Gedenken an die Opfer der NS-Zeit an hergerichteter Wernitzer Gedenkstätte / Vortrag und Zeitzeugenberichte

„Ich vergesse diese Bilder nicht“

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Der Förderverein Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen hatte am Sonnabend eine Gedenkstunde für die Opfer des NS-Regimes auf dem Friedhof in Wernitz veranstaltet.

Mieste / Wernitz. Torsten Haarseim hatte auf viele Interessierte und vor allem auf Zeitzeugen gehofft – und wurde nicht enttäuscht.

Zeitzeuge Gustav Werning: „Ich vergesse diese Bilder nicht.“

Die Stuhlreihen in der Grundschule Mieste waren am Freitagabend gut besetzt, als Torsten Haarseim dort einen Bildervortrag zu den Geschehnissen in Mieste und Wernitz im April 1945 hielt. Der Abend war eine Umrahmung der Gedenkveranstaltung auf dem Wernitzer Friedhof am Sonnabend.

Die Todesmärsche in Richtung Gardelegen der KZ-Häftlinge, die am 9. April 1945 am Bahnhof in Mieste in 54 Güterwaggons ankamen, gehören zum dunkelsten Kapitel der hiesigen Region. Die tragische Geschichte dieser Kriegsopfer nahm ihren Ausgangspunkt im Außenlager Hannover-Stöcken des Konzentrationslagers (KZ) Neuengamme bei Hamburg sowie in Außenlagern des KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen. Zwei Güterzüge aus den Lagern kamen am Miester Bahnhof an, über 2000 Häftlinge befanden sich in den geöffneten und geschlossenen Waggons. Die Weiterfahrt nach Solpke war unmöglich, da am dortigen Ortsrand ein Munitionszug explodiert war. Noch heute, berichtete Haarseim, verraten rostige Narben von Granatsplittern in den Bäumen in Solpke die Stelle, an der der Zug explodiert war. In den Güterwaggons in Mieste lagen bereits knapp 60 Tote, die den Transport nicht überlebt hatten. Am 11. April wurde eine Bombe auf den Miester Bahnhof abgeworfen, die zwischen die Gleise traf. In Panik versuchten viele Häftlinge zu fliehen – 17 von ihnen wurden deshalb von den Wachen erschossen. Ihre Tante habe damals diese Schüsse, die der Erschütterung des Bombeneinschlags folgten, gehört. Keiner habe gewusst, weshalb geschossen werde, deshalb traute sich die Familie den restlichen Tag nicht mehr aus dem Haus, berichtete eine Zuhörerin. Die US-Truppen waren an diesem 11. April nur noch 13 Kilometer entfernt, weshalb der Transportführer Erhard Brauny den Befehl gab, den Miester Bahnhof zu verlassen. Die 86 Häftlinge, die bereits in Mieste den Tod fanden, wurden auf dem Bahnhofsareal verscharrt. Im Archiv des Fremdenverkehrsvereins Mieste hatte Torsten Haarseim bei seinen Recherchen einen Zeitzeugen-Brief gefunden, in dem beschrieben stand: „Ein furchtbares Bild bot sich nach dem Abzug der Kolonnen...Die Toten waren verscharrt und mit Chlor bestreut...Am 1. Mai wurden dann die Toten vom Bahnhofsgelände nach dem Friedhof umgebettet...“ Leider enthält der Bericht keine Autorenangabe, so Haarseim. Allerdings meinten einige der Zuschauer am Freitagabend, die Schrift von Karl Lauenroth, der auch Chroniken führte, zu erkennen.

Zwischen Mieste und Wernitz wurden weitere 33 Häftlinge ermordet und auf dem Hilgenberg verscharrt. Später wurden sie auf dem Wernitzer Friedhof begraben.

Dieter Beckmann begegnete den Häftlingen in Mieste.

Nach dem Vortrag von Torsten Haarseim schilderten auch einige Zeitzeugen ihre Erinnerungen. Dieter Beckmann erzählte, wie ihm als Kind vier Häftlinge entgegenkamen. Hinter ihnen lief der Förster, mit dem Jagdgewehr auf die Häftlinge gerichtet. Der Zehnjährige und andere Kinder fragten sich, warum der Förster nicht geschossen hatte, „wir wussten ja die Zusammenhänge nicht“. Die Eltern hatten damals, wenn die Kinder nach einem „KZ“ fragten, erzählt, das seien „Konzertlager“: „Wir wussten gar nichts damit anzufangen. Wir dachten, da sei irgendwas mit Musik.“ Der Miester Förster, so Beckmann, ließ die Häftlinge ziehen. Sie gingen vermutlich in Richtung Miesterhorst.

Brunhilde Schulze aus Wernitz erzählte, wie sie als Vierzehnjährige die Häftlinge in den Waggons sah: „...wie ihre Köpfe da oben drüber guckten...“. Nachdem die Toten vom Hilgenberg exhumiert wurden, wurden sie auf Pferdewagen zum Friedhof gefahren, „ich konnte es sehen, sie fuhren an unserem Garten vorbei.“

Gustav Werning, der gegenüber des Miester Sägewerks aufgewachsen war, lief als Kind zum Bahnhof und sah die Züge ebenfalls. „Ich vergesse diese Bilder nicht“, rang Werning mit den Tränen beim Gedanken an die ausgehungerten und verängstigten Gesichter. Eine Bäuerin habe den Häftlingen Kartoffeln geben wollen, was ihr von den Wachen aber untersagt wurde, erinnerte er sich zurück.

Zwölf Jahre alt war Resi Schulz aus Wernitz, als sie nach Mieste zum Bäcker mit dem Fahrrad fuhr. Auf dem Rückweg sah sie die Kolonne der Häftlinge während des Todesmarsches: „Sie waren alle so schmutzig.“ Wohl weil das Mädchen so verwundert und schockiert schaute, rief ihr ein Wachmann zu, dass dies alles Verbrecher seien. Sie konnte aus der Ferne noch beobachten, wie ein Wachmann die Hand an den Kopf eines Häftlings hob, und dieser dann „einfach so umfiel“, erzählte Schulz von den Erschießungen auf dem Weg. Später am Tag fuhr sie mit dem Rad noch einmal nach Mieste. Und überall am Straßenrand lagen die Toten: „Einer war über einen Stein gefallen, die Augen offen“.

Pferdewagen mit Toten fuhren an Brunhilde Schulze vorbei.

Am Sonnabend waren die Zeitzeugen auch bei der Gedenkveranstaltung des Fördervereins Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen auf dem Wernitzer Friedhof. Zum Tag der Erinnerung, Mahnung und Begegnung, früher einmal der Tag der Opfer des Faschismus, wurden an der wieder hergerichteten und mit einer neuen Informationstafel versehenen dortigen Gedenkstätte Kränze niedergelegt. Konrad Fuchs, Vorsitzender des Fördervereins, bedankte sich bei allen Beteiligten dafür, dass die Wernitzer Gedenkstätte wieder „ein würdiger Anblick“ ist, so Fuchs.

Die Gedenkrede hielt diesmal Dr. Axel Holz, Bundesvorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten. Dabei ging er auf die schwierige und langwierige Aufarbeitung der NS-Zeit ein. So seien nur wenige Täter rechtsstaatlich verurteilt worden und tausende Täter verschont geblieben. Die Auseinandersetzung mit der Schuld und Mitschuld vieler Deutscher sei jahrzehntelang tabuisiert worden. Dies sei heute nicht mehr so. Man müsse immer wieder gedenken und auch mahnen. Denn nur so könne man aufzeigen, wie schnell sich Faschismus in großen Teilen der Bevölkerung ausbreiten kann. Dabei ging Axel Holz auch auf die gegenwärtige Situation in Deutschland ein: „Heute brennen nicht Synagogen, heute brennen Flüchtlingsheime.“ Laut Studien, so Holz, würden 40 Prozent der Bevölkerung der neuen Bundesländer und 30 Prozent der alten der Behauptung zustimmen, dass Ausländer nur deshalb nach Deutschland kämen, um den Sozialstaat auszunutzen. „Deutschland verändert sich gerade. Diese Veränderung sollte uns wachrütteln“, so Axel Holz.

Würdig umrahmten die Gedenkstunde der Musikzug der Feuerwehr Mieste sowie der Miester Chor „Musica“ der Lebenshilfe.

Von Hanna Koerdt

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