Am äußeren Zaun der Geschichte

Olympia-Attentat von München 1972: Gardelegens Ex-Revierleiter Hillebrandt Zeitzeuge

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Ein Terrorist feuerte auf die im Hubschrauber gefesselten Geiseln. Ein anderer warf eine Handgranate in einen zweiten Helikopter.

Gardelegen / München. Er hatte ein paar freie Tage. Zum ersten Mal seit fast drei Wochen. Rainer Hillebrandt, damals gerade 19 Jahre jung und erst seit knapp zwei Jahren bei der Polizei, hielt sich am ersten September-Wochenende 1972 in seinem Heimatort Hildesheim auf.

Der heute 63-Jährige, der unter anderem von 1999 bis 2003 Leiter des damaligen Polizeireviers in Gardelegen war und heute seinen Ruhestand in Gardelegen genießt, war Teil der niedersächsischen Bereitschaftspolizei bei den Olympischen Sommerspielen in München.

„Wir waren in einer ehemaligen amerikanischen Kaserne in der Stadt untergebracht“, erinnert er sich. Die ersten anderthalb Wochen in München gingen als die „heiteren Spiele“ in die Sportgeschichte ein – bis zum Dienstag, 5. September, frühmorgens. Da kletterten palästinensische Terroristen, als Sportler verkleidet, über den unbewachten Zaun des Olympischen Dorfes und nahmen gezielt israelische Sportler, Trainer und Betreuer als Geiseln.

„Da war niemand. Alles menschenleer“

Dieses schlichte Dankesschreiben erhielt der damalige Polizeioberwachtmeister Rainer Hillebrandt zwei Monate nach seinem Einsatz bei den Olympischen Sommerspielen im München.

Parallel zur Geiselnahme fuhr Hillebrandt damals aus seinem freien Wochenende mit dem Zug zurück nach München, kam frühmorgens in der Unterkunft an – „aber da war niemand. Alles menschenleer“. Die Kollegen waren unmittelbar zuvor zum Olympischen Dorf beordert worden. Hillebrandt suchte in der verlassenen Kaserne einen Vorgesetzen – und der schickte ihn sofort zum Einsatzort nach. Vor Ort waren er und die übrigen Bereitschaftspolizisten für die Absicherung des so genannten äußeren Sicherheitsrings zuständig. „Wir mussten Neugierige abwehren und durften niemanden durchlassen.“ Erst im Laufe dieses sonnigen, aber trotzdem schwarzen 5. September erfuhr er von einem Zugführer grob die Lage: Terrorüberfall, Geiselnahme, „mehr sickerte zu uns nicht durch“. Die Informationspolitik sei schlecht gewesen. Das sei ihm für den weiteren Verlauf seiner beruflichen Karriere eine Lehre gewesen. Denn: „So gänzlich ohne Informationen an der Absperrung zu stehen und den Leuten nichts sagen zu können, weil wir nichts wussten, das war für mich und meine Kollegen sehr unangenehm.“

Hillebrandt sah während seines Einsatzes auch jenes Bild, das um die Welt ging: Ein palästinensischer Terrorist, mit Strumpfmaske vermummt, beugt sich mit Gewehr über die Balkonbrüstung. „Ich stand etwa 200 Meter entfernt“, erinnert er sich. „Im Nachhinein war das für uns sogar gefährlich: Er hätte ja auch in unsere Richtung schießen können.“

Am Abend des 5. September sollten Terroristen und israelische Sportler ausgeflogen werden. „Ich sah, wie der Hubschrauber in die Luft stieg und nach Fürstenfeldbruck flog.“ Auf dem Rollfeld des dortigen Flughafens kam es um Mitternacht zur Katastrophe: Eine dilettantisch organisierte Befreiungsaktion schlug fehl, alle Israelis kamen ums Leben, die Olympischen Spiele wurden für einen Tag unterbrochen und hatten fortan ihre Heiterkeit verloren.

Von all dem bekam Rainer Hillebrandt, spätabends mit seinen Kollegen in die Kaserne zurückbeordert, nichts mit. „In unserer Unterkunft gab es keinen Fernseher, kein Radio – nichts.“ Man sei „komplett von Informationen abgeschnitten“ gewesen. Erst am nächsten Tag „so zur Mittagszeit“ sei die Bereitschaftspolizei über das Ausmaß des Terrorakts in Kenntnis gesetzt worden – da war die restliche Welt längst informiert.

Fortan war es vorbei mit den friedlichen und fröhlichen Spielen. Patroullierten Rainer Hillebrandt und seine Kollegen vor dem Terrorakt eher unauffällig durch das damals vom bunten Völkergemisch vibrierende München, „so wurde das Olympische Dorf direkt nach dem Anschlag überwacht, es gab plötzlich flächendeckende Kontrollen. Die Sicherheitsvorkehrungen wurden deutlich hochgefahren.“

Genau das sollte eigentlich nicht geschehen. 27 Jahre nach dem Ende des „Dritten Reiches“ sollte in München nichts an Uniformen und Polizei erinnern. Und auch nichts an die martialischen Olympischen Sommerspiele der Nazis 1936 in Berlin. Die gastgebende Bundesrepublik Deutschland wollte sich stattdessen heiter und weltoffen geben. Stattdessen patrouillierte Rainer Hillebrandt nun auch am Olympischen Dorf.

Seine letzte Erinnerung an die Olympischen Sommerspiele in München: „Die Schlussfeier, die wir als Polizisten außerhalb des Stadions bewachen mussten.“ Blieb sonst keine Zeit, Wettkämpfe und Sportler hautnah zu erleben, „da stand plötzlich Walerij Borsow vor mir“. Goldmedaillengewinner über 100 und 200 Meter für die UdSSR in der Leichtathletik und einer der großen Stars jener olympischen Tage.

„Es war definitiv ein prägendes Erlebnis“

Was hat Rainer Hillebrandt von damals behalten? „Manchmal kommt schon noch die Erinnerung hoch“, sagt er – heute vor 44 Jahren war der vorletzte Tag der Olympischen Sommerspiele von München. „Es war gleich zu Beginn meiner Polizeitätigkeit definitiv ein prägendes Erlebnis, das mich auch eine zeitlang beschäftigt hat.“

Behalten hat Hillebrandt außerdem eine Urkunde des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel und seines Innenministers Bruno Merk als „Dank und Anerkennung“ für die „Dienstleistung während der Spiele“, wie es im sperrigen Beamtendeutsch heißt. Diese Urkunde habe jeder damals diensthabende Polizist nachträglich erhalten. Zugesandt per Post zwei Monate nach Beendigung der Olympischen Sommerspiele, im November 1972.

Diese Urkunde hat Rainer Hillebrandt bis heute aufbewahrt. Und natürlich die Erinnerung, „ein kleiner Teil der Geschichte“ gewesen zu sein, wie er sagt. Jetzt, mit 63 Jahren und im Ruhestand.

Von Stephan Schmidt

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