Amro Alzouabi, 16-jähriger Flüchtling aus Syrien, nimmt am Workcamp der Kriegsgräberfürsorge teil

„Ich träume schon in Deutsch“

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Amro Alzouabi ist einer von 22 Jugendlichen, die derzeit an einer Rundreise zu geschichtsträchtigen Orten – wie hier die Gedenkstätte Isenschnibbe – teilnehmen. Organisiert wird ihr Aufenthalt vom Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Gardelegen. Er lebt erst seit knapp einem Jahr in Deutschland. Doch sein Deutsch ist nahezu perfekt. Fast ohne Akzent erzählt Amro Alzouabi über das, was er in seinem jungen Leben schon erlebt hat.

Der 16-Jährige ist Syrer und Teil jener 22-köpfigen Jugendgruppe, die sich derzeit auf Einladung des Landesverbandes des Volksbundes deutsche Kriegsgräberfürsorge in Sachsen-Anhalt aufhält und gestern sowie am heutigen Dienstag auf der Gedenkstätte Isenschnibbe in Gardelegen symbolische Pflegearbeiten verrichtet.

Der 16-Jährige ist das, was man politisch korrekt einen „unbegleiteten minderjährigen Flüchtling“ nennt. Seine Eltern leben weiterhin in der syrischen Hauptstadt Damaskus. Amro hat darüber hinaus noch vier Geschwister. Ein Bruder von ihm hat es ebenfalls bis nach Deutschland geschafft. Beide leben in Halle an der Saale. Amro ist längst in einer Gastfamilie untergebracht. In der Schule sei er „akzeptiert“, betont er. Und mit dem Unterrichtsstoff komme er auch weitgehend klar. „Ich träume auch schon in Deutsch“, erzählt Amro und lacht. Kontakt zu seinen Eltern hat er über die sozialen Medien „täglich“, erzählt er. „Es geht ihnen soweit ganz gut.“ Einen Berufswunsch hat der 16-Jährige auch schon. „Aber sicher“, antwortet er auf die entsprechende Frage. „Ich will später mal Pilot werden.“

Und wie kommt ein Jugendlicher aus Syrien, der erst vor knapp einem Jahr nach Deutschland in einen völlig anderen Kulturkreis geflüchtet ist, auf die Idee, an einem Workcamp des Volksbundes für junge Europäer teilzunehmen und unter anderem die Gedenkstätte Isenschnibbe zu besuchen? „Durch meine Schwester“, sagt er – und meint die Tochter seiner Gastfamilie, die längst zu seiner „Schwester“ geworden ist. Die habe auf Facebook von der Aktion erfahren, Amro darüber informiert – und der hat sich sofort angemeldet.

Und so wird der junge Syrer heute, wie die übrigen 21 Jugendlichen aus Polen, der Ukraine, Weißrussland, Deutschland, Italien und der Türkei, symbolisch die Gräber jener 1016 KZ-Häftlinge, die am 13. April 1945 von den Nazis bestialisch in der Feldscheune umgebracht worden waren, pflegen. „Es ist wichtig, dass junge Menschen heute erfahren, was Krieg und Gewalt eigentlich bedeutet“, begründete während der Begrüßung Dr. Hans-Joachim Becker, der Kreisvorsitzende des Volksbundes deutsche Kriegsgräberfürsorge, die Rundreise der Mädchen und Jungen. Diese Aussage gilt für Amro Alzouabi nur bedingt: Er selbst hat sehr wohl erlebt, was Krieg und Gewalt bedeutet. Auch in der heutigen Zeit, in der in Europa Frieden herrscht.

Mit dabei beim Rundgang über die Gedenkstätte waren am gestrigen Vormittag auch Dieter Steinecke, der Volksbund-Landesvorsitzende, und Gardelegens Bürgermeisterin Mandy Zepig. Gedenkstättenleiter Andreas Froese-Karow erläuterte die grausamen Geschehnisse von vor 71 Jahren, zumeist tat er dies in englischer Sprache.

Auch Amro Alzouabi hörte den Ausführungen aufmerksam zu. Und zwar in einem blauen T-Shirt mit der Aufschrift „Work for peace“ – Arbeiten für den Frieden.

Von Stefan Schmidt

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