Gardelegens Rapper Mezia im AZ-Interview über seine Musik, seine bewegte Jugend und neue Projekte

„Ich lebe und atme den Hip-Hop“

+
Aktuell arbeitet Mezia (alias Mathias Philipp) an einem neuen Remix und an einem neuen Tonträger mit sechs bis sieben Liedern. Sein neuestes Musikvideo ist fertig.

Gardelegen. Alles begann zu DDR-Zeiten vor 27 Jahren, als sich ein 15-jähriger Gardelegener gemeinsam mit seinen Freunden zu DDR-Zeiten, im Kino den Film „Beat Street“ anschaute.

Inspiriert durch den Film wurde Hip-Hop zu seiner größten Leidenschaft und später sein größter Seelentröster. Heute ist Mathias Philipp – auch bekannt als Mezia – Gardelegens bekanntester Rapper. Seine Texte: authentisch und realistisch, wie er sagt. Er ist ein Wortkünstler, auch wenn er sich als solcher nicht sieht.

Die Gardelegener Brothers: Roy Niestroy (außen links), Mezia (alias Mathias Philipp, Mitte) und DJ Quinze (alias René Kinzel).

Immer an seiner Seite sein bester Freund DJ Quinze (alias René Kinzel). Im Interview mit der AZ spricht er über die Liebe zum Hip-Hop, seine bewegte Jugend und seine aktuellen Musikprojekte.

AZ-Interview

Altmark Zeitung: Seit wann rappst Du? 

Mathias Philipp: Die ersten Texte habe ich 1992/93 geschrieben.

AZ: Wie hat das mit dem Rap angefangen?  

Philipp: Mit der Hip-Hop-Geschichte begann ich – verdammte Axt, dass ist ja fast 30 Jahre her – 1988/89. Wir waren damals im Kino und haben den Film „Beat Street“ geschaut. Beat Street war die Geschichte von drei jungen Männern aus New York, in Harlem aus der Bronx. Der eine war DJ, der andere Graffiti-Künstler und der Dritte war Breakdancer. Harry Belafonte führte damals die Filmregie und hatte mit der DDR ein gutes Verhältnis und deshalb haben die „Oberen“ es damals zugelassen, dass der Film auch hier lief. Es war ein rein kultureller Film. Mit Politik hatte das nicht viel zu tun. Ja, Beat Street hatte uns damals gecatcht. Ich meine, du sitzt als 15-Jähriger im Kino und auf einmal öffnet sich der Vorhang und der Beat ging los…Wir waren geflasht! Bis dahin war ich ein klassischer Depeche Mode-Fan, hatte ein paar Poster an der Wand hängen und nach dem Kinobesuch flogen die Poster runter. Ich lief in die Garage zu meinem Stiefvater, habe mir Autolackspray besorgt und dann in meinem Kinderzimmer mit zittriger Hand an die Wand „Beat Street“ gesprayt. Wir sind damals zu jeder Kinovorstellung gegangen. Puh, ich kriege gerade richtig Gänsehaut, wenn ich jetzt davon erzähle…(streicht sich mit der rechten Hand über den linken Arm). Lange Rede, kurzer Sinn: Beat Street war der Anfang.

AZ: Der Hip-Hop besteht aus verschiedenen Elementen. Welche ist deine Richtung? 

Philipp: Ich bin in der Hip-Hop-Kultur aktiv, die aus den Elementen Graffiti, DJ-ing, dem Rap-Teil (also das MC-ing), und dem Breakdance besteht. Und das ist auch das Coole daran. Denn in welcher Szene hast du diese Vielfältigkeit, in der du dich ausleben kannst. Nach dem Film habe ich dann angefangen zu breakdancen. Habe mich aber in allen vier Elementen ausprobiert und bin dann beim Rap hängen geblieben.

AZ: Hast Du alleine getanzt oder warst du damals in einer Gruppe? 

Philipp: Alles begann gemeinsam mit meinem besten Freund, den ich auch Bruder nenne, DJ Quinze (alias René Kinzel). Wir kennen uns seit der dritten Klasse. Mit ihm gemeinsam habe ich alles durchgemacht: das erste Bier, die erste Zigarette, die erste Freundin, das erste Mal Breakdance. Wir haben zusammen Beat Street geschaut und wir haben zusammen den Breakdance versucht und das mit ganz gutem Erfolg. Wir haben uns auch bei Minustemperaturen im Winter getroffen, haben Pappcartons ausgebreitet, den Ghettoblaster angemacht und auf der Straße in Gardelegen gebreakdanced, so wie es die Jungs auch in Beat Street gemacht haben. Sie hatten auch keine Möglichkeiten, also haben sie sich Möglichkeiten geschaffen. Eben aus wenig viel machen. Vier bis fünf Jahre habe ich mit Kumpels Breakdance getanzt. Diese Zeit war der Hammer, weil man sich sportlich betätigen und kreativ entfalten konnte.

Mit 15 habe ich dann mein Elternhaus verlassen und bin im Jugendwerkhof gewesen, weil ich zu DDR-Zeiten ein kleiner Rebell war. Ich bin auch von der Schule geflogen, nicht weil ich zu blöd war, sondern weil ich eben ein Rebell war und auch heute noch das sage, was ich denke. Im Jugendwerkhof habe ich dann von Oli aus Frankfurt an der Oder weiter Breakdance gelernt. Wir haben dort auch die AG „Breakdance“ ins Leben gerufen. Und dann kam die Wende und ich bin schon nach neun Monaten dort rausgekommen, obwohl ich eigentlich bis zu meinem 18. hätte dort sitzen müssen. Das einzige, was dort positiv war, war, das ich weiter Breakdance lernen konnte. Alles andere war nicht so positiv. Dann kam die Wende, alles war im Umbruch. Dann war ich bei meinen Kumpels, habe weiter gebreakdanced. Die Technik im Volkshaus und in den Discos wurde moderner und dann haben wir anstatt einer Kassette eine CD abgegeben.

AZ: Wo war zu dieser Zeit deine Familie?

Philipp: Ich wohnte nach dem Jugendwerkhof bei einem Kumpel in einem Dachzimmer. Ich habe mein Leben alleine geführt, aber ich war nicht ganz so verloren. Ich hatte meine Mutter, meine kleine Schwester und meine Freunde. Sie halfen mir, so gut sie konnten.

AZ: Wie kommst du auf den Inhalt deiner Texte? 

Philipp: Als Teenager war ich zu stolz, mir Sozialhilfe auszahlen zu lassen. Aber du musst irgendwie an Essen rankommen. Also fingen wir an Essen zu klauen. Nicht aus Langeweile oder Hobby, sondern weil wir Hunger hatten. Ich war damals ein arbeitsloser, mittelloser Jugendlicher im Umbruch der Wende. Ich bin damals mit dem Gesetz, der Polizei und dem Gericht in Konflikte geraten, weil ich zu früh auf mich alleine gestellt war. Und ich betone: Es war kein Hobby, ich hatte Hunger. Und aus dem Hunger heraus bewegten wir uns wie Kleinkriminelle. Diese Geschichten schrieb ich dann auf. Und da war der Rap geboren. Ich habe als Jugendlicher viel erlebt und gesehen, auf einiges hätte ich gern verzichtet, wie zum Beispiel auf die U-Haft und einer zweijährigen Jugendhaftstrafe, weil ich zu viel Scheiße gebaut habe. Ironischerweise tippte ich dann meine Texte auf einer Bullenschreibmaschine. Später habe ich dank meiner Freunde, der Musik, den Sport, meiner Mutter und meiner Schwester den geraden Weg ins Leben wieder gefunden.

AZ: Das Spielen mit Worten, der Umgang mit Sprache liegt dir. War das schon zu Schulzeiten so?

Philipp: Ja. Als ich noch zur Schule ging, hatte ich nie Probleme, Gedichte zu lernen oder mit Literatur umzugehen. Ich kann mir Texte sehr gut merken. Mit Literatur, Musik und Sport kann man mich immer begeistern.

AZ: Woher kommt der Name Mezia? Und was bedeutet er? 

Philipp: Mein zweiter bester Freund, Roy Niestroy, gab mir den Namen Mezia, der Erleuchtete, der eine Message weiter gibt. Und da dachte ich mir. Das passt. Manche Leute nennen mich auch Zia, aber mein Künstlername ist Mezia.

AZ: Was ist die Botschaft deiner Texte?

Philipp: Ich will nichts Beschönigen – dass es cool ist, im Knast zu sitzen, dass es cool ist, sein Essen klauen zu müssen. Ich will eher die Augen aufmachen. Ich will, dass sich die Menschen in meinen Texten wiederfinden. Authentizität und Realität sind mir wichtig. Ich habe viele Geschichten, die wahr sind: verlorene Liebe, der schwere Unfall meines Schwagers, einer meiner besten Freunde wäre durch Drogen und Alkohol fast gestorben. Das sind für mich ernsthafte Themen, die ich in meinen Texten verpacke. Und das ist wiederum für mich Medizin, wenn ich das alles zu Papier gebracht und performed habe. Dann ist es auch ein Stück weit raus aus meinem Kopf.

AZ: Manche Texte – nicht von Dir, aber von anderen Rappern – sind ziemlich frauenfeindlich. Wieso eigentlich? 

Philipp: Weil einem nichts anderes einfällt. Also, ich bin bei meiner Mutter groß geworden und habe eine kleine Schwester. Ich habe vor beiden einen Heidenrespekt. Ich krieg bei solchen Texten so einen Hals, nee… (regt sich auf). Das ist ein absolutes No-Go! Und durch so Idioten, die „fick die Bitch“ rappen, ziehen sie unsere Hip-Hop-Kultur, die ich so liebe, in den Dreck. Und das wird wieder missverstanden. Und so lange es solche Hampelmänner gibt, haben wir die Aufgabe, den Leuten die Augen zu öffnen, dass es nicht immer so ist.

AZ: Hast du aktuelle Projekte, an denen Du arbeitest? 

Philipp: Ja, das neue Musikvideo ist jetzt im Kasten und kommt demnächst raus.

AZ: Wie heißt das Video? 

Philipp: Will ich noch nicht verraten. (lacht.)

AZ: Gibt es noch weitere Projekte, an denen Du gerade dran bist? 

Philipp: Parallel arbeiten wir an einem Remix, mein Lieblingslied. Ist ein bisschen meine Geschichte. Wir wollen in einem leer stehenden Knast in Magdeburg das Musikvideo drehen und warteten sehr lange auf die Drehgenehmigung. Jetzt ist sie endlich da. Dann arbeiten wir gerade an einem neuen Tonträger mit sechs bis sieben Liedern drauf. Ich habe eine Menge Lieder geschrieben, die ich noch nicht verarbeitet habe. Und ich habe noch so viele Ideen. Mein Schädel ist voll…

AZ: Wenn Mezia seinen Bühnenauftritt hinter sich hat und aus ihm wieder Mathias Philipp wird, was macht er? Wie sieht sein Alltag aus?

Philipp: Ich habe vor wenigen Monaten meinen Securityschein in Magdeburg gemacht. Und dann schaue ich, dass ich in irgendeiner Sicherheitsfirma unterkomme, aber ich stresse mich nicht. Vielleicht klingt das komisch, aber ich bin 24 Stunden lang Mezia. Ich gehe zum Sport, gehe trainieren und habe Musik im Ohr und rappe sogar über die Lyrics anderer. Ich bin so, wie ich bin. Ich lebe den Hip-Hop, ich atme den Hip-Hop. Nein, ich bin Tag und Nacht Mezia. Das ist keine Kunstfigur. Ein Video, eine Kassette, eine CD – das sind meine Fußspuren, die ich hinterlasse als Künstler, wenn ich nicht mehr da bin. Ich bin Zia, ich bin Matze, ich bin Rapper, ich bin Gardelegener Junge. Das ist mein Leben.

Kommentare