Das heutige „Haus des Gastes und der Begegnung“ nahm einst als Bildungsstätte eine Vorreiterrolle ein

Kleine Schule wird 125 Jahre alt

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Die einstige Landwirtschaftsschule an der heutigen Töbelmannstraße 1 wurde 1891 eingeweiht.

swz Arendsee. Es gibt wohl kaum ein Gebäude in Arendsee, mit dem die Einwohner so viele Erinnerungen verknüpfen, wie mit dem Haus an der Töbelmannstraße 1. Es ist besser bekannt als Kleine Schule, Töbelmannschule und heute „Haus des Gastes und der Begegnung“.

Doch wie kam es zum Bau dieses imposanten und stadtbildprägenden Gebäudes? Die Landwirtschaft machte Mitte des 19. Jahrhunderts erhebliche Fortschritte. Es wurde nötig, den angehenden Bauern dieses neue Wissen zu vermitteln. Die ersten beiden Schulen dieser Art entstanden am 1. November 1869 in St. Wedel am Rhein und in Merseburg. In der preußischen Provinz Sachsen folgten 1871 Wittenberg, 1873 Erfurt und 1875 Arendsee.

Für 38 000 Mark

Die ersten Jahrgänge der Schule wurden im damaligen Kurhaus (heute Wellnesshotel „Haus am See“) unterrichtet. Doch schon bald zeigte sich, dass dieses Gebäude den immer höheren Lehransprüchen und Schülerzahlen nicht mehr gewachsen war. Am 24. März 1890 wurde der Grundstein gelegt. Nach 18 Monaten Bauzeit wurde die Schule zum Wintersemester 1891 feierlich eingeweiht. Die Baukosten beliefen sich auf 38 000 Mark. Architekt des Gebäudes war Adolf Heim aus Hamburg.

An der Schule unterrichteten um die Jahrhundertwende drei Fachlehrer, ein Elementarlehrer sowie mehrere Hilfspädagogen für die jeweiligen Spezialfächer. Sie entwickelte sich schnell zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor in der Seestadt. Denn die Schüler mussten untergebracht und verpflegt werden.

Da in der Landwirtschaft ein Großteil der anfallenden Arbeiten von Frauen verrichtet wurde, erhielten auch sie eine Ausbildung. Hierbei kommt der Schule in Arendsee eine Vorreiterrolle für die gesamte Altmark zu. Nach Wernigerode und Langensalza gab es ab dem 26. Oktober 1926 die erste Mädchenklasse der Landwirtschaftsschule.

Die Bildungsstätte wurde im Winter 1939 / 40 nach Kriegsausbruch komplett geschlossen. Die Lehrgänge der Mädchenschule fanden vorwiegend in den Gebäuden an der Amtsfreiheit statt. In den Jahren bis zum Kriegsende 1945 besuchten 2 853 Schüler sowie 393 Schülerinnen die Arendseer Schule.

Grundschüler zogen ein

Eine Schulklasse mit Lehrerin Herta Jahncke. Das Bild entstand 1959.

Die Schulreform von 1946 veränderte das Schulwesen in Arendsee von Grund auf. Die zweigeteilte Klassenschule verschwand zu Gunsten der Einheitsschule, der Beginn wurde von Ostern auf den September verlegt. Die Kinder der Unterstufe waren nun komplett in der einstigen Landwirtschaftsschule an der Töbelmannstraße untergebracht. Die räumliche Situation in dem Gebäude war sehr begrenzt. Es gab lediglich vier Klassenräume im Erdgeschoss sowie zwei weitere im Obergeschoss. Das Direktorenzimmer musste gleichzeitig auch als Büro und Lehrerzimmer dienen, denn auf derselben Etage befand sich noch eine Wohnung. Anfang der 60er- Jahre wurde diese für den Schulbetrieb umgebaut. Trotzdem mussten sich die ersten Klassen anfangs einen Raum teilen. Daher wurde für sie Schichtbetrieb eingeführt. Eine Klasse erhielt von 8 bis 11 Uhr, die andere von 11 bis 14 Uhr Unterricht. Es gab anfangs kaum Lehrmaterial, es fehlte an Schulbüchern, Bleistiften, Schiefertafeln, Federhaltern und Heften. Schüler schrieben auf Altpapier und sogar auf Zeitungsrändern. Die räumliche Situation konnte nicht befriedigen und so wurde der Stall, der sich auf dem Schulhof befand, ausgebaut (heute Begegnungsstätte der Volkssolidarität). Es entstanden ein Klassenraum, eine kleine Küche und neue Toiletten. Der so gewonnene Klassenraum mit der angrenzenden Küche wurde gleichzeitig als Speiseraum genutzt.

Nach der Wiedervereinigung wurden im Juli 1991 die damaligen zehn Klassen der Polytechnischen Oberschule aufgelöst. Es entstanden zwei eigenständige Schulen mit jeweils eigenem Schulträger. Die Grundschule für die Kinder der Klassen 1 bis 4 und die Sekundarschule für die Schüler der Klassen 5 bis 10.

1997 war Schluss

Das Gebäude 1990 noch mit Zeitungskiosk.

Es folgten die moderne Ausgestaltung der Klassenräume und Lehrmittel sowie ein Anbau an der 1938 errichteten Bildungsstätte an der Schulstraße (Fontane-Schule), der am 9. September 1997 abgeschlossen wurde. Dadurch verbesserten sich die Lehr- und Lernbedingungen in Arendsee erheblich. Mit dem Auszug der Sekundarschüler aus der Kleinen Schule 1997 hatte das Gebäude an der Töbelmannstraße nach 106 Jahren als Arendseer Bildungseinrichtung ausgedient. Das Haus wurde bis 1999 zum „Haus des Gastes und der Begegnung“ umgebaut. Für 1,5 Millionen DM konnte es saniert und behindertengerecht ausgebaut werden. Zum 1. November nahmen unter anderem die Stadtinformation und die Bibliothek ihre Arbeit auf. Im Hofgebäude befindet sich die Volkssolidarität.

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