Freispruch für Soldaten: Mangelhaftes Material war zumindest mitursächlich für Tod eines Kommandanten

„...da kam dann nichts mehr“

+
Während einer Panzerübung wurde am 22. Mai 2013 auf dem Truppenübungsplatz Altmark ein Kommandant von einem „Marder“ überrollt. Truppführer und Panzerfahrer wurden gestern vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen.

Gardelegen / Letzlingen. Soldaten sterben. Auch in der Bundeswehr. Zumeist im Ausland, bei Kampfeinsätzen beispielsweise in Afghanistan und im Kosovo. Doch auch in Deutschland gibt es Todesfälle. Wie am 25. Mai 2013, also vor fast zwei Jahren.

Da überfuhr ein Marder-Panzer eines Panzergrenadierbataillons aus Bayern, das sich zu diesem Zeitpunkt auf dem Truppenübungsplatz Altmark in der Colbitz-Letzlinger Heide auf einen bevorstehenden Afghanistan-Einsatz vorbereitete, den eigenen Kommandanten. Und zwar den Oberfeldwebel Jürgen D. . Er war sofort tot.

Das Amtsgericht in Gardelegen musste am Dienstag darüber befinden, ob sich zwei Soldaten – der Truppführer, der sich auf dem Panzer befand, und der Panzerfahrer selbst – der fahrlässigen Tötung schuldig gemacht haben. Beide hatten gegen einen zuvor ausgestellten Strafbefehl Widerspruch eingelegt. Deshalb kam es gestern zu einer insgesamt fünfstündigen Verhandlung.

Es ist ein Sonnabend, als sich die Tragödie ereignet. In Höhe der Funkstation 6 auf dem Truppenübungsplatz in der Colbitz-Letzlinger Heide gibt es eine so genannte „Führerbesprechung“. Kommandant Jürgen D. kehrt danach zu seinem Panzer zurück. Etwa 120 Meter davon entfernt, gibt er dem Truppführer, der aus seiner Panzerluken schaut, ein Handzeichen: Der Panzer soll ihm entgegenfahren. Der Truppführer gibt per Funk das Kommando an den damals 20-jährigen Panzerfahrer Ludwig B.. Der stellt den Motor an, lässt den Panzer rückwärts rollen. Dann gibt es noch per Funkkontakt die üblichen Korrekturen: „Mehr rechts, mehr links.“ Denn der Panzerfahrer hat nur nach vorne kleine Luken, sieht nach hinten gar nichts, muss sich also auf die Kommandos seines Truppführers buchstäblich „blind“ verlassen können.

Rauschen und Knacken

Doch plötzlich herrscht Funkstille. „Da kam dann nichts mehr“, beteuert der Panzerfahrer vor Gericht. Und das, obwohl der Truppführer laut übereinstimmender Auskunft der gestern als Zeugen vernommenen Besatzungsmitglieder den Befehl zum Anhalten gibt. Der aber offenbar unten, beim Panzerfahrer, nicht ankommt. Weil es öfter mal „Rauschen und Knacken“ im Funkverkehr gab, wie alle Besatzungsmitglieder bestätigen. Wohl auch gerade in diesem verhängnisvollen Augenblick.

„Eine Verkettung unglücklicher Umstände“ nennt Richter Axel Bormann die folgenden Sekunden. Denn der Kommandant, der den Panzer zu sich beordert hatte, um aufzusitzen, dreht sich offenbar in diesem Augenblick um und bückt sich. Legt sein Schreibbrett auf den Boden und will vermutlich sein Gepäck schultern. Steht also mit dem Rücken zum stählernen Koloss und sieht das Unglück nicht auf sich zurollen.

Der Truppführer wiederholt seinen Stopp-Befehl. Mehrmals und immer lauter. Doch der Funkverkehr ist offenbar weiterhin gestört. Der Panzer setzt seine Rückwärtsfahrt ungehindert fort, in Richtung des Kommandanten. Stefan B., der Truppführer, brüllt nun. So laut, dass ihn die übrigen aus der Luke schauenden Besatzungsmitglieder auch ohne Funk hören können. Nur der Panzerfahrer nicht. Der sitzt „unten in seinem Kabuff“, wie es Richter Bormann bei seinem Freispruch umschreibt. Und hat direkt neben sich den laufenden Panzermotor, der alle anderen von außen eindringenden Geräusche übertönt.

Und so passiert das Unfassbare: Der Panzer überrollt den Kommandanten, der auf der Stelle tot ist. Er habe die nach dem Unfall gemachten Fotos des Überfahrenen „ganz schnell beiseite gelegt“, so der Richter gestern. Zu grässlich war der Anblick.

„Noch nie so blass“

Unmittelbar nach dem Unglück klettert der Truppführer auf dem Panzer nach vorne und „klopft an meine Luke“, berichtet der mitangeklagte Panzerfahrer. Der öffnet, nachdem er den „Marder“ zum Stillstand gebracht hat, die Luke und schaut seinem Vorgesetzten direkt ins Gesicht. „Ich habe ihn noch nie so blass gesehen wie in diesem Moment“, erinnert sich der Fahrer.

Wenige Minuten später – das Unglück ereignete sich um 11.45 Uhr – beginnt die Ursachenforschung. Das Areal rings um den „Marder“ wird abgesperrt, die Gerätschaften sichergestellt. Bei den ersten Vernehmungen noch vor Ort kommt das Funkproblem zur Sprache.

Nun kommt Oberstleutnant Olaf B. ins Spiel. Er ist Sachverständiger der Bundeswehr und untersucht Panzer samt Geräte, inclusive der Funkgeräte. Auf seine gestern im Gericht getätigten Aussagen stützt sich vor allem der später getätigte Freispruch.

Der Sachverständige und weitere Fachleute untersuchen in den Tagen nach dem Unglück die sichergestellten Geräte, spielen den Funkverkehr nach. Und stellen fest: Bei der Bruchkupplung von „Kabel 3“ – das ist das vom Truppführer genutzte Gerät – stimmt etwas nicht. Die Kupplung ist lose. „Es ist ein Wackelkontakt drin“, stellt B. in seinem Gutachten fest. Ein Komplettausfall der Funkverbindung sei „durchaus möglich“. Und, ganz wichtig: Möglicherweise ist dieser verhängnisvolle Komplettausfall nicht vorhersehbar gewesen. „Es kann sein, dass fünf sechs Tage vorher“ – die Soldaten aus Bayern beendeten gerade ihr erste Einsatzwoche im Gefechtsübungszentrum (GÜZ) – „keine Störungen auftraten.“ Gerade darauf beruft sich auch Stefan B, der verantwortliche Truppführer. Die vom Sachverständigen festgestellte „massive Abnutzung der Brechkupplung“ habe vom Truppführer aber nicht wirklich erkannt werden können. Auch wenn „der Schaden nicht von heute auf morgen eingetreten sein konnte“. Fest steht laut Gutachter aber: Durch diesen Defekt sei eine Kommunikation „miserabel“ gewesen, die Verständigung untereinander sei „stark eingeschränkt“ gewesen.

Richter Bormann betonte bei seinem Freispruch, dass das Leben des getöteten Soldaten unabhängig vom Urteilsspruch „nicht zurückgeholt werden kann“. Und für Staatsanwalt Thomas Kramer war die Tragödie „eine Sache von Sekunden“. Ursache sei wohl vor allem „die allgemeine Ausstattung der Bundeswehr“.

Der freigesprochene Panzerfahrer Ludwig B. saß gestern in Bundeswehruniform vor dem Amtsgericht in Gardelegen, Truppführer Stefan B. in Zivil. Er ist ebenfalls Soldat, schult aber gerade um. Zum Bestatter.

Von Stefan Schmidt

Kommentare