Über Thora, Kippa und den Sabbat

Karl-Heinz Reuschel: Ein überzeugter Christ, dessen Herz für das Judentum schlägt

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Zweimal im Monat feiert Karl-Heinz Reuschel bei sich zu Hause den Sabbat. Dafür zieht er auch die Kippa (auf dem Tisch) an. In seinem Wohnzimmer steht zudem eine Menora.

Gardelegen. Einst sagte Karl-Heinz Reuschel: „Ich würde mir wünschen, in meinen Adern würde jüdisches Blut fließen. “ Und das bezweifelt man nicht, wenn man ihm begegnet.

Sein langer grauer Bart, die sehr kurzen Haare, der dunkle Anzug – meist mit einem hellblauen oder weißen Hemd kombiniert –, seine silberne Brille, sein Wissen über das Judentum, über die verfolgten jüdischen Familien Gardelegens zur Zeit des Holocaust sowie sein Engagement deren Schicksal nicht in Vergessenheit geraten zu lassen – all das zeigt, wie interessiert er an dem Judentum und seinen Riten ist. Und das vertritt er auch nach außen hin. Auf die typischen Schläfenlocken verzichte er aber dennoch. „Ich will das nicht so imitieren“, betont er.

„Ich bin von Haus aus evangelisch.“

Eigentlich ist Karl-Heinz Reuschel von Haus aus evangelisch. Seine christlichen Wurzeln stelle er nie in Frage, sagt er. „Ich bin in der evangelischen Kirche zu Hause und da gehöre ich auch hin.“

Wie entstand dann das Interesse an dem Judentum? Eine Antwort darauf kann er nicht geben. Aber mit 15 Jahren zur Zeit der DDR, erinnert er sich, begann er sich langsam mit diesem Glauben zu beschäftigen. Erst durch seine Schwiegermutter Gisela Bunge wurde aus einem Hobby eine Leidenschaft. Sie und ihr Mann, Pfarrer Karl Bunge, haben sich mit dem Drama von 1945 an der Gardelegener Feldscheune beschäftigt und mit den Überlebenden und den Hinterbliebenen der Opfer Kontakt aufgenommen. Sie versuchten den Opfern des Holocaust ein Gesicht zu geben und dieses Geschehen aus einem anderen Blickwinkel zu erläutern.

Nachdem der Schwiegervater starb, begann sich seine Schwiegermutter Gisela Bunge für das Schicksal der Gardelegener Juden zu interessieren. Für ihre Recherchen Mitte der 80er Jahre zog sie auch ihren Schwiegersohn hinzu. So entstand das Buch „Schicksale jüdischer Familien in Gardelegen“, das heute als wichtiger Beitrag für die Aufarbeitung der Geschichte Gardelegens gesehen wird.

„Ich bin kein Spezialist fürs Judentum.“

Karl-Heinz Reuschel sieht sich selber nicht als Spezialist für das Judentum, wie er sagt. „Mich interessieren vor allem Dinge aus dem alltäglichen jüdischen Leben.“ Dazu zähle beispielsweise der Wochenablauf, bei dem der Sabbat den höchsten Stellenwert hat. Und den versucht er auch zweimal im Monat mit seiner Familie zu feiern. „Seit einigen Jahren versuchen wir, einige jüdische Glaubensriten zu leben“, so der 58-Jährige. Am Sabbat setze er dann auch die Kippa auf und versuche die jüdischen Rituale einzuhalten.

Schaut man sich im Wohnzimmer der Reuschels um, entdeckt man das eine oder andere jüdische Symbol. Auf einer braunen Kommode steht zum Beispiel die Menora, ein siebenarmiger Leuchter. „Sogar die weißen Kerzen darauf sind koscher“, sagt Karl-Heinz Reuschel und lacht, während er auf die Kerzenpackung zeigt. In einem anderen Schrank bewahrt er den Kiddusch-Becher und zwei Sabbat-Kerzenständer auf. Alles Gegenstände, die er zum Feiern des Sabbat-Eingangs braucht. Auch der süßliche Dessert-Wein, der bei der Zeremonie getrunken wird, ist koscher und stammt aus einem jüdischen Laden. Am Türpfosten der Eingangstür ist sogar eine kleine Mesusa angebracht. Das ist ein kleiner Behälter, in der sich eine biblische Passage auf Pergament befindet. Sie wird zum Schutz der Hausbewohner angebracht.

Seine Frau teilt das Interesse ihre Mannes und unterstützt ihn dabei. Sie sei es auch, die den Sabbat vorbereitet und den Kidduschsegen spricht. Die Kinder sind da etwas skeptischer. „Unsere Kinder beobachten das Ganze mit Interesse, aber stehen nicht so dahinter wie wir“, erzählt er.

„Ich war noch nie in Israel.“

Bisher war der 58-Jährige noch nie in Israel. Die Frage, ob er den jemals dorthin reisen werde, stimmt ihn sehr nachdenklich. „Ich sehe momentan keinen Anlass, nach Israel zu reisen“, sagt er sehr zögerlich und greift sich dabei an den grauen Bart. Der Grund hierfür sei seine deutsche Herkunft und die Verbrechen, die während des Nationalsozialismus´ an Juden verübt wurden. Er fürchte, dass er dort nicht willkommen sei. Wenngleich alle Begegnungen, die er mit Juden hatte, immer sehr herzlich waren, sagt er.

Karl-Heinz Reuschel ist überzeugter Christ, dessen Herz für das Judentum schlägt. Wieso auch nicht? „Schließlich stammt das Christentum vom Judentum ab“, erklärt er. Neben den jüdischen Riten fasziniert ihn der Zusammenhalt der Juden. „Egal, welcher Glaubensrichtung Juden angehören, es ist ein Zusammenhalt da. Ich finde die kirchliche Trennung im christlichen Glauben sehr schade. Ich verstehe uns nämlich als eine Kirche.“ Am Ende verrät er, dass er sich über das Projekt „Stolpersteine“ und seine Entwicklung sehr freue. Ganz besonders freue ihn das Engagement der Schüler. Und dass er sie dabei unterstützen konnte. Mittlerweile seien 24 Stolpersteine verlegt worden. Künftig will er sich dafür einsetzen, dass auch Eva Lemberg und Louis Marcus einen Stolperstein erhalten.

Von Marilena Berlan

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