Kalte Winter bedeuteten aber auch große Not

Vom Eissegeln und Spazierengehen auf dem zugefrorenen Arendsee

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Als der Arendsee 2012 wieder einmal komplett von einer dicken Eisdecke überzogen war, nutzten einige Arendseer die Gelegenheit und ließen einen Eishockeypuck über die gefrorene Fläche am Strandbad schießen.

Arendsee. Immer wieder hört man in Arendsee den Wunsch: „Wann friert der Arendsee endlich wieder einmal zu, so dass man dort auch Schlittschuh laufen kann.“

Dabei vergessen die meisten, dass sie wesentlich öfter auf den LPG-Teichen zum Schlittschuhlaufen waren als auf dem Arendsee. Das letzte Mal vollständig und für längere Zeit war der Arendsee zum Jahreswechsel 2002 bis weit in den Januar 2003 sowie im Jahr 2006 und 2012 zugefroren.

Wie in einem verwunschenen Märchen: Diese beschauliche Winterimpression am Arendsee bot sich Spaziergängern im Jahr 2003.

Die Eisdecke war oft über 20 Zentimeter stark, so dass auch Stände mit Glühwein auf dem See aufgestellt werden konnten. Die Winter von 2009 und 2010 waren sehr Schneereich und langanhaltend, doch der See war nicht vollständig zugefroren. Das Hoch „Cooper“ und seine Ausläufer bescherten den Altmärkern im Jahr 2012 Temperaturen um minus 20 Grad und mehr und der Arendsee war ebenfalls weitgehend zugefroren.

Löcher in die Eisdecke geschlagen

Zum Eisbadetag am Sonntag, 12. Februar 2012, mussten Uwe Walter und Hans-Henning Schindler ein etwa dreimal drei Meter großes Loch in das 24 Zentimeter dicke Eis des Sees sägen. Ein Jahr später schneite es nochmals kurz vor Ostern, und Arendsee lag am 10. März unter einer dicken, geschlossenen Schneedecke.

Interessant ist es, in alten Zeitungen zu blättern und nach Berichten über kalte Winter zu suchen. Dabei fällt besonders der Winter des Jahres 1929 auf, in welchem die Arendseer den zugefrorenen Arendsee für zahlreiche Aktivitäten nutzten.

Bei herrlichstem Wetter trauten sich mutige Altmärker schon 1954 zum Eissegeln auf den Arendsee.

In den Büchern des Arendseer Männergesangvereins von 1847 ist am 1. Februar 1929 darüber zu lesen: „Heute Mittag, 12.30 Uhr, versammelten sich die Sänger mit ihren Damen zu der beschlossenen Partie mit zirka 20 Schlitten, und 70 bis 80 Teilnehmer waren zur Stelle. Um 13 Uhr ging es mit flotter Musik bei schönstem Sonnenschein und zirka zehn Grad Kälte die Straße entlang nach Ziemendorf. In Ziemendorf wurde bei Gastwirt Wiebeck eine Pause von zehn Minuten gemacht, und es ging weiter nach Gollensdorf. Nach einer Stunde fuhr man zurück nach Ziemendorf. Der größte Teil der Schlitten fuhr zum Gastwirt Törper. Es wurde auch getanzt. Nach einer dreiviertel Stunde marschierte alles mit Musik zum Gastwirt Wiebeck, wo ordnungsgemäß weggetreten wurde. Gegen 9 Uhr wurde Schluss gemacht, angespannt, und nach und nach strebten die Schlitten den heimischen Penaten zu.“

Zeitung wirbt für Spaziergang auf dem Eis

Die Zeitungsannonce von 1929 sollte viele Besucher locken. Neben einer Eisbahn wurde auch ein Konzert geboten.

Wenige Tage später warb der Verkehrsverein in Bad Arendsee mit Anzeigen in den Tageszeitungen für seine herrlichen Eisbahnen auf dem See, zudem gab es nachmittags ein Konzert. Selbst das mehr auf Urlauber ausgerichtete Stahlhelmheim (später Waldheim) warb mit seiner Eisbahn, die über den ganzen See bis nach Zießau reichte. Doch schon damals beklagten sich die Arendseer, dass bei diesem herrlichen Winterwetter und den zahlreichen Aktivitäten nicht so viele auswärtige Besucher in die Seestadt kommen wie im Sommer.

Nach dem Arendseer Wochenblatt war der See ab 2. Februar voll zugefroren. Zuvor herrschten Temperaturen bis minus 21 Grad, um 10 Uhr hatte man noch minus 14 Grad gemessen.

Die Mühle mit der „schwarzen Brücke“ in den 50er-Jahren.

Die tiefsten Temperaturen wurden am Sonntag, 10. Februar, mit minus 26 Grad gemessen. Selbst um 9.30 Uhr waren es bei Windstille immerhin noch minus 24. Es war so kalt, dass das Arendseer Wochenblatt am Montag, 11. Februar 1929, schrieb: „Die Kälte machte sich ganz besonders bemerkbar, als es gestern Nachmittag mit Musik quer über den See zum Bockbierfest nach Zießau gehen sollte. Es war dermaßen kalt, dass jeder gern auf diese Darbietung verzichtete und es vorzog, durch den Wald nach Zießau zu gehen.“

Gefahr einer Hungersnot im kalten Winter

Dass kalte Winter – besonders in den Zeiten, als man noch nicht durch das Drehen am Thermostat gemütliche Wärme im ganzen Haus erzeugen konnte – auch Not und Hunger mit sich brachten, soll ein Bericht des Hallenser Gelehrten und Mitglied der Akademie der Naturforscher Leopoldina, Albert Ritter, zeigen. Er beschrieb den außerordentlich langen und harten Winter des Jahres 1739 / 1740 ausführlich in seinem „Sendschreiben von dem Brandenburgischen Arendsee“. Danach begann es bereits am 10. Oktober 1739 zu frieren. Und der Frost hörte erst am 14. Mai 1740 wieder auf, was eine große Not der Landbevölkerung zur Folge hatte.

2010 wurde der See zum Schlittschuhlaufen genutzt.

In der alten Chronik der Stadt Arendsee von 1891 kann man über die Folgen dieses Winters nachlesen, „Die Brunnen waren ausgefroren, in die Erde war der Frost zwei Ellen tief eingedrungen. Überall lag erfrorenes Getier, Bäume barsten mit furchtbarem Knall. Wälder waren durch Schnee und Eis zerstört. Brot wurde aus Kaff, Kleie, Schrot und Mehl gebacken.“

Auch im Braunschweiger Kirchenbuch findet sich dazu eine Eintragung; „Zu ‘Heiligen Drei König’ hat der Ostwind und strenge Frost so zugenommen, dass sich fast weder Mensch noch Tier hat bergen können. Auch viele Bäume verdarben und gewähret, wie wohl nicht allezeit so hart, bis zum 14. Mai. Das war anzusehen, als wollte es gar nicht Sommer werden.“

Von Eckehard Schwarz

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