nächsten Tag Stolpersteine verlegte. Es wurde gemeinsam gegrillt.

Allan Behrens, der ein wenig Deutsch spricht, ist einer der drei Söhne von Joachim Behrens, der, 1921 geboren, seine Kindheit in Gardelegen verlebte. 1939 emigrierte er mit seinen Cousins Heinz und Fritz nach Rhodesien, wodurch sie den Holocaust überlebten. Joachims Eltern Hermann und Luise dagegen wurden am 2. April 1942 deportiert und am 2. November 1943 in Travniki (Lublin) bei der sogenannten „Operation Erntefest“ erschossen. Joachims Schwester überlebte Auschwitz (Häftlingsnummer 41884) und Ravensbrück, wo sie am 29. April 1945 von den Russen befreit wurde.

Wie Allan Behrens erzählt, war Gardelegen als Geburtsort des Vaters, der heute noch Englisch mit starkem deutschen Akzent spricht, immer Thema in der Familie. Seine Heimat sei allerdings Sambia gewesen, wo er 35 Jahre lang lebte und seine Familie gründete. Die Unruhen im Land Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre veranlassten ihn allerdings, 1973 nach London zu ziehen. 1992 besuchte Joachim Behrens mit seinen Söhnen Allan, der in der IT-Branche arbeitet, Ronald, einem Spezialisten für Tropenkrankheiten, und Mark, der als Ingenieur in Südafrika tätig ist, Gardelegen, um ihnen die Stadt seiner Herkunft zu zeigen. 2002 war Allan Behrens noch einmal mit seiner Frau Jaynor in der Hansestadt, die ihn auch dieses Mal begleitete.

Sein Vater Joachim, mittlerweile 94 Jahre alt und erkrankt, konnte bei der Verlegung der Stolpersteine nicht dabei sein, ließ aber die besten Grüße ausrichten. Auch Allan Behrens selbst dankte allen für ihr Erscheinen, um seiner Familie zu gedenken, und für die Gastfreundschaft, die ihm und seiner Frau entgegengebracht wurde. Er werde, wie er nach der Verlegung beim Beisammensein vor dem Rathaus sagte, seine Brüder und Kinder auffordern, Gardelegen zu besuchen. Er hoffe zudem, mit der Stadt und den Schülern in Kontakt zu bleiben.

Die Schüler, das sind die Gymnasiasten der Arbeitsgemeinschaft (AG) Stolpersteine und ihre Leiterin, Geschichtslehrerin Andrea Müller, die diese zweite Verlege-Aktion akribisch vorbereitet hatten und zu einer würdigen Zeremonie werden ließen. Dazu konnten sie über 100 interessierte Gäste begrüßen – darunter Gardelegens Bürgermeister Konrad Fuchs, Salzwedels Landrat Michael Ziche und Rabbiner Benjamin Soussan, für den es, wie er sagte, dieses Mal eine Freude war, in Gardelegen zu sein. „Nicht so wie sonst immer an der hässlichen Scheune, wo über 1000 Menschen den Tod fanden.“ Die Stolpersteine sehe er als wichtig an. Denn mit ihnen bleiben die Menschen, die hier wohnten, nicht namenlos. Auch Tote sollten ihre Identität behalten können. An sie erinnern ansonsten die Grabsteine auf den Friedhöfen, für die deportierten und ermordeten Juden gebe es zumeist keine.

Auch Bürgermeister Fuchs betonte, dass der Tag ein besonderer sei. Denn er sei ein „weiterer Meilenstein in der Geschichtsaufarbeitung“. Vor allem sei er froh über die Art und Weise, nämlich durch junge Menschen um einer engagierten Lehrerin, die diesen schwärzesten Teil der Geschichte an ihre Schüler herangetragen habe. Für ihr Engagement – „Was ihr geleistet habt, ist außergewöhnlich“ – bedankte sich der Bürgermeister bei Andrea Müller mit einem Präsent und bei den „altgedienten“ AG-Mitgliedern – Tabea Kreutz, Alina Wolfowski, Karla Steinecke, Jessica Kraska, Lea Weisbach und Gunnar Bude – mit einem Buch über den Humoristen Otto Reutter. Das sei passend, fand er. Denn Humor sei wichtig, um in der Stunde der Trauer den Mut nicht zu verlieren. Robert Ghigeanu und Lena Leuschner, die am Sonntag verhindert waren, erhalten das Buch zu einem späteren Zeitpunkt. Das gilt auch für die Ehrenmedaille des Gymnasiums, die die Elftklässler als Anerkennung ihrer Leistung aus den Händen vom Leiter des Gymnasiums, Dietmar Collatz, und Schülersprecherin Linda Rubovci erhielten.

Da sich die künftigen Abiturienten im kommenden Schuljahr auf ihren Schulabschluss konzentrieren und sich aus diesem Grund aus der AG etwas zurückziehen wollen, freuen sie sich, dass sie mit den Neuntklässlern Paula Schulze, Chantal Röhse, Minh-Chau Trang, Tabea Anders, Annika Leue und Elisabeth Schönegge Verstärkung bekommen haben. Sie haben auch diese zweite Verlege-Aktion schon mit organisiert und begleitet und erhielten in Form eines etwas anderen Stolpersteines den Staffelstab weitergereicht.

Die Elftklässler bedankten sich zudem bei allen Unterstützern wie Karl-Heinz Reuschel und Rupert Kaiser für die Hilfe bei den Recherchen und beim Künstler Gunter Demnig. Ein großes blumiges Dankeschön hatten sie zudem für Andrea Müller mitgebracht. Denn sie sei „eine ganz tolle Lehrerin“, wie Lea Weisbach es ausdrückte.

Von Elke Weisbach

Geschichtsaufarbeitung: 16 Stolpersteine für Gardelegen

Kommentare