AZ-Redakteur macht Bekanntschaft mit einem Brauch vorm Kinderkriegen

Wenn durch einen Brief der Puls schneller schlägt

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Als AZ-Redakteur Harry Güssefeld einen Brief bekam, in dem sich Kindersöckchen und ein Schnuller befanden, begann das große Nachdenken. Erklärende Zeilen fehlten im Umschlag. Doch alles sollte sich zum Guten wenden.

Arendsee. Nach der Arbeit zu Hause angekommen, schnell noch einen Blick in den Postkasten. Eigentlich warte ich auf den Lohnsteuerbescheid, aber der liegt nicht drin.

Neben Hinweisen auf Urlaubsreisen und Werbung für einen Discounter fällt mir schnell dieser braune A5-Umschlag auf. Ein dicker Brief, der Absender, eine Maria, lässt mich kurz nachdenken. Nein, ich kenne keine Maria.

Den Brief mache ich auf, und staune nicht schlecht. Ein Paar Babysöckchen kommt zum Vorschein und ein Schnuller. Der Tag war irgendwie stressig, ich kann der Sache kaum folgen. Ich schaue noch einmal in den Brief, in der Hoffnung, ein paar Zeilen zu finden. Nein, Fehlanzeige. Nur die Socken und der Schnuller. Nun muss ich ehrlich sagen, so ganz genau kann ich gar nicht schildern, was mir da durch den Kopf ging. Auch wenn beim kurzen Nachdenken ausgeschlossen werden kann, dass eine Maria mal für eine Weile bei mir war – nein, auf keinen Fall. Vielleicht eine Verwechslung? Hat sich da jemand anderes beim Stelldichein als Harry ausgegeben und die Adresse gleich mit dazu angegeben?

Was bedeuten eigentlich diese Söckchen und der Schnuller? Ein Baby braucht sowas, also will mir jemand sagen, dass er ein Kind erwartet. Bei dem Gedanken treibt es mir wieder die Schweißperlen auf die Stirn, obwohl ich immer noch mit hundertprozentiger Sicherheit sagen kann, dass ich nichts gemacht habe, und schon gar nicht mit einer Maria, was zu einem Kind führen könnte. Aber nicht vergessen sind die langen Jahre, die ich einst Unterhalt zahlte. Ich beginne fürchterlich zu frieren.

Ich traue mich nicht, es meiner Freundin zu sagen, dass ich so einen Brief bekommen habe. Ich könnte ihre Fragen nicht beantworten und habe an dem Tag auch keine Lust mehr dazu. Der Brief liegt unterdessen im Flur. Natürlich werfe ich ihn nicht weg.

Am nächsten Tag dann der Geistesblitz. Bei der Kontrolle der Adresse fällt mir auf, dass diese Maria den gleichen Nachnamen wie meine Freundin trägt. Die Lösung: Bei Maria handelt es sich um die Tochter meiner Freundin. Und ich werde so was wie Opa. Opa Harry, na gut, das ist ok.

Ich recherchiere im Internet. Beim Verschicken von Söckchen und Schnullern in einem Brief ohne Zeilen an Verwandte und Freunde nadelt es sich um einen Brauch, der unter anderem auch in Mecklenburg-Vorpommern praktiziert wird. Dort lebt diese nette Maria – und ich rufe sie an. Und sage, dass ich mich freue, Opa zu werden. Von der Angst zuvor sage ich nichts.

Von Harry Güssefeld

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