Arendseer soll ein Jahr in Haft / Mysteriöses Video und Einfluss der Reichsbürger

Flucht ohne Fleppe: Polizei jagt 27-Jährigen

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Die Polizei jagte einen 27-Jährigen in seinem Polo rund 25 Kilometer durch die Einheitsgemeinde Arendsee.

Salzwedel / Arendsee. „Er ist mit uns kreuz und quer durch Arendsee gefahren“, gab ein 31-jähriger Polizeibeamter gestern vor dem Salzwedeler Amtsgericht zu Protokoll.

Der Angeklagte soll am 16. März schlussendlich vor drei Polizeistreifen durch die Region Arendsee geflohen sein. „Es ist eine unendliche Geschichte des Fahrens ohne Fahrerlaubnis“, so die Staatsanwältin gestern. Ins Gericht kam der 27-jährige Beschuldigte wegen vorheriger Vergehen aus dem Gefängnis.

Im Gerichtssaal hatten viele Zuschauer, darunter auch zahlreiche Bekannte des Angeklagten, Platz genommen. Vollzugsbeamte führten den 27-Jährigen vor den Richter. Ihm wird vorgeworfen, dass er wiederholt ohne eine gültige Fahrerlaubnis Auto gefahren sei. Auch als schon ein Verfahren gegen ihn lief, hatten Polizisten ihn in seinem Polo erkannt, als er durch Binde fuhr. „Der Arendseer hatte nicht auf Stoppsignale reagiert“, berichtet ein zweiter Polizist. „Ja ich bin gefahren“, gab der Angeklagte unumwunden zu.

In Boock, nach rund 25 Kilometern Fahrt, hatten es mittlerweile drei Streifenwagen geschafft, den Angeklagten einzukesseln. „Er ist Schlangenlinien gefahren, damit wir ihn nicht überholen konnten“, beantwortete der Beamte eine Frage von Salzwedels Richter Klaus Hüttermann.

„Ich wurde beeinflusst. In Arendsee ist da so eine Gemeinschaft“, versuchte der Angeklagte seine Lage zu erklären. Damit meinte der 27-Jährige die sogenannten Reichsbürger. „Die Deutsche Staatsgewalt existiert nicht, haben Sie mir beim letzten Mal erklärt“, so Hüttermann zum Angeklagten. Noch kurz bevor die Beamten ihn stoppen konnten, habe der 27-Jährige mit einem Reichsbürger gesprochen, bestätigte der Angeklagte gestern.

Auch als das Auto stand, hatten die Polizisten zunächst keine Gelegenheit, mit dem Flüchtigen zu sprechen. „Er hatte die Türen geschlossen“, berichtet der Polizeibeamte, und weiter: „Wir mussten beiseite springen, als er plötzlich wieder losfuhr.“ „Ich hatte Angst“, verteidigte sich der Arendseer vor Gericht. Er hätte in der Vergangenheit bereits „schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht“.

Im Saal wurde das Gemurmel lauter. „Es gibt ein Video, dass bestätigt, du hast nie einen Polizisten gefährdet“, mischte sich ein Zuschauer ein. Die Aufnahmen spielten aber trotz Drängens des Bekannten keine Rolle im Prozess. Es war aber letztendlich der Auslöser, weshalb der geständige Angeklagte seine Strafe von einem Jahr Gefängnis nicht annahm. „Ich finde es ausgesprochen dämlich, sich beeinflussen zu lassen. Der Begriff Reichsbürger ist Spinnerei“, machte Klaus Hüttermann während seiner Urteilsbegründung deutlich: „Sie haben meine Warnung vorher nicht verstanden. Die Ausmaße werden immer schlimmer“. Nach einer lauten Diskussion mit einem Zuhörer entschied sich der Angeklagte, nicht wie besprochen, auf Rechtsmittel zu verzichten.

Von Ann-Kathrin Rohmann

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