Gardelegen: Horst-Dieter Radtke geht nach 38 Jahren als Lehrer in Rente

Leiter der Karl-Marx-Sekundarschule nimmt Abschied

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Der Elefant als Symbol für ein dickes Fell: Dieses Geschenk hatte ihm beim Wechsel nach Gardelegen seine damalige Schulsekretärin an der Sekundarschule in Beetzendorf gemacht. Horst-Dieter Radtke nimmt dieses Utensil mit in den Ruhestand.

Gardelegen. Vor knapp drei Jahren, kurz nach dem Umzug in den Neubau der Karl-Marx-Sekundarschule in Gardelegen, schritt Horst-Dieter Radtke nochmal durch die alten Flure.

Bevor der fast 50 Jahre alte Altbau abgerissen werden sollte, atmete er nochmal den morbiden Charme der „Bruchbude“, wie er selbst sagt, ein, schaute sich in dem nun menschenleeren Gebäude die abblätternden Wände, die undichten Fenster und die vielen Schmierereien an. Und dachte bei sich: „Hier hast du also arbeiten müssen...“

Dann ging er wieder zurück in sein neues Büro mit unverstelltem Blick nach draußen, betrachtete den direkt daneben entstandenen Millionen-Neubau der Karl-Marx-Sekundarschule und wusste: „Es ist endlich geschafft.“

An diese Episode erinnert sich der Schulleiter ganz besonders, wenn er auf sein Berufsleben zurückblickt. Denn Horst-Dieter Radtke ist in wenigen Tagen offiziell Rentner. Am vergangenen Freitag verabschiedete er die rund 300 Schüler ein letztes Mal in die Sommerferien – und verabschiedete sich zugleich selbst von seinen Schülern und den Lehrern. Nach 38 Jahren Schuldienst, davon 30 Jahre als Leiter, ist nun Schluss. „So ganz habe ich das noch nicht verinnerlicht“, gibt der Beetzendorfer zu. Der letzte Schultag, so hat er festgestellt, „ist irgendwie an mir vorbeigelaufen“, er habe quasi neben sich gestanden.

„Gegen meinen Willen“

Dabei wollte Horst-Dieter Radtke nie zur Karl-Marx-Sekundarschule. „Ich bin gegen meinen Willen hierher versetzt worden“, gibt er zu. Im Frühsommer 2004, genau acht Tage vor Ende des Schuljahres, bekam er einen Anruf, dass er nach den Sommerferien an die Karl-Marx-Sekundarschule nach Gardelegen versetzt werde. Bis dahin war Radtke, der in Haldensleben zur Welt kam, Leiter der Beetzendorfer Sekundarschule – und dort glücklich.

Warum er nicht nach Gardelegen wollte, liegt auf der Hand: Die alte Karl-Marx-Sekundarschule war heruntergekommen. Seit der Eröffnung 1965 wurde sie praktisch nie saniert. Sie war zwar baugleich mit dem Objekt in Beetzendorf („Ich habe mich sofort ausgekannt, weil der Grundriss identisch war“). Aber der Zustand war erbärmlich. „Ich hätte nie gedacht, dass es im Deutschland des 21. Jahrhunderts noch so ein schlimmes Schulgebäude gibt.“ Radtke gibt zu: „Ich habe ein Jahr gebraucht, um in Gardelegen anzukommen.“

Kaum war das Jahr vorüber, kam der nächste Schock: Per Kreistagsbeschluss wurden die Reutter-Sekundarschule in Gardelegen und die Sekundarschule in Jävenitz dicht gemacht, die Schüler kamen an die Karl-Marx-Sekundarschule. „Plötzlich hatten wir 200 Schüler mehr, und das in einer solchen Bruchbude“, schaudert es Radtke immer noch. Er führte Eltern aus Jävenitz durch das Gebäude, die nur knapp kommentierten: „Das sieht hier ja aus wie in einer Russenkaserne“ – „Ich hatte da keine Gegenargumente“, gibt Radtke zu.

Folge dieser Erweiterung: Die Karl-Marx-Sekundarschule platzte aus allen Nähten, hatte mehr als 500 Schüler.

Die Wende kam ein Jahr später. In einem Brandbrief listete der Personalrat die unzumutbaren Zustände auf. Radtke bekam einen Anruf eines Gewerkschafters, ob er diesen Brief „verwenden“ könne. Radtke stimmte zu, „denn der Brief entsprach schließlich voll und ganz der Wahrheit.“

Im „Heute-Journal“

Am nächsten Tag stand das Telefon nicht still. Von frühmorgens um sieben Uhr bis abends um 20.30 Uhr („Niemand wunderte sich, dass ich als Schulleiter um diese Uhrzeit noch ans Telefon gegangen bin. Aber ich war in permanenten Dauergesprächen“) riefen überregionale Medien an. Die Karl-Marx-Sekundarschule schaffte es tags darauf („Schon morgens um sieben stand das Kamerateam vor dem Eingang“) sogar ins „Heute-Journal“ des ZDF. „Wir waren auf einmal die Rütli-Schule von Sachsen-Anhalt“, zieht Radtke einen Vergleich mit einem kurz zuvor bekannt gewordenen besonders dramatischen Fall einer Problemschule in Berlin. „Blauäugig“ sei die Sache mit der Veröffentlichung des Brandbriefes zwar gewesen, gibt er zu. Aber: „Ohne dieses Schreiben, da bin ich mir sicher, hätten wir bis heute keine neue Schule.“

„Wir waren blauäugig“

Denn die Folge war: Plötzlich gaben sich Politiker und Minister die Klinke in die Hand. Plötzlich rückte ein Schul-Neubau näher. Ach ja, wurde dem Kollegium beschieden: Ein Konzept müsse nebenbei auch noch erarbeitet werden.

Es kam die zweite Blauäugigkeit: Das Konzept wurde abgeschmettert, der Neubau abgelehnt. „Wir hatten das falsch eingeschätzt“, sagt Radtke heute. Soll heißen: Der unterschwellig entstandene Eindruck, das Konzept sei reine Formsache, stimmte nicht.

Also setzte man sich nochmal hin, diesmal intensiver und mit zusätzlicher personeller Unterstützung. Und siehe da: Der Neubau kam.

Dann mit anzusehen, „wie direkt neben uns der Bau begann, welche Fortschritte es gab“, das habe alle motiviert – Schüler wie Lehrer. Der Umzug im September 2013 war dann auch einer der beruflichen Höhepunkte von Horst-Dieter Radtke. Rückblickend sagt er: „Ich hätte es bei meinem Wechsel nicht für möglich gehalten: Die Zeit an der Karl-Marx-Schule war tatsächlich meine erfolgreichste.“ Immerhin habe er den Neubau mit in die Wege geleitet. Und nach dem Einzug in das neue Gebäude „hatte ich zum Schluss tatsächlich meine schönste Zeit als Schulleiter“.

Und nun? Was macht Radtke, der mit seiner Ehefrau in Beetzendorf wohnt, ab sofort? „Erstmal etwas runterfahren“, sagt er, der in den nächsten Tagen noch seine Nachfolgerin Solveig Lamontain einführt, ihr alles erklärt, „von der Aktenführung bis zur Schlüsselordnung“. Am eigenen Haus sind Sanierungsarbeiten fällig. Seine Frau, die als ehemalige Lehrerin bereits seit drei Jahren im Ruhestand ist, „hat aber darauf bestanden, dass wir erst dann anfangen, wenn ich auch Zuhause bin“, sagt Radtke schmunzelnd. Damit sie nicht alleine die Arbeit hat. Eine Schiffsreise nach Skandinavien „wäre mal eine tolle Sache.“ Die Enkelkinder werden im August eingeschult, „darauf freue ich mich jetzt schon“. Und die Dauerkarte beim Fußball-Bundesligisten VfL Wolfsburg behält das Ehepaar Radtke natürlich auch. Freuen tun sich zudem die Kumpanen der Altherren-Sportgruppe in Beetzendorf, der Radtke seit 1998 angehört, zuletzt aber kaum Zeit für sie hatte. „Sie haben schon darauf gedrängt, dass ich wieder mitmache“.

„Komisches Gefühl“

In wenigen Tagen, wenn Horst-Dieter Radtke tatsächlich seinen letzten Schultag an der Karl-Marx-Sekundarschule in Gardelegen hat, wird er den Schlüssel nicht nur symbolisch, wie erst kürzlich geschehen, sondern tatsächlich an seine Nachfolgerin übergeben. („Das wird nochmal ein ganz komisches Gefühl sein“). Und dann wird er ein letztes Mal durch die leere Schule gehen, durch die diesmal nicht beschmierten Flure – wie damals im September 2013 im Altbau. „Ich wollte eigentlich schon immer Lehrer werden“, sagt er nach 38 Berufsjahren – begonnen hatte alles 1978 an der Politechnischen Oberschule „Nikolai Ostrowski“ in Apenburg. Das abschließende Fazit von Radtke: „Ich bin auf diese Schule insgesamt stolz.“

Von Stefan Schmidt

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